Der Seher von Yys: Science Fiction Thriller
Von Alfred Bekker und W. A. Hary
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Buchvorschau
Der Seher von Yys - Alfred Bekker
Der Seher von Yys: Science Fiction Roman
von Alfred Bekker & Wilfried A. Hary
––––––––
Die ersten besiedelbaren Planeten waren entdeckt. Man entwickelte medizinische Methoden, um Emigranten körperlich auf die nichtirdischen Verhältnisse vorzubereiten, was allerdings auch eine gewisse Auslese nötig machte, und am 17. Juni 2058 wurde es endlich offiziell: Die Besiedlung des Alls konnte beginnen...
Eine neue Technologie, ein genialer Erfinder und ein Seher, der das Tor zu den Sternen öffnet - oder das Verhängnis bringt?
Ein rasanter Science Fiction Thriller.
W.A.Hary ist der Erfinder von „Mark Tate und schrieb an den SF-Serien „Die Terranauten
, „Erde 2000 und „Atlan
mit.
Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.
Copyright
Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von
Alfred Bekker
© Roman by Author /
© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/
Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alles rund um Belletristik!
Der Roman
Professor Eduard Hackenthal wagte es gar nicht, den erst achtzehn Jahre alten Karl Schmidt direkt anzusehen. Vielleicht befürchtete er, ansonsten so etwas wie menschliche Gefühle bei sich selbst zu wecken? Und so konnte er zu dem jungen Mann mit den dunkelblonden modisch langen Haaren in aller Härte das sagen, was seiner Meinung nach Sache war: »Sie müssen sich eben damit abfinden, Herr Schmidt: Es gibt Menschen und es gibt lebende Organspender. Sie sind kein Mensch, sondern Sie sind... Organspender. Auch wenn Sie wie ein Mensch geboren wurden.«
»Mir fehlt nur das richtige Elternhaus, wie?« fragte Karl Schmidt bitter. Aber es war doch wohl eher eine Feststellung als eine Frage. Denn er fügte hinzu: »Ich bin ein einfacher Arbeitersohn, erst achtzehn Jahre alt, und Sie haben mich eingefangen wie Schlachtvieh und geben mich nun zur Verwertung frei. Schlachtvieh wird geschlachtet, damit man es essen kann. Das ist sein Schicksal. Und ich werde geschlachtet, damit ein paar Reiche neue Organe für ihren abgewrackten Körper bekommen. - Erstaunliche Feststellungen für jemanden, der leider nicht als reicher Mensch, sondern als armer Organspender geboren wurde, nicht wahr?«
Er schaute gespielt bedauernd an sich herab. Die Zwangsjacke, die ihm der Professor verpaßt hatte, ließ nur vermuten, daß er eine ganz normale, schlanke Figur hatte, wie eben bei einem auch ansonsten völlig durchschnittlich und eigentlich auch unauffällig wirkenden Achtzehnjährigen üblich. Eine Sportskanone war er nie gewesen. Das hatte ihn auch überhaupt nicht interessiert. Aber er war auch noch niemals in seinem Leben krank gewesen. Noch nicht einmal Schnupfen. Auch keine Verletzung. Jedenfalls keine, an die er sich erinnern konnte. Obwohl er aß und trank, wonach es ihn gerade gelüstete, war es niemals zu Übergewicht oder Untergewicht gekommen. Andere hatten ihn darum beneidet.
Jetzt würde ihn niemand mehr beneiden - in dieser Situation. Aber - leider! - wußte kein Mensch, in welcher Situation er sich überhaupt befand. Außer natürlich dem Professor und seinem Team.
