Entdecken Sie mehr als 1,5 Mio. Hörbücher und E-Books – Tage kostenlos

Ab $11.99/Monat nach dem Testzeitraum. Jederzeit kündbar.

feucht & fromm: Die schmutzigen Geheimnisse der Purity Culture
feucht & fromm: Die schmutzigen Geheimnisse der Purity Culture
feucht & fromm: Die schmutzigen Geheimnisse der Purity Culture
eBook430 Seiten4 Stunden

feucht & fromm: Die schmutzigen Geheimnisse der Purity Culture

Bewertung: 0 von 5 Sternen

()

Vorschau lesen

Über dieses E-Book

Dating, Küssen, sich (selbst) Anfassen, Sex vor der Ehe – alles Sünde. So hat Nana Myrrhe es in ihrem evangelikalen Umfeld gelernt und treu geglaubt. Bis dieses Weltbild immer mehr Risse bekam. In FEUCHT & FROMM berichtet die Autorin nicht nur vom eigenen Erleben des Keuschheitswahns, sondern schaut auf das, was dahinter liegt: die Purity Culture. Sie weist auf die vielen Unschuldigen hin, die in diesem System nur verlieren können, und deckt die perfiden Methoden einer Ideologie auf, die nicht nur in konservativ- religiösen Kontexten ihre Wirkung entfaltet.
SpracheDeutsch
Herausgeberruach.jetzt
Erscheinungsdatum18. Dez. 2025
ISBN9783949617898
feucht & fromm: Die schmutzigen Geheimnisse der Purity Culture

Ähnlich wie feucht & fromm

Ähnliche E-Books

Verwandte Kategorien

Rezensionen für feucht & fromm

Bewertung: 0 von 5 Sternen
0 Bewertungen

0 Bewertungen0 Rezensionen

Wie hat es Ihnen gefallen?

Zum Bewerten, tippen

Die Rezension muss mindestens 10 Wörter umfassen

    Buchvorschau

    feucht & fromm - Nana Myrrhe

    „DU SOLLST KEINEN GV HABEN"

    *zumindest bis du hetero verheiratet bist & if late or not, dann Pech

    Purity Culture ist ein kulturelles Phänomen, das eine lange (christliche) Tradition von Lust- und Körperfeindlichkeit, Unterdrückung von Frauen und queeren Menschen aufgegriffen und radikalisiert hat.

    DAS 11. GEBOT

    Du sollst nicht geschlechtlich verkehren – oder am allerbesten, weil man safe ist: Du sollst keinen Körper haben – scheint in manchen religiösen Communities und ultra-konservativen kulturellen Kontexten über den meisten anderen Verhaltensregeln zu schweben. Meistens einher gehen diese ungeschriebenen Gesetze mit Du sollst über Sex nicht reden; Du sollst dich dafür schämen, nackt zu sein; Du sollst jungfräulich heiraten. Aber ohne Körper wäre in streng-religiösen Settings oft schon mal viel geholfen. Kein Körper, keine Lust. Kein Körper, kein GV. Kein Körper, nur noch Geist. Es wirkt, als wären Moses’ Steintafeln von diesen hochreligiösen Gemeinschaften eigenhändig ergänzt worden. Von Menschenhand gemeißelt, als g*ttgegeben geheiligt: Die Purity-Gesetze.

    Sie liegen einem System zugrunde, das Sexualität aus einer spirituellen oder traditionsbewussten Motivation heraus restriktiv und hoch reglementiert behandelt: der Purity Culture. Andere mögliche Bezeichnungen sind Keuschheitsbewegung oder Reinheitskult. Sexualität wird hier als Sünde oder grundsätzlich unmoralisches Verhalten gewertet. Beinahe als Straftat, zumindest wenn sie nicht unter vielen religiösen Regeln und Voraussetzungen stattfindet. Sexualität wird mit spiritueller Verunreinigung oder sozialem Abstieg in einer religiösen Hierarchie gleichgesetzt und darf in Purity-Kulturen oft ausschließlich innerhalb einer monogamen Hetero-Ehe stattfinden. Jungfräulich in die Ehe! ist das Motto.¹ Das Warten oder sich Aufheben für die Ehe, die in diesem heteronormativen System zwangsläufig einmal stattfinden muss und ausschließlich als Verbindung eines Mannes und einer Frau gedacht wird, ist das kollektiv verfolgte Ziel.

