Musik im Plural: Gemeindepädagogische Chancen und Herausforderungen
Von Lukas Krüger
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Über dieses E-Book
Musik spielt für die Gemeinde und Gemeinschaft eine große Rolle. Bei vielen Gelegenheiten, zu denen Menschen zusammenkommen, hat Musik die Kraft, Menschen miteinander zu verbinden. Die Gemeindepädagogik kann sich diesem Sachverhalt produktiv zuwenden und Musik in unterschiedlichen Settings und unter verschiedensten Gegebenheiten und Vorzeichen einsetzen. So wird Musik zur Kirchenmusik.
Wie Musik im Allgemeinen, wirkt auch die Kirchenmusik auf verschiedenen Ebenen, in verschiedene Dimensionen und auf verschiedene Arten. Physikalische und emotionale Wirkungen beeinflussen die Wahrnehmung und die Reaktion und Offenheit der Menschen in der jeweiligen Lebenssituation. Religiöse und kulturelle Dimensionen von Musikstücken eröffnen Horizonte geistlicher Erfahrungen. Kirchenmusik hat einen Einfluss auf alle diese Aspekte. Sie kann nun auf vielen Ebenen gleichzeitig ihre Wirkung entfalten und den Menschen in seiner Stimmung und Motivation beeinflussen. Sie kann Gemeinschaft stiften oder zum Zerwürfnis führen, sie kann Botschaften vermitteln oder den Geist öffnen. Die unterschiedlichen Dimensionen der Kirchenmusik lassen sich nur schwer gegeneinander abgrenzen. Sie greifen ineinander und nehmen Einfluss aufeinander.
Die gemeindepädagogischen Chancen in der Verwendung von Kirchenmusik liegen in der Freiheit, sich ihrer sämtlichen Zugänge, Stile und Dimensionen bedienen zu können. Die große Herausforderdung dabei ist, weder die bestehende Gemeinde, noch die Zielgruppen, noch die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter aus den Augen zu verlieren. Denn die individuellen Anliegen der Menschen stehen im Mittelpunkt der Kommunikation des Evangeliums. Und bei jeder Kommunikation liegt der Schwerpunkt in erster Linie auf dem Zuhören!
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Buchvorschau
Musik im Plural - Lukas Krüger
Musik im Plural
Vorwort
Wahrnehmung und Grundlagen
Funktionen und Wirkungen von Musik
Kulturwissenschaftliche Perspektiven religiöser Musikpraxis
Theologische Horizonte
Musik und Kirche
Gemeindepädagogische Chancen und Herausforderungen
Kein Mensch ist wie der andere – Milieus in der Kirche
Religiöse Bildung im Medium von Musik
Professionelle und Ehrenamtliche Mitarbeiter
Dimensionen der Kirchenmusik als Chancen gemeindepädagogischen Handelns
Schlussbemerkungen
Literatur
Impressum
Vorwort
Halleluja! Singet dem HERRN ein neues Lied; die Gemeinde der Heiligen soll ihn loben. (Ps 149,1)
Von Anfang an wurden Gesang und Tanz dazu genutzt, die persönliche Beziehung zu Gott zu pflegen. Dennoch bereitet uns heute die Musik oft große Probleme, wenn sie nicht der Kommunikation mit Gott dient, sondern Mauern innerhalb einer Gemeinde aufbaut. Kirchenmusik steht in dem Vorurteil, altmodisch und stilistisch überhöht zu sein. Viele Menschen, die nicht den sonntäglichen Gottesdienst besuchen, geben sogar die Orgelmusik als Grund dafür an. In dieser Arbeit möchte ich nun diesem Mythos auf den Grund gehen und die Hintergründe und Auswirkungen der „klassischen" Kirchenmusik mit den Möglichkeiten und Grenzen anderer musikalischer Formen diskutieren. Das Thema der Musik in kirchlichen bzw. religiösen Kontexten ist ein weites Feld, mit diversen Anknüpfungspunkten. Über jeden dieser Punkte wäre es eine dankbare Aufgabe, eine eigene Arbeit zu verfassen. Die Würde des Gottesdienstes, die Anerkennung von Professionen und Leistungen sowie die Pluralität der möglichen Musikstile sind einige der Themen, die in dieser Arbeit nur ansatzweise aufgegriffen werden können.
Musik im Plural
Der Blick soll auf die vielfältigen Auswahlmöglichkeiten an Musikstücken, -stilen und -genres gerichtet werden. Auch Kirchenmusik ist nicht so einseitig, wie sie von vielen Menschen wahrgenommen wird. Sie ist reich an Variationen und Ausprägungen, zielt auf emotionale und intellektuelle Zugänge ab und stellt in sich immer die schöpferische Kraft Gottes dar. Anhand zweier ideologisch weit auseinander liegender Musikstile werde ich die jeweiligen Zugänge zu religiösen und theologischen Lernfeldern darlegen. Die Orgelmusik spielt dabei die Rolle der traditionellen Kirchenmusik, die ihren Ursprung in der reformatorischen Kirchengeschichte findet. Ihre Stärken sind vor allem die liturgische Ausgestaltung von Gottesdiensten und werkästhetische Verkündigung auf intellektuell höherem Niveau. Ihr gegenüber steht die Szene der christlichen Rock- und Popmusik. Besonders in Jugendkulturen ist dieses Genre weit verbreitet. In unserer erlebnisorientierten Gesellschaft gelingt es ihr, Menschen mit ihren religiösen Bedürfnissen wahrzunehmen und ihnen einen Weg zu zeigen, sich in selbstveräußernden Bewusstseinserweiterungen (Ekstase) mit Gott und seiner Liebe zu beschäftigen und zu identifizieren. Orgelmusik und christliche Rock- und Popmusik bergen wiederum ein breites Spektrum unterschiedlichster religiöser Erfahrungsfelder, auf die hier nur am Rande eingegangen werden kann.