Der Professor zuckte gleichmütig mit den Achseln und wandte sich zum Gehen. »Eigentlich sollte es mein Abschied von Ihnen sein. Ich hatte sehr gehofft, daß Sie die Notwendigkeit unseres Vorgehens einsehen. Abwenden können Sie Ihr Schicksal sowieso nicht mehr. Auch wenn Sie auf Ihrer Uneinsichtigkeit beharren.«
»Jemand wird Ihre Machenschaften eines Tages aufdecken und Sie zur Rechenschaft ziehen!« drohte Karl Schmidt mit einem letzten aufflackernden Optimismus. »Man wird mich vermissen. Die Polizei...«
Der Professor blieb mit dem Rücken zu ihm noch einmal stehen. »Ach, wissen Sie, das hatten wir doch alles bereits, nicht wahr? Kein Mensch wird Sie vermissen. Weil ich Ihren Tod bestätigt habe: Ein tragischer Motorradunfall mit sofortiger Todesfolge. Wir hatten einfach Glück, daß Sie zwar ohne Bewußtsein, aber ohne Verletzungen hier eingeliefert wurden und alles gut erhalten blieb, was an Ihnen wertvoll ist!« Hinter ihm schloß sich die Tür mit einem schmatzenden Laut. Karl Schmidt wußte, was das bedeutete: Die Tür schloß luftdicht!
Er schrie verzweifelt, aber es gab keine Möglichkeit für ihn, sich aus der Zwangsjacke zu befreien. Und dann hörte er das Zischen des einströmenden Gases. Es würde ihn betäuben. Aber aus dieser Betäubung würde er niemals mehr erwachen. Weil ihm nach der bevorstehenden Operation lebensnotwendige Organe fehlen würden. Das stand unumstößlich fest. Daran führte nunmehr kein Weg vorbei. Und deshalb nutzte ihn auch alles Schreien nichts.
Er schrie trotzdem, bis sich die Bewußtlosigkeit wie eine schwarze Haube über ihn senkte.
*
Aber die Schwärze war nicht leer. Oder war inzwischen entsprechend viel Zeit vergangen? Wieso nahm er denn überhaupt noch etwas wahr? Eine diffuse Helligkeit. Er wollte die Augen aufreißen... spürte auch die Lider, die aber bereits weit aufgerissen waren, obwohl seine Augen nichts erkennen konnten. Ein dumpfer Schmerz war dort, wo sich die Augen befinden müßten.
Ich habe keine Augen mehr - zumindest keine vollständigen! schrien seine Gedanken. Jetzt war es ihm nicht mehr möglich, zum Schreien seine Stimme zu benutzen. Weil er keine Stimmbänder mehr hatte?
Er lauschte. Waren da nicht Geräusche? Stimmen? Er konzentrierte sich auf seine Ohren. Auf einmal wußte er: Ich habe keine Gehörorgane mehr! Man hat sie mir einfach aus dem Kopf geschnitten, um sie einem anderen zu geben, um einem Reichen sein Gehör wiederzuschenken. Nein: MEIN GEHÖR!
Die Panik übermannte ihn schier. Und dann dieser bohrende Gedanke: Wieso lebe ich überhaupt noch?
Er wollte sich auf seinen Herzschlag konzentrieren: Da war überhaupt keiner mehr! Mein Gott, dann bin ich doch... tot!? Aber... wieso denke ich überhaupt noch?
Wenigstens das Gehirn haben sie mir gelassen! dachte er in einem verzweifelten Anflug von Galgenhumor. Und ansonsten? Er »lauschte« in seinen Körper - zumindest in den Rest, der davon noch übrig war: Keine Beine mehr! Gott, sind die denn schon so weit mit den Transplantationen, daß sie sogar Beine austauschen können? Das wußte ich ja gar nicht. Was wußte ich denn überhaupt? Für mich war die Welt noch in Ordnung - mit meinen achtzehn Jahren. Zumindest halbwegs. Ich war zwar ein armer Hund, als Sohn arbeitsloser Eltern, selber arbeitslos und ohne Lehrstelle. Sozialhilfe, schwarze Jobs, um den Führerschein zu machen und ein gebrauchtes Motorrad zu kaufen. Gott, ich hatte es erst eine Woche lang. Dann die Landstraße, die langgezogene Kurve, die ich zu schnell gefahren bin. Und dann war da nichts mehr. Es wurde schwarz, so schwarz wie vor den Operationen. Ich wußte, daß ich tot war, tödlich verunglückt.