    Nur innerhalb einer heterosexuellen Ehe gelten Formen des sexuellen Ausdrucks als akzeptabel, da Sexualität eng verbunden mit dem Schöpfungsgedanken und der Fortpflanzung vorbehalten ist. Masturbation gilt, unabhängig vom Beziehungsstatus, als Sünde – genauso wie Pornographie, Homosexualität, unkeusches Kleiden oder unreine Gedanken. In besonders strengen Kontexten sind schon anzügliche Filmszenen, Dating, Kuscheln, Küssen, Umarmen und das Verlieben an sich verboten – aus Sorge um ein Verderben des Geistes.² Vor- und außereheliche Sexualität wird in diesem Denken genauso als widernatürlich gewertet wie jegliche Formen queerer Sexualität.

    „Größtmögliche Reinheit im Bereich Sexualität bedeutet, mit niemand anderem als deinem zukünftigen Mann oder deiner Frau Geschlechtsverkehr zu haben",³ macht etwa der Purity-Ratgeber Love, Sex, God klar. Purity Culture setzt eine gezielte Tabuisierung von Sexualität und eine Reinheitstheologie ein, die jede Form sexuellen Ausdrucks, die nicht im Rahmen der kirchlich getrauten Ehe stattfindet, als geistliche Verunreinigung interpretiert und sexuell aktive Menschen als unmoralisch abwertet.⁴

    Dirty Talk, Schmuddelbildchen, schmutzige Blicke, ein versautes Lachen – die christliche Wertung von Sexualität als schmutzig hat auch in nicht-religiösen Räumen deutliche Spuren in unserer Sprache hinterlassen. Auch die Assoziation mit Schuld ist Teil unseres Sprachgebrauchs und damit auch unseres kulturellen Codes. Wir leben in einem kulturellen Raum, der das erste Mal Sex haben gerade bei weiblichen Personen auch seine Unschuld verlieren und Jungfräulichkeit bis heute mitunter Unschuld nennt. Dieser Sprachgebrauch impliziert, dass Sex haben mit einem Auf-sich-Laden von Schuld einhergehe. Schuld- und Schamgefühle rund um das Thema Sex sowie das unheimliche Gefühl, sich verunreinigt zu haben, kennen also nicht nur religiös sozialisierte Menschen. Purity Culture ist kein rein evangelikales Phänomen, auch wenn ich diese Form in diesem Buch besonders in den Fokus rücke. Die restriktive Sexualmoral findet sich in Form von ähnlichen Sets an geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen, Tabus, Riten und Glaubenssätzen in anderen kulturell konservativen und religiösen Gemeinschaften wieder. Sie tritt beispielsweise in muslimischen, jüdischen, mormonischen Kontexten, in Gemeinschaften der Zeugen Jehovas und der Sieben-Tags-Adventisten sowie weiteren religiösen und konservativen Gruppen auf,⁵ wenngleich in diesem Buch exemplarisch die evangelikale Purity Culture im Fokus steht, die ich selbst von innen kenne. *Im Gegensatz zu meinem Vaginaltrakt, lol.*

    „TRUE LOVE WAITS – „WAHRE LIEBE WARTET

    Bevor ich die evangelikale Purity Culture und insbesondere die US-evangelikale kulturelle True-Love-Waits-Welle beschreibe, möchte ich spezifizieren, was überhaupt mit evangelikal gemeint ist.

    (US-)EVANGELIKALISMUS

    Evangelikalismus ist eine weltweite Glaubensrichtung, die in vielen Ländern unter starkem direkten und indirekten Einfluss des US-amerikanischen Evangelikalismus steht. Er stellt in den USA mit einem Viertel der Gesamtbevölkerung die größte religiöse Gruppe dar und gilt weltweit als die am schnellsten wachsende christliche Bewegung.⁶ Auch in Europa sind evangelikal christliche Gruppen die religiösen Gruppen mit dem größten Zuwachs.⁷ In Deutschland hingegen schrumpften evangelikale Gruppierungen nach einem jahrelangen Anstieg zuletzt (Stand 2020). Aktuell sind circa zwei Prozent der deutschen Bevölkerung Angehörige von Freikirchen, die in übergeordneten Bünden organisiert sind.⁸ Spirituelle Bewegungen wie die Pfingstbewegung, die Gemeindegründungsbewegung, die Erweckungsbewegung und die charismatischen und neo-charismatischen Strömungen entstammen aus oder stehen in gemeinsamer Tradition mit dem US-amerikanischen Evangelikalismus. Neben der Inspiration durch prominente US-evangelikale Prediger oder Gemeindegründungen von US-evangelikalen Missionierenden wurde der frühe Evangelikalismus vom deutschen Pietismus beeinflusst.⁹