Ein weiterer Aspekt legt den Schwerpunkt auf das plurale Feld der unterschiedlichen Menschen. Nicht nur die Kirche an sich, sondern insbesondere die Kirchenmusik steht vor der großen Herausforderung, vielen verschiedenen Menschen mit unterschiedlichsten Ansprüchen gegenüberzustehen. In einer Gemeinde sind verschiedene Altersstrukturen und Milieus vorzufinden, die unterschiedliche religiöse „Sprachen sprechen. Die pluralen Zielgruppen zu erfassen und in ihrem Lebensstil wahr- und ernst zu nehmen, stellt oftmals ein unüberwindbares Hindernis dar, wenn der Vermittlung von kirchlichem Wissen und Brauchtum die oberste Priorität zugestanden wird. „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.
(Mk 2,27) Dieses Wort Jesu aus dem Markusevangelium kann das Leistungsverständnis entschärfen, wenn man es auf die musikalische Förderung religiöser Entwicklung anwendet.
In der vorliegenden Arbeit sollen nun in dem ersten Teil grundlegende Wahrnehmungen aufgenommen werden, die ein tieferes Eintauchen in die religiöse Welt der Musik mit ihren weitverzweigten historischen und theologischen Wegen, erlauben. Diese Wahrnehmungen reichen von den physikalischen Auswirkungen auf Körper und Seele, mit ihrer Stärke in musiktherapeutischer Verwendung, über die kulturrelevanten Aspekte musikalischer Praxis. Desweiteren ist für eine Kirchenmusik das theologische Fundament unabdingbar, das sich wiederrum in die vier klassischen theologischen Disziplinen (biblische Theologie, Kirchengeschichte, systematische- und praktische Theologie) unterteilt. Die Grundlagen schließe ich mit einem Blick auf mögliche Spannungsfelder, die kirchenmusikalische Praxis mit sich bringen kann.
Die gemeindepädagogische Ausarbeitung beginnt mit der Darstellung verschiedener, in einer Kirchengemeinde anzutreffender Milieuvorstellungen. Hierbei werde ich untersuchen, ob sich die oben gezeigten Spannungsfelder, die sich auf Musikvorlieben festlegen lassen, in den Milieus widerspiegeln. Wie nun durch musikalische Bildung das Evangelium geistreich kommuniziert werden kann, soll im Verlauf der Arbeit ergründet werden. Hierbei wird immer wieder ein Bezug von klassischer und christlicher Rock-Popmusik hergestellt werden, der die Spannungen und Herausforderungen der gemeindepädagogischen Arbeit anschaulich aufzeigt. Anhand von vier exemplarisch ausgewählten Dimensionen sollen die Aufgaben einer religiösen Musikpraxis beleuchtet werden. Ist sie in der Lage, gemeindepädagogisch zu arbeiten? Kann Musik als Medium genutzt werden, um das Evangelium authentisch zu kommunizieren und den Menschen nahe zu bringen? Welche Verantwortungen kommen Haupt- und Ehrenamtlichen zu und welche der Gemeinde?
Wahrnehmung und Grundlagen
In diesem ersten Teil soll interdisziplinär ein Blick auf Musik und ihre praktische Umsetzung in verschiedenen Kontexten geworfen werden. Dazu soll zunächst ein Überblick darüber gegeben werden, wie Musik bzw. Geräusch oder (Schall-) Wellen physisch auf den Körper wirken und anhand welcher Parameter sie auch Einfluss auf die seelische Verfassung und die Spiritualität eines Menschen nehmen können. Im Folgenden werden kulturelle Aspekte einer religiösen Musikpraxis und ihre Stellung innerhalb einer Gesellschaft aufgezeigt, die im Anschluss historisch von den Anfängen einer (jüdisch-) christlichen Religiosität über den Werdegang der christlichen Kirche systematisch theologisch betrachtet werden. Einen Übergang zum zweiten Teil soll ein Überblick über praktisch-theologische Fragestellungen und Inhalte religiöser Musikpraxis schaffen, der sich der musikwissenschaflichen Perspektive bedient und den Blick bereits auf die aktuellen Situationen in deutschen Kirchen richten soll, wo musikalische Entscheidungen getroffen und vertreten werden, ohne dabei theologische Aspekte in Erwägung zu ziehen. Dabei sollen vor allem mögliche Spannungen zwischen religiös-musikalisch Agierenden Beachtung finden.
Funktionen und Wirkungen von Musik
Auch wenn Musik heute meist um ihrer selbst willen gemacht und gehört wird, können ihr unterschiedliche Funktionen mit diversen Wirkungen zugeschrieben werden, die auf den Körper, die Emotionen, aber auch auf das tägliche Verhalten (Körpersprache, Strukturiertheit, etc.) Einfluss nehmen. Die Wirkung von Musik auf den Menschen unterliegt insgesamt vielen Parametern. Auf der einen Seite finden sich die musikalischen Variablen, also Tempo, Rhythmus, Melodie, Harmonie, Darbietungsart etc., auf der anderen Seite die individuelle Situation des Zuhörers, also die Frage nach Ort und Zeit, sozialem Stand, etc. Die Möglichkeiten religiös-musikalischer Wirkungen