Wieso wußte ich das eigentlich? schrien seine Gedanken. Mein Gott, was ist los mit mir? Da stimmt doch was nicht. Ich weiß haargenau, daß ich bei diesem Unfall tatsächlich gestorben bin. Das kann ein Mensch niemals überleben. Aber ich erwachte trotzdem im Krankenhaus und war praktisch... unverletzt. Nur bewußtlos. Und dann bin ich ja auch bald zu mir gekommen. Doch es war zu spät. Man hatte mich bereits isoliert. Und wer wird an meiner Stelle im Sarg liegen? War die Beerdigung überhaupt schon?
Nein, ich will nicht!
Halt, halt, ganz in Ruhe. Ich muß nachdenken: Ich starb und wurde trotzdem zwar ohne Bewußtsein, aber unverletzt eingeliefert? Wie war das in meiner Kindheit? Bin ich nicht mal gestürzt, habe mir die Beine aufgefallen...? Ja, doch! Es ist passiert, immer wieder. Aber es war für mich normal, nach den Schmerzen keine Wunde mehr zu sehen. Jeder hat geglaubt, ich hätte einfach nur besonderes Glück gehabt. Ich auch. Stets. Wieso auch nicht? Man macht sich keine Gedanken über Unglück, wenn man es unbeschadet überstanden hat und es noch nicht einmal Spuren hinterläßt...
Und jetzt?
Ich konnte nur tot sein. Sonst wäre der Professor doch nicht auf die Idee gekommen, mich als Organspender zu mißbrauchen. Er hätte es nicht glaubwürdig machen können. Selbst er nicht, mit seinen Möglichkeiten...
Aber ich habe inzwischen sogar das... überlebt - das Organspenden? Ohne Herz, ohne Gehör, ohne Augen, ohne Beine, ohne... was weiß ich noch was?
Die Geräusche. Die Stimmen. ER hatte kein Gehör mehr - und »hörte« trotzdem?
Verwundert konzentrierte er sich stärker darauf. Tatsächlich, er konnte jetzt deutlicher hören. Die Stimme des Professors: »Es ist... unerklärbar! Es ist... Es widerspricht allen medizinischen Erkenntnissen!«
»Seht!« rief eine andere Stimme, eine weibliche. Sie gehörte zu einer hübschen Brünetten, deren eiskalte Augen im krassen Gegensatz zu ihrer hübschen Erscheinung standen. Jetzt waren ihre kalten Augen weit aufgerissen. Sie deutete auf die Beinstummel von Karl Schmidt. »Soeben haben wir erst die Beine amputiert. Die Wunden schließen sich. Das neue... das neue Wachstum beginnt.«
Karl Schmidt sah jetzt auch den Professor. Der war völlig konsterniert. »Dann wachsen diese wohl auch nach? - Er braucht Nährflüssigkeit, viel mehr Nährflüssigkeit. Na, wird's bald? Er hat eine seltene Blutgruppe. Jedes Organ ist eine Million wert, wenn ich entsprechend pokere. Und sie wachsen sogar nach! Habt ihr überhaupt eine Ahnung, was wir hier vor uns liegen haben? Das ist kein Organspender mehr, sondern eine wahre Goldgrube! Sogar die Augen wachsen nach. Sie sind schon wieder fast fertig. Wir werden alle unermeßlich reich, versteht ihr?« Seine Stimme überschlug sich: »Reich werden wir alle, unermeßlich reich!« Er lachte, und das klang ziemlich irre.
Keiner lachte mit. Aber jeder im Team betrachtete den vor ihnen liegenden Körper - nicht mit den Augen humanistisch eingestellter Ärzte, wie man es bei diesem Berufsstand vielleicht erwarten dürfte, sondern mit den gierigen Augen von Kriminellen, die den Coup ihres Lebens bestanden hatten.