    Es gibt viele Parallelen, aber auch deutliche Unterschiede zwischen dem Evangelikalismus in Deutschland und dem in den USA. Während beispielsweise US-evangelikale Gruppen dazu neigen, die politische Rechte zu unterstützen, sich gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche, gegen die Gleichstellung von Mann und Frau, gegen die Rechte von queeren Personen und für die Todesstrafe einsetzen, an Wunderheilungen glauben und sich als Kämpfer gegen eine sozialliberale Gesellschaft sehen, positionieren und engagieren sich evangelikale Gruppen in Deutschland bisher deutlich weniger politisch.¹⁰ Ein Trend zur politischen Rechtsradikalisierung und politischer Polarisierung ist jedoch in gewissen Teilen der deutschen evangelikalen Landschaft seit kurzem beispielsweise an der Social-Media-Aktivität einflussreicher deutscher Christfluencer*innen zu beobachten, wie beim rechten YouTuber Leonard Jäger – auch bekannt als ketzerderneuzeit -, der sich medienwirksam bekehrte, danach Donald Trump auf dessen Wahlparty zum Wahlsieg gratulierte und unmittelbar vor der Bundestagswahl 2025 am Ende eines Interviews mit der AfD-Politikerin Alice Weidel über ihre Haltung zum christlichen Glauben öffentlich viel Erfolg bei den Wahlen wünschte und sagte, dass es klappen müsste.¹¹

    Evangelikalismus, das ist mehr als gemeinsame Gottesdienstfeiern in (Kirchen-)Gemeinden – es ist in der deutschen wie der amerikanischen Kirchenlandschaft vielmehr eine ganze Subkultur mit eigenen Popstars, Liedern, Musiklabels, Podcasts, Büchern, Influencer*innen, Netzwerken, Camps und Freizeitangeboten, einem eigenen Sprachgebrauch und vor allem mit Normen und Regeln.¹² Aufgrund einer hohen Durchmischung von Werten und theologischen Überzeugungen unter den verschiedenen Freikirchen wird evangelikal häufig unscharf als Sammelbegriff für alle christlich geprägten religiösen Gemeinschaften abseits der Landeskirchen verwendet.¹³ Manche halten Evangelikale für ultra-konservative Christen.¹⁴ Von ultra-konservativ bis liberal befolgt jedoch jede Gemeinschaft auf dem freikirchlichen Spektrum eigene und unterschiedlich strenge Regeln.¹⁵ Es handelt sich nicht um eine einheitliche Kirche, sondern um viele unabhängige religiöse Gruppierungen – eine vielfältige Freikirchen-Landschaft mit verschiedenen Strömungen, Bibelinterpretationen, Weltanschauungen, Gottesbildern und sozialen Hintergründen, die sich ideell überschneiden oder gegenseitig ablehnen.¹⁶

    Im deutschsprachigen Raum ist evangelikal deshalb eher eine (wissenschaftliche) Fremdbezeichnung. Die meisten evangelikal Gläubigen bezeichnen sich selbst nur als Christen und Christinnen, oder als wahre oder gar die einzig wahren christlich Gläubigen. Es herrschen ein elitäres Überlegenheitsgefühl und eine klare Abgrenzung gegenüber anderen christlichen und nicht-christlichen Glaubensgemeinschaften.¹⁷

    Auch frei-evangelisch oder evangelisch-freikirchlich sind Bezeichnungen, die beispielsweise Dachverbände von Freikirchen im Namen tragen und als Konfession in Geburtsurkunden von Freikirchenmitgliedern stehen und in der Kommunikation nach außen verwendet werden. Begriffe, die ich jedoch für irreführend halte, da evangelisch umgangssprachlich die Konfession evangelisch-landeskirchlich bedeutet, die von vielen evangelikalen Gruppen teilweise vehement abgelehnt wird, da sie beispielsweise die Kindstaufe, Segnungen und Trauungen gleichgeschlechtlicher Paare sowie ein wissenschaftlichhistorisches Bibelverständnis praktizieren.¹⁸

    Die konservativ-fundamentalistische Haltung vieler Freikirchen zeigt sich an einer Betrachtung der Bibel als von G*tt diktiertes und damit unfehlbares Dokument, oft genannt Wort Gottes. Eine Auslegung als historische Überlieferung wird ebenso abgelehnt wie die wissenschaftliche, historische oder kritische Auseinandersetzung mit biblischen Texten.¹⁹ In vielen Gemeinschaften spielen die biblischen Gesetze und deren Befolgung eine große Rolle, was als ein Leben nach dem Willen/Herzen Gottes führen bezeichnet wird.²⁰ Eine intime Beziehung zu Jesus und der Versuch, Jesus zu gleichen, sind häufig zentral für Mitglieder.²¹

