Der Schindelmacher: Historischer Roman
Von Hermann Stehr
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Über dieses E-Book
Hermann Stehr (1864-1940) war ein deutscher Schriftsteller aus der Grafschaft Glatz. Das Erscheinen seines Bestsellers "Der Heiligenhof" 1918 befreite ihn aus seinen finanziellen Nöten, und er stieg zu einem gefeierten Dichter auf.
Aus dem Buch:
"Die hölzerne Wasserrinne stand so weit von dem Schindeldache der Scheuer ab, daß von der untergehenden Frühjahrssonne nur ein schmaler, roter Lichtstreifen auf die Tenne geworfen wurde. Er kam etwa in der Mitte des Raumes zu Boden und verlor sich einen Augenblick in den krausen, weißen Holzspähnen, wie sie das Schnittmesser des alten Franz Tone quietschend hinwarf. Dann arbeitete sich das rote Licht aus dem Wirrwarr heraus, holperte zitternd über die Spähne und kroch wie erschöpft an der Tennwand hinauf, dem Bauer, der breit und träge dort lehnte, über die Lederhosen. Das mochte dem kraftlosen Abendlichte am schwersten fallen, denn die Hosen des Bauern waren spiegelblank gearbeitet und es fand keinen Halt."
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Buchvorschau
Der Schindelmacher - Hermann Stehr
I.
Inhaltsverzeichnis
Die hölzerne Wasserrinne stand so weit von dem Schindeldache der Scheuer ab, daß von der untergehenden Frühjahrssonne nur ein schmaler, roter Lichtstreifen auf die Tenne geworfen wurde. Er kam etwa in der Mitte des Raumes zu Boden und verlor sich einen Augenblick in den krausen, weißen Holzspähnen, wie sie das Schnittmesser des alten Franz Tone quietschend hinwarf. Dann arbeitete sich das rote Licht aus dem Wirrwarr heraus, holperte zitternd über die Spähne und kroch wie erschöpft an der Tennwand hinauf, dem Bauer, der breit und träge dort lehnte, über die Lederhosen. Das mochte dem kraftlosen Abendlichte am schwersten fallen, denn die Hosen des Bauern waren spiegelblank gearbeitet und es fand keinen Halt. Die paar Falten querüber nutzten ihm auch nicht viel; denn wenn es sich irgendwo festgesetzt hatte und Atem schöpfte, noch ein wenig höher zu rücken, fuhr der Bauer mit dem Beine jedesmal auf die Seite, daß das arme Licht wieder auf die Tennwand zurückfiel. Aber was sich so ein Lichtstrahl vornimmt, das macht er, ob es einem Bauern recht ist oder nicht, besonders wenn ihn das Frühjahr schickt. So ließ auch der Lichtstreifen in der Scheune nicht nach, dem Bauern am Beine hinaufzurücken, geraden Weges auf den blanken Uniformknopf zu, an dem die eine Seite des gelbgegriffenen Bauchlatzes hing. Und einmal vergaß sich der Bauer, weil das Schnittmesser des Schindelmachers an einen großen Ast gekommen war. Da rückte der Lichtstrahl gar ungestört weiter und saß bald mitten auf dem blanken Knopfe, balancierte darauf hin und her, sah sich eine Weile lustig um, daß es in dem dämmerigen Räume blitzte und hüpfte dann eilig mit einem langen Satze hinaus, der Sonne nach . . . . zitternd. Ihn fror, und die Sonne blies gerade ihre letzte glühende Wolke in die schwarzen Wipfel des nahen Berges.
Dann war es Abend und tief im Walde lachte allein noch ein höhnischer Häher.
„Wies schnell Obnd werd," sagte der Bauer.
„Nu ja, dås is eim Frihjåhre schon ni andersch: schnell donkel, schnell helle; bale wie bei a Kindern, Lachn und Flerrn ei em Säckla," erwiderte der Alte, indem er ächzend an dem Ast herumschnitt.
„Knitsch!" fuhr der Bauer erleichtert auf.
„Wupps, dårch wår er," setzte Franz Tone fort, ließ das Schnittmesser mit der rechten Hand los und fuhr sich mit derselben über die schmale Stirn mit den wulstigen Falten. Dabei schob er die großschildige Mütze zurück, daß auf jeder Seite des Kopfes ein großes Bündel eisgrauer Haare hervorquoll.
„Månchmol is schwer, gell ock," nahm der Bauer das Gespräch über die Arbeit wieder auf.
„Wenn a Åst kemmt wie der, åch jå."
Der Schindelmacher hatte schon den großen Mund mit den langen, gelben Zähnen geöffnet und nachdem er die Antwort, auf welche er gewartet, beendet hatte, stieß er ein rauhes Stöhnen aus, lang und behäbig.
„Wie lange machst dn schon Schendln, Franz Tone?"
„Genau . . . . zu Johanne warns . . . . verzig . . . . femf und verzig Jåhr."
„A hibsche påår Jåhrlan."
„Jo, datt wårscht du noch a Junge . . . . . . mecht ma sprecha," fügte der Alte respektierlich hinzu.
„Un sen thust de jetze?"
„Alt?"
„Jo."
„Achtunsechzig of a 17 da Juni."
„Dås wär grade heite iber acht Tage; of de Mittwoche hättste dein' Geburtstag!?"
„Nu - ja - ja - -"
Die Antwort kam zögernd, gedrückt, und Franz warf dabei wuchtig das Schnittmesser zu Boden.
„Åber ma sieht dir'sch nich å, wenn der Koop auch a weng zu Gråbe gieht."
„Ich glebs, Kroner . . . . . åber ich weß."
„Nu dås schon."
„Das heeßt, ich fiehls," fügte der Alte mit einem Ernst hinzu, der zu den alltäglichen Worten gar nicht paßte.
„Påßt dir‘sch n etwan nich?"
„Passa - - ach nu! - - wer frejt mich n drum?" Dann warf sich der Schindelmacher in die Späne, schob beide Hände unter den Kopf und spreizte die Beine.
„Wer ei a Spenn liejt un keens kån a nie meh wecka, der hots gut," sagte er dann langsam und sein Auge sah dabei starr auf die braunen Balken der Decke.
„Du meenst . . . . thut . . . ."
Franz Tone nickte nur stumm.
„Solche Gedanka muß ma met dr Peitsche fat treiba."
„Ja - - åber wohin!"
„Wo se her sen."
„Wenn se åber aus dir selber komma?"
„Ach, kee Pferd beißt sich selber."
Der Schindelmacher antwortete nichts. Er sah Kroner nur bitter lächelnd von der Seite an.
Eine Weile glühte dann sein schwarzes, großes Auge unter den starken Brauen hervor. Im nächsten Moment aber lag wieder die alte, starre Müdigkeit über dem breiten, grobfaltigen Gesichte mit den grauen Bartstoppeln.
„Dir werds aso nie giehn - dir, haha, dir! - ich weßt auch nie, wie dås komma sellde," lachte er, sich verhöhnend, und spuckte aus, indem er den Kopf zur Seite drehte.
„Mir nie, host recht, Mån," stieß es Kroner in wachsender Erregung hervor und schnellte sich aus der lehnenden Stellung auf, „mir nie, ich wer mich auch hitta un wer aso zeitlich eis Ausgedenge kricha wie Du. So lange ich a Pflug derhal, geb ich n nie aus a