Und Karl Schmidt »sah« und »hörte« das alles, obwohl er doch erst halbfertige Augen hatte - und wahrscheinlich auch noch unvollständig gewachsene Gehörorgane. Er »sah« und »hörte« einfach so.
Ich bin kein normaler Mensch - noch nie gewesen! Das war die entscheidende Erkenntnis, vor der er sich die ganze Zeit über gehütet hatte - trotz aller überdeutlicher Hinweise im Verlauf von immerhin achtzehn Jahren. Irgend so eine Art Mutant. Ich habe etwas in der Gene, was einmalig ist. Wohl nie zuvor sind bei einem Menschen Beine nachgewachsen und sogar lebensnotwendige innere Organe - egal, wie kompliziert sie auch sind. Nein, wohl noch niemals zuvor. Bis zu mir. Ein reiner Zufall, daß die ausgerechnet mich unter das Skalpell bekommen haben. Und sie meinen, daß dies ein glücklicher Zufall ist!
Er grübelte nach. Vom Einströmen des Gases bis jetzt war eine ziemliche Zeit vergangen. Das war klar. In dieser Zeit hatte sein Bewußtsein in dumpfer Abwartung verharrt. Es hatte sich regelrecht dagegen gewehrt, zu erkennen, daß er so etwas wie unsterblich war. Vielleicht nicht völlig unsterblich? Vielleicht gab es bei ihm auch so etwas wie einen Alterungsprozeß - obwohl alles nachwachsen konnte?
Er dachte an sein fehlendes Herz. In ihrer Euphorie hatten die Ärzte das scheinbar völlig übersehen: Er überlebte sogar ohne schlagendes Herz! Nur die Nährflüssigkeit war anscheinend von fundamentaler Bedeutung. Karl Schmidt tastete mit seinen immer besser werdenden Extrasinnen nach der Flüssigkeit. Nein, sie war ganz und gar nichts Besonderes: Ein Cocktail, wie man ihn grundsätzlich auch anderen Menschen zur künstlichen Ernährung verabreichte. Etwas modifiziert, zugegeben, aber nicht so besonders, wie er ursprünglich erwartet hatte. Obwohl der Professor für die Modifizierung verantwortlich war: Die Nährflüssigkeit war gehaltvoller als normal. Er hatte damit sicher das Wachstum der nachwachsenden Organe beschleunigen wollen.
Plötzlich spürte Karl Schmidt, daß in seiner Brust wieder ein Herz schlug. Es war soeben fertig geworden mit seinem Wachstum.
Wo ist eigentlich mein altes Herz? fragte er sich dabei unwillkürlich. Und noch während er darüber nachdachte, spürte er auch dieses: Es schlug in einer fremden Brust.
*
Karl Schmidt wollte mehr darüber wissen. Er erforschte die fremde Brust. Das war ihm möglich, da er den mentalen Kontakt mit seinem alten Herzen nicht verloren hatte. Er erforschte nicht nur die Brust, sondern auch den Menschen, dem dieses Herz jetzt gehörte: Dachte der zumindest! In Wirklichkeit wußte Karl Schmidt ab sofort, daß keines seiner Organe jemals einem anderen Menschen wirklich gehören würde. Sie blieben sein Eigentum!
Er machte die Probe aufs Exempel und befahl dem Herzen in dieser fremden Brust, stillzustehen. Es hörte sofort auf zu schlagen. So lange, wie Karl Schmidt es wollte. Erst danach schlug es wieder weiter. Karl Schmidt lachte triumphierend in sich hinein. Nach außenhin blieb er der bewußtlose Organspender, der mit seinen nachwachsenden Organen die Taschen der skrupellosen Mediziner vollmachen würde. Aber innerlich...