    Evangelikale Freikirchen finanzieren sich meistens auf Spendenbasis und es herrschen deshalb hohe Erwartungen an die Mitglieder – auf sozialer und struktureller Ebene – so viel Zeit, Energie und finanzielle Mittel wie möglich in die Gemeinschaft zu investieren.²² Das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb dieser Communities ist hoch. Menschen, die die erwartete Lebensführung der jeweiligen Gemeinde(-leitung) befolgen, erleben dies als positiv.²³

    In evangelikalen Freikirchen wird häufig großer Wert auf das Wachstum der Mitgliederzahlen gelegt und dieses Ziel durch die Missionierung von Nicht-Evangelikalen in Form von Straßenmissionierung, Gemeindegründungen, Pfadfinder-Arbeit oder Freizeitangeboten für Kinder und Jugendliche erreicht.²⁴ Die Missionierung im persönlichen Umfeld sowie weltweit findet auch aus dem Gedanken heraus statt, dass man als wahre gläubige Person dazu verpflichtet sei, die Mitmenschen vor der Hölle zu retten.²⁵

    Mega Churches ziehen auch in Deutschland als sogenannte Erweckungsbewegungen junge Gläubige an – mit Konzert- beziehungsweise Festivalatmosphäre, einem modern inszenierten Look und einem starken Personenkult um die Celebrity-Pastoren an der Spitze.²⁶ Es gibt auch freikirchliche Gemeinschaften, die „wegen ihres autoritären Absolutheitsanspruchs oder ihrer autoritären Struktur als Sondergruppen oder gar als Sekten angesprochen werden können",²⁷ wie die Kirchliche Fachstelle für Religionen, Sekten und Weltanschauungen in der Schweiz es auf ihrer Webseite formuliert. Es gibt diverse Erfahrungsberichte von Ausgestiegenen sowie Mitgliedern evangelikaler Gruppen, die sich bezüglich bestimmter Missstände decken, wie beispielsweise hohen psychischen Druck in Bezug auf ehrenamtliche unbezahlte Arbeit, Missionierung des Umfeldes, Einhaltung vieler religiöser Verbote und Gebote sowie spirituellen Missbrauch, Frauenfeindlichkeit, physische Gewalt an Kindern, sexualisierte Gewalt, Dämonisierung und Tabuisierung von Sexualität, Dämonenaustreibungen, Queerfeindlichkeit, die Schaffung emotionaler Abhängigkeiten und Dämonisierung von Menschen, die Kritik äußern, oder Isolierung von weltlichen, also äußerlichen Einflüssen, um einige problematische Themen aufzulisten, die teilweise als offizielle Kriterien für die Einordnung als Sekte beziehungsweise problematische neureligiöse Gruppierung gelten.²⁸

    ZUCKER MIT FRÜCHTETEE

    „Spielstopp!", rufe ich. Es ist 2000. Ich bin etwa fünf Jahre alt und schütte mir am Teebuffet meiner Gemeinde in einem Münchner Vorort die weiße Teetasse mit Zucker bis zur Hälfte voll, hänge einen Früchteteebeutel rein und gieße alles mit maximal 100 ml Wasser auf. Zuhause darf ich keinen Zucker. Bei uns gibt es Saft nur zu besonderen Anlässen. Die ganze Woche nur Wasser oder noch schlimmer: Ungesüßten Früchtetee. Aber sonntags plaudert meine Mutter so vertieft mit Gemeindemitgliedern, dass sie nicht mitbekommt, was ich am Kuchenbuffet treibe, also psssst. Das muss unter uns bleiben. Wir genießen ein kleines Stück Freiheit, wenn unsere Erwachsenen erleichtert darüber sind, dass sie sich mal ungestört unterhalten können, ohne dass die Kinder nerven. Denn wir sind mit Rennen oder Lachen so beschäftigt, dass wir die Erwachsenen nicht groß beachten und andersrum. Außer Atem trinke ich meinen Zucker mit Früchtetee im Hotelfoyer, wo wir uns nach den Gottesdiensten aufhalten. Kurze Pause vom wilden Fangenspielen. Zwischen den Beinen der laut lachenden Erwachsenen hindurch, unter Tischen, zwischen Instrumenten und Kabeln der Worship-Bühne haben wir uns hindurchgejagt. Wie jeden Sonntag.