Er erforschte wieder den Empfänger seines Spenderherzens - und drang dabei auch bis in dessen Gehirn vor. Er öffnete dessen Augen und schaute sich dort um, wo sich der Herzempfänger befand. Er drehte dessen Kopf hin und her. Der Mann lag noch im Krankenbett. Und Karl Schmidt nahm an seinen Erinnerungen teil: Er war ein reicher Industrieller, mit nicht nur viel Geld, sondern auch mit viel, viel Einfluß. Und Karl Schmidt wußte, daß er diesen Mann nach seinen Wünschen manipulieren konnte. Er mußte es nur geschickt genug anstellen: Nicht wie eine Marionette, nein, denn er hatte ja nur Kontakt über das Herz. Etwas anderes wäre es gewesen, wenn der Großteil des fremden Körpers aus nachwachsenden Teilen von Karl Schmidt bestanden hätte...
Trotzdem: Der Triumph in seiner Seele war so groß, daß er sich beinahe verraten hätte. Aber er blieb der bewußtlose Organspender - nach außenhin. Obwohl er längst nach seinen Beinen forschte. Nein, die waren ja erst abgenommen worden und hatten ihren Empfänger noch nicht gefunden. Aber vielleicht seine Augen?
Er schaute durch seine alten Augen, die jetzt im Kopf eines ehemals Blinden steckten. Dessen Sehnerven waren bei einem schlimmen Unfall unversehrt geblieben. Deshalb war es möglich, daß er die Augen von Karl Schmidt hatte empfangen können. Normalerweise hätte es noch eine Weile gedauert, bis er wieder hätte sehen können. Aber Karl Schmidt half ihm durch seine Manipulation.
He, wenn die Augen schon länger entnommen wurden - wieso waren sie jetzt erst nachgewachsen?
Klar! beantwortete er sich die Frage selber: Die haben die Augen SCHON WIEDER entfernt. Genauso wie das Gehör, das Herz und die Beine.
Er lachte wieder - innerlich! Denn jetzt war er vollkommen sicher: Transplantiert nur ruhig weiter! Verpflanzt meine nachwachsenden Organe! Je mehr, desto besser, denn sie bekommen ja nur die Reichen und die Mächtigen. Bis am Ende... nur noch ich selber reich und mächtig bin! Ja, ihr kriminellen Idioten: Ihr seid nur noch meine Werkzeuge, um meine Organe zu verbreiten, damit meine Macht schön verteilt wird - bis ich unbesiegbar bin. Am Ende werde ich euch hinwegfegen wie Dreck. Nein, ich bin kein Mensch. Ich bin ein Organspender, Herr Professor! Aber ihr werdet wohl nie begreifen, in welchem Maße mich das zu etwas Besonderem macht!
Doch dann spürte er, wie ihm die Sinne schwanden. Er begriff auch sofort, wieso das so war: Sie hielten ihn normalerweise in der Nährflüssigkeit wie ein konserviertes Organ in Spiritus. Sie nahmen ihn nur heraus, wenn sie etwas von ihm entnehmen wollten. Diesmal hatten sie eine ganze Menge entnommen. Drum war er auch relativ lange außerhalb der Flüssigkeit gewesen. Vor allem mit dem Kopf. Und er hatte dadurch wieder atmen können.
Die Erkenntnis: Nur wenn ich atmen kann, erwacht mein Bewußtsein!
Die weitere Erkenntnis: Aber wie soll ich Einfluß nehmen auf die Organempfänger, wenn ich in einem totähnlichen Zustand dahinvegetiere?
Nein! schrien seine Gedanken mal wieder - unhörbar für das Ärzteteam, das nicht einmal ahnte, daß er vorübergehend aus dem Koma erwacht war. Ich will nicht wieder in die Dunkelheit zurück!
Doch dann war sie da, die Dunkelheit, unaufhaltsam und... vollkommen.
*
Georg Barringmore war einer der mächtigsten Männer der Erde, weil er einer der reichsten war. außer ihm wußte kaum jemand, wo er überall seine Hände im Spiel hatte - direkt und indirekt. Er zog seine Fäden weltweit, international, skrupellos und machtbesessen. Und genau dieses hatte ihn beinahe das Leben gekostet.
Ja, nur beinahe, denn andererseits hatten es ihm seine Macht und sein Reichtum erlaubt, etwas zu überleben, was normalerweise niemand überlebte: Einen Herzschuß!