    Ich mache mir noch eine Tasse Zucker-Tee und lebe meinen Traum. Neben den Baumkronen der Kletterbäume vor dem Haus und dem Garten von Josepa* bin ich hier am liebsten. Es ist mein Happy Place. Josepa* ist meine beste Freundin, die auch meine Nachbarin ist und eigentlich, wenn man ehrlich ist, meine Schwester. Sie ist meine Fast-Schwester. Schwester im Geiste oder Schwester im Glauben sagen wir hier zu den anderen Mädchen und Frauen. Josepas* Mutter ist die beste Freundin meiner Mutter und ihre Eltern und Geschwister sind wie eine zusätzliche Familie, weil immer jemand von ihnen bei uns oder jemand aus unserer Familie bei ihnen ist. Auch die Familie des Pastoren Jim* sind unsere Nachbarn. Sie kommen aus Texas, die Mutter heißt Katelyn* und ist immer lustig und so warmherzig. Sie haben zwei Söhne und auch bei ihnen verlieren unsere Eltern oft den Überblick, welche Kinder gerade bei wem sind. Manchmal verstecke ich mich bei Josepa* im Kleiderschrank, wenn ich nicht nach Hause will, weil wir den ganzen Nachmittag so viel Spaß hatten und so wild zusammen gespielt haben. Mit ihr kann man Pferde stehlen. Oder sämtliche Blumen inklusive Wurzeln aus dem Nachbarsbeet. Alle, die ich in diesen fensterarmen Hotel-Seminarräumen treffe, sind wie enge oder entfernte Verwandte. Wir Kinder sind alle Spielkameraden. Wir sind nicht nur sonntags zusammen. Wir machen Gemeinde-Ausflüge, Gemeindefreizeiten – also Urlaube mit der ganzen Kirchengemeinde -, sie kommen zu Hauskreisen zu uns, wir sind bei den christlichen Pfadfindern, Bibeltreffen, Bibelkursen und Fahrradtouren und zu unseren Kindergeburtstagen zusammen. Im Kindergottesdienst lesen wir aus Kinderbibeln mit großen Bildern oder wir basteln, raufen und spielen.

    Was die Erwachsenen im Erwachsenen-Gottesdienst machen, weiß ich nicht und es ist mir gleich. Außer das Singen. Das mag ich sehr. „Über die Berge und das Meer fließt DEIN Liebesstrom zu mir" und „Creator God he is YAHWEH." Alles hier ist mir vertraut. Der Tageslichtprojektor, der die englischen oder deutschen Worship-Text an die Wand wirft, die Leute, die mir zulächeln, mich Huckepack nehmen, jagen oder kitzeln, die schweren dicken Vorhänge, hinter denen ich mich so gut verstecken kann. Das Strahlen meiner Mutter. Wenn sie hier ist, ist sie glücklicher. Sie singt im Lobpreisteam und ist dann eine andere Person, eine sorglose, eine fremde, eine charismatische. Ein Star. Und die schönste Frau auf der ganzen Welt. Ich hoffe, eines Tages werde ich so schön wie sie und so warm, empathisch und lustig. Und im Lobpreisteam hier will ich auch mal singen. Oder Schlagzeug spielen.

    Das hier ist ein guter Ort. Ich mag es nicht, wenn meine Mutter allein auf unserer Treppe weint und ich sie trösten muss. Wenn hier alle lebhaft plaudern und das angeregte Stimmengewirr zu einem wohligen Summen verschmilzt, wenn meine beste Freundin mit ihrem großen Zahnlücken-Grinsen „Fang mis" sagt, dann ist alles schön. Ein väterliches Nicken von Pastor Jim* und mir ist, als wäre ich Bundeskanzler.

    Josepa* und ihre Geschwister und die Kinder vom Pastor beneide ich oft. Ihre Väter wohnen bei ihnen im Haus und sind jeden Abend und jedes Wochenende da. Ich habe auch einen Vater und er liebt mich, obwohl er ausgezogen ist. Er ist seltener bei mir als mein himmlischer Vater. Deshalb habe ich zum Glück einen Vater im Himmel. Aber wenn ich die anderen Väter mit ihren Kindern sehe, bin ich oft traurig. Wie wenn ich auf das Foto in meinem Geldbeutel schaue. Wir haben es in einer Fotobox am Puchheimer Bahnhof gemacht, da war ich sechs oder sieben. Wir beide grinsen darauf und man sieht meine große Zahnlücke. Mein Vater hat mir ein Bild geschenkt und eins behalten.

    Aber noch bin ich fünf Jahre alt und fest davon überzeugt, dass er eines Tages zurückkommt. Anders kann ich es mir gar nicht vorstellen und anders ergibt es auch keinen Sinn. Er war schon mal zurück und hat wieder bei uns gewohnt, weil wir jeden Abend vorm Schlafengehen dafür gebetet hatten, aber dann ist er wieder gegangen. Bis er wieder da ist, gibt es die Wochenenden, an denen wir meinen Papa besuchen und bei ihm übernachten. Er macht immer lustige Sachen mit uns. McDonalds, Kino, Inliner fahren und auf Stadtfesten kalte Limo trinken. Und Oktoberfest. Jedes Jahr. Oder zum Gänseopa raus auf den Hof. Und dann vermisse ich ihn wieder elfeinhalb Tage lang. Ich warte auf die überlebenswichtigen zweieinhalb Tage.

    Manchmal gibt es keinen Kindergottesdienst und wir müssen uns in der Erwachsenen-Predigt langweilen, von der wir weder viel verstehen, noch irgendwas interessant finden. Dann sitze ich die Zeit ab und warte darauf, mit den anderen Kindern heimlich zu viel Kuchen zu essen, die Erwachsenen zu tunneln, meine Freunde zu jagen oder mich vor ihnen hinterm Vorhang zu verstecken, sodass die Füße nicht rausschauen. Und ich warte auf mein heiliges Sonntagsritual: Zucker mit Früchtetee.

    PURITY POLITICS

    Der evangelikal-religiöse Einfluss auf politische Entscheidungsfindung und kulturelle Prozesse ist weltweit verbreitet, aber in den USA besonders hoch. Evangelikale regierungsnahe Lobby-Organisationen verfolgen schon lange das Ziel, die Grenzen zwischen Staat(en) und Religion einzureißen und ihre Interessen – wie die Purity-Ideologie – in Gesetzgebungen zu verankern.²⁹ Obwohl die Purity-Kampagnen zum Erhalt staatlicher Förderungen ihr religiöses Image ablegen oder abschwächen mussten, standen hinter ihnen fast immer konservativchristliche Gruppen.³⁰ Deutlich wurde dies, als die Initiative Silver Ring Thing von der American Civil Liberties Union dafür verklagt wurde, auf ihren staatlich finanzierten Events zu evangelisieren.³¹ Die Regierung stoppte daraufhin die Finanzierung der 1993 gegründeten Initiative, die bis dahin 1,4 Millionen Dollar an staatlicher Förderung erhalten hatte. Mit privaten Mitteln besteht die Initiative allerdings fort und hält bis heute missionarische Purity-Großveranstaltungen ab. Dabei werden die Konzepte der Jungfräulichkeit und der seelischen Errettung miteinander in Verbindung gebracht.³²

    True Love Waits ist eine weitere Initiative, die 1993 von der Southern Baptist Convention gelaunched wurde und durch ihre Großkampagnen als größter Player der Purity-Industrie gilt.³³ Sie zeichnet sich durch ihr politisches Engagement gegen wissenschaftliche Sexualaufklärung an Schulen und durch den Grundsatz der radikalen Keuschheit vor der Ehe aus.³⁴ Ein Jahr nach der Gründung verantwortete True Love Waits die größte Purity-Massenveranstaltung, die es je gab: 20.000 Jugendliche wurden zur National Mall in Washington DC gebracht, um insgesamt 211.156 unterschriebene Purity Pledges (auf deutsch etwa mit Reinheitsversprechen oder Keuschheitsgelübde zu übersetzen) an Holzstecken im Rasen anzubringen. Danach durften 150 junge Purity-Aktivist*innen Bill Clinton privat treffen.³⁵ „Solche öffentlichen Demonstrationen sexueller Enthaltsamkeit als Zeichen der inneren Transformation wurden in den folgenden Jahren immer wieder medial inszeniert; so im Februar 1996, als 360.000 Gelöbniskarten beim ‚Thru the Roof’-Event im Georgia Dome, Atlanta, aufeinandergestapelt wurden, oder bei den Olympischen Spielen in Athen 2004, als 460 000 Karten aus 20 verschiedenen Ländern in der Nähe der Akropolis präsentiert wurden."³⁶ Im deutschsprachigen Raum etablieren missionarische Multiplikator*innen True Love Waits unter den Namen Wahre Liebe Wartet und Christen für die Wahrheit.³⁷