Der Attentäter war sozusagen der cleverste Attentäter denn je gewesen. Sonst hätte er es nicht geschafft, bis zu ihm vorzudringen. Georg Barringmore wußte noch nicht im Detail, wie es ihm überhaupt gelungen war, denn dafür war er nicht lange genug wieder unter den Lebenden. Er würde sich darum kümmern, wenn es an der Zeit war. Das war wichtig, um künftige Fälle dieser Art auf jedenfall zu vermeiden.
Zur Zeit allerdings hatte er dringlichere Sorgen: Sein Herz hatte für ein paar Takte ausgesetzt, und Todesfurcht hatte ihn beinahe übermannt. Ja, sein neues Herz!
Der Professor hatte es ihm erklärt: Der Schuß hatte sein Herz getroffen, aber es hatte dadurch nicht völlig aufgehört, seine Aufgabe wahrzunehmen. Zwar hatte Barringmore sogleich das Bewußtsein verloren und wäre auch innerhalb von längstens zwanzig Minuten tatsächlich tot gewesen, aber seine Sicherheitsleute hatten ihn sofort ins nächste Spital bringen lassen. Das war absoluter Rekord! Gottlob war es das Spital von Professor Eduard Hackenthal gewesen, der weltweit einen erstklassigen Ruf als Organverpflanzer hatte. Wie der Zufall es gewollt hatte: Ein passendes Herz war bereit! Aber darüber sollten Barringmore und seine engsten Vertrauten strengstes Stillschweigen bewahren, denn laut dem Professor war das Herz mit der seltenen Blutgruppe, die zufällig derjenigen von Barringmore entsprach... Nun, jedenfalls sei das Herz für einen anderen gedacht gewesen. Derjenige war allerdings... weit weniger wichtig als ein Georg Barringmoore.
Klar, daß dies dem mächtigen Industriellen Georg Barringmore schmeichelte und er sich trotz seiner Skrupellosigkeit ab sofort in der Schuld des Professors fühlte. Es war sozusagen selbstverständlich, daß es niemals jemand erfahren würde, das mit dem Spenderherz. Offiziell hatte die Kugel des Attentäters einfach das lebenswichtige Organ in seiner Brust verfehlt. Nichts weiter.
Aber wieso hatte es vorhin ausgesetzt?
Barringmore gab mit den Augen ein Zeichen. Das genügte für die Krankenschwester neben ihm. Sie gab das Zeichen weiter an den diensthabenden Arzt, der nicht vom Krankenbett des Industriellen wich. Der Doc beugte sich über ihn.
»Mein Herz hat vorhin ausgesetzt«, sagte Georg Barringmore schwach. »Ein schlechtes Zeichen?«
»Nein, Mr. Barringmoore, das ist ganz normal«, log der Arzt zuversichtlich, obwohl er sich darüber selber schon seine Gedanken gemacht hatte: Normal war es keineswegs, sondern gänzlich unverständlich. Er hatte auch schon Alarm geschlagen - unbemerkt von den Sicherheitsleuten, die sich ebenfalls in dem überaus großen und reichlich ausgestatteten Krankenzimmer befanden. »Ihr Körper wehrt sich gegen das fremde Organ. Sie haben gewiß schon davon gehört: Eine Immunreaktion! Wir haben zwar medikamentös die Immunreaktionen Ihres Körpers unterdrückt, aber das durften wir nicht übertreiben, um nicht Risiken ganz anderer Art dadurch zu provozieren.«
Georg Barringmoore war halbwegs beruhigt und schloß die Augen.
Bevor er einschlief, fiel ihm noch etwas ein: War da nicht ein seltsames Tasten in seinem Kopf gewesen? Als würde sich etwas Fremdes in seinem Denken ausbreiten wollen...?
Er glitt in einen Traum hinüber, in dem diese eher vage Erinnerung ziemlich gegenständlich wurde: Das Herz dehnte sich in diesem Traum aus, um seinen ganzen Körper aufzufressen. Am Ende lag