    Die US-Regierungen versprachen sich vom gesamtgesellschaftlichen Predigen der Keuschheit, das Gesundheitssystem massiv zu entlasten, und nahmen so die Vermischung von US-Gesundheitspolitik und religiösen Initiativen in Kauf. Das staatliche Budget für die Werbung für Abstinenz von Jugendlichen erreichte in den USA in den 1990er Jahren 15 Millionen Dollar.³⁸ 2005 wurde dieses Budget verdoppelt und 2016 verdreifacht.³⁹ Laut dem Sexuality Information and Education Council of the United States wurden seit 1981 insgesamt mehr als 2 Milliarden Dollar an staatlichen Mitteln in Abstinenz-Only-Kampagnen und -Lehrpläne gesteckt.⁴⁰ Da die Mittel für andere Projekte an die Umsetzung der Purity-Kampagnen geknüpft wurden, investierten bis auf Kalifornien alle Staaten Gelder in die Purity-Lehrpläne und -Werbekampagnen.⁴¹ Auf großen Schulevents, auf denen Popstars gemeinsam mit religiösen Führungspersonen und Comedians auftraten und Purity Pledges unterschrieben wurden, verwischten die Grenzen von religiösen Lehren und staatlicher Bildung. Es bildeten sich Purity-Support-Gruppen an Grundschulen, weiterführenden Schulen und Universitäten. Vor allem weibliche Mitglieder werben für die Purity Culture und pflegen Facebook-Gruppen, die Mädchen dabei unterstützen sollen, sich aufzuheben und die weibliche Reinheit zu schützen.⁴²

    Seit den 1980er Jahren haben alle US-Regierungen die religiös-konservativen Purity-Botschaften finanziell gefördert.⁴³ Ronald Reagan begann in den 1980er Jahren damit, in den USA auf politischer Ebene eine neue Konstruktion von Jungfräulichkeit als zentralem gesellschaftlichen Wert zu etablieren.⁴⁴ Seit den 1990er Jahren taucht die (evangelikale) Reinheitslehre auch in Form staatlich geförderter Abstinence-Only-Until-Marriage-Lehrpläne (AOUM Programs) in Schulen auf – auch bezeichnet als Abstinence-Only-Education (AOE).⁴⁵ In den 2000er Jahren öffnete Präsident George W. Bush dem Einfluss konservativ-evangelikaler Gruppen in den USA auf politischer Ebene Tore, die ihnen bis heute als eine Art Fast-Lane zu politischen Entscheidungstragenden dienen.⁴⁶ Er wurde zur heimlichen zentralen Schlüsselperson der staatlichen Verankerung, nationalen Verbreitung und des strategischen globalen Exports der Purity Culture.⁴⁷ Seine Regierung erließ Gesetzesänderungen, um die Abstinenz-Only-Botschaften religiös-konservativer Interessengemeinschaften mit Mitteln aus dem US-Haushalt maßgeblich zu fördern.⁴⁸

    George W. Bush gilt als eins der bekanntesten Mitglieder der Christian Endeavour (CE) – einer Vereinigung, die ihre Mitglieder vertraglich zu einem strengen Leben mit Jesus Christus verpflichtet.⁴⁹ In den USA sind die CE-Anhänger bekannt für ihre lautstarken Proteste, beispielsweise gegen Abtreibungen sowie für weitere ultrakonservative Anliegen.⁵⁰ Das deutsche Pendant von CE ist Entschieden für Christus e.V. (EC); der eingetragene Verein ist Teil der Evangelischen Kirche in Deutschland und erreicht mit 3.500 Jugendgruppen über 50.000 junge Menschen.⁵¹

    In den USA wurden die Mittel für AOE erst 2008 unter Barack Obama gekürzt, als Studien keine Auswirkungen der Abstinenz-Only-Sexualaufklärung an staatlichen Schulen auf das durchschnittliche Alter beim ersten Mal, die Anzahl der Partner oder die langfristige Abstinenz von Jugendlichen nachweisen konnten.⁵² Über 30 Jahre hinweg hatten die Regierungsinstitute als Messfaktor für den Erfolg der Purity-Kampagnen ausschließlich die Anzahl der unterschriebenen Purity Pledges, verkauften Promise Rings und beendeten Reinheitskurse bewertet – ohne Berücksichtigung des eigentlichen Sexualverhaltens der jeweiligen Jugendlichen auszuwerten.⁵³

    Obwohl inzwischen genug Daten und Forschungsergebnisse vorliegen, die einen positiven Effekt der Abstinenz-Bildung in Bezug auf die gesundheitspolitischen Ziele untersuchten und diesen verneinen, wird AOE seit der ersten Amtszeit Donald Trumps nach einem äußerlichen Makeover unter dem Namen Sexual Risk Avoidance Programs (SRA) fortgesetzt.⁵⁴ Ab 2016 wurden die Abstinence-Only-Budgets wieder verdoppelt und lagen im Jahr 2017 bei 90 Millionen Dollar.⁵⁵ Das erste Trump-Kabinett hat wissenschaftliche Sexualaufklärung und medizinische Prävention im Bereich von sexuell übertragbaren Krankheiten (STIs) um mehr als 200 Millionen Dollar staatliche Förderung gekürzt, um weitere Millionen in den Ausbau der Purity-Bildung zu investieren.⁵⁶ Trump ernannte die AOE-Verfechterin Valerie Huber als wichtige Beamtin im Ministerium für Gesundheit und Humanitäre Leistungen.⁵⁷ Heute noch wird „an vielen amerikanischen Schulen Enthaltsamkeit als einzige Verhütungsmethode gelehrt",⁵⁸ obwohl das Ziel der staatlichen Enthaltsamkeitsprogramme – die Eindämmung von STIs und Reduzierung von Teenager-Schwangerschaften – nicht erreicht werden konnte.⁵⁹ Junge Menschen hatten trotz AOE-Programmen Sex.⁶⁰

    Bereits 2002 blickte die Pro-Abstinenz-Only-Studie von Devaney der Wahrheit ins Auge, dass die meisten Teenager an den weiterführenden Schulen längst sexuell aktiv sind und eine ganzheitliche sexuelle Aufklärung mit medizinischem Wissen essentiell ist.⁶¹ Dies wird in weiteren Studien bestätigt, wobei zu beachten ist, dass die Erhebungen zur Häufigkeit und dem Erstalter beim Sex sowie Schwangerschaften meist auf eigenen Aussagen der jungen Menschen basieren. Da es sich um schambehaftete Themen handelt, können die Ergebnisse von der Wahrheit abweichen.⁶² Insgesamt ist durch die Vielzahl an sich gegenseitig bestätigenden Studienergebnissen aber davon auszugehen, dass die teuren Abstinenz-Programme an Schulen nicht funktionieren, um die politisch erwünschten nachhaltigen Verhaltensänderungen bei Jugendlichen in den USA herbeizuführen und sexuell riskantes Verhalten zu reduzieren.⁶³

    Ungeachtet dessen hat die rechts-nationalistische evangelikale Einflussnahme unter Donald Trump, selbst im Vergleich zu den republikanischen Reagan- und Bush-Regierungen, noch zugenommen.⁶⁴ In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu wissen, dass weiße evangelikale Amerikaner*innen zu einer der wichtigsten Unterstützergruppen von Trump wurden – sie wählten im Jahr 2020 zu circa 84 Prozent republikanisch.⁶⁵

    Insbesondere ab dem Purity-Popstar-Hype der späten 1990er und 2000er Jahre blühte die Verbreitung der Purity-Ideologie auf – nicht nur in den USA, sondern weltweit.⁶⁶ Auch die enge ideologische Vernetzung der globalen Freikirchenlandschaften trug vermutlich zur Verbreitung der Bewegung bei – kombiniert mit der Vorbildrolle der USA und der US-evangelikalen Missionsarbeit im Ausland. Auch die staatliche Aids-Bekämpfung mit religiösen Mitteln wurde durch Fonds, Budgets und Entwicklungszusammenarbeit auf weitere Kontinente, von Westafrika bis Ozeanien, exportiert.⁶⁷ Dies geschah im großen Stil beispielsweise durch die weltweite US-amerikanische Anti-Aids-Kampagne PEPFAR (President’s Emergency Plan for AIDS Relief).⁶⁸ In Kooperation mit den nationalen Gesundheitsämtern wurden in den 2000er Jahren als Mittel im Keuschheits-Kampf gegen AIDS in mehreren afrikanischen Ländern sogenannte Jungfrauen-Wettbewerbe initiiert, bei denen Jungfräulichkeits-Trophäen erkämpft werden konnten.⁶⁹ Die Kandidatinnen sollten einen Tanz in schönen Outfits aufführen, um ihr gutes Aussehen und ihren Charme unter Beweis zu stellen, und Fähigkeiten im Bügeln und Zusammenlegen von Kleidung demonstrieren, die als Eigenschaften einer guten Frau betrachtet wurden.⁷⁰ Außerdem

    Gefällt Ihnen die Vorschau?
    Seite 1 von 1