Über dieses E-Book
Kennt ihr das, wenn man auf seinem Bett liegt und völlig sinnlos rumheult? Ich bin Jule – und bei mir geht gerade alles ziemlich den Bach runter: In der Schule macht mir die Klassenzicke das Leben zur Hölle, ich habe Liebeskummer und jetzt hat mich meine Schwester auch noch überredet, in der Theater-AG mitzumachen. Bescheuerte Idee! Aber immerhin macht Twister da auch mit … und den finde ich eigentlich ganz süß. Und wie heißt es doch gleich am Theater? Kuss oder nicht Kuss, das ist hier die Frage!
"Einer solch charmanten und frechen Heldin kann man als Leserin nur schwer widerstehen!" Jugendliteratur aktuell
Jetzt als eBook kaufen und genießen: "Jule, kussecht". Der zweite Band der Jugendbuchserie für Leserinnen ab 12 Jahren von Beatrix Mannel. Wer liest, hat mehr vom Leben: jumpbooks – der eBook-Verlag für junge Leser.
Beatrix Mannel
Beatrix Mannel studierte Theater- und Literaturwissenschaften in Erlangen, Perugia und München und arbeitete dann zehn Jahre als Redakteurin beim Fernsehen. Danach begann sie – auch unter ihrem Pseudonym Beatrix Gurian – Romane für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu schreiben, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Für ihre aufwändigen Recherchen reist sie um die ganze Welt. Außerdem gründete sie gemeinsam mit einer Kollegin 2016 die Münchner Schreibakademie. Die Website der Autorin: www.beatrix-mannel.de/ Die Autorin auf Instagram: @gurianbeatrixmannel Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre Romane »Der Zauber der Vanilleblüte«, »Der Duft der Wüstenrose«, »Das Flüstern der Südsee« und »Die Hexengabe«.
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Buchvorschau
Jule - Band 2 - Beatrix Mannel
Über dieses Buch:
Kennt ihr das, wenn man auf seinem Bett liegt und völlig sinnlos rumheult? Ich bin Jule – und bei mir geht gerade alles ziemlich den Bach runter: In der Schule macht mir die Klassenzicke das Leben zur Hölle, ich habe Liebeskummer und jetzt hat mich meine Schwester auch noch überredet, in der Theater-AG mitzumachen. Bescheuerte Idee! Aber immerhin macht Twister da auch mit … und den finde ich eigentlich ganz süß. Und wie heißt es doch gleich am Theater? Kuss oder nicht Kuss, das ist hier die Frage!
Über die Autorin:
Beatrix Mannel studierte Theater- und Literaturwissenschaften in Erlangen, Perugia und München und arbeitete dann zehn Jahre als Redakteurin beim Fernsehen. Danach begann sie – auch unter ihrem Pseudonym Beatrix Gurian – Romane für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu schreiben, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Für ihre aufwändigen Recherchen reist sie um die ganze Welt. Außerdem gründete sie gemeinsam mit einer Kollegin 2015 die Münchner Schreibakademie.
Zur frechen Jugendbuchserie rund um Jule gehören die folgenden Bände: Jule – filmreif, Jule – kussecht, Jule – schwindelfrei, Jule – zartbitter
Bei jumpbooks erschien von ihr bereits die Serie S.O.S. – Schwestern für alle Fälle mit den Einzelbänden:
Willkommen in der Chaos-Klinik
Ein Oberarzt macht Zicken
Flunkern, Flirts und Liebesfieber
Rettender Engel hilflos verliebt
Prinzen, Popstars, Wohnheimpartys
und der historische Jugendroman Die Tochter des Henkers.
Mehr Informationen auch auf der Website der Autorin: www.beatrix-mannel.de
www.münchner-schreibakademie.de/
***
eBook-Neuausgabe September 2016
Copyright © der Originalausgabe © 2001 Loewe Verlag GmbH, Bindlach
Copyright © der Neuausgabe 2016 dotbooks GmbH, München
Copyright © 2016 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Tanja Winkler, Weichs unter Verwendung eines Bildmotivs von Thaut Images (fotolia.com)
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH
ISBN 978-3-96053-171-5
***
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Beatrix Mannel
Jule – kussecht
Roman
jumpbooks
Für Ulli,
die beste Schwester der Welt
EISZEIT
Kennt ihr das, wenn man auf seinem Bett liegt und völlig sinnlos rumheult? Das mache ich gerade, und es bringt natürlich nichts, nur dicke rote Augen und eine geschwollene Nase. Ich konnte noch nie weinen wie eine Feenprinzessin, der Tränen wie schimmernde Glasperlen von der bleichen Wange tropfen. Mir läuft der Rotz aus der Nase, und ich kriege keine Luft. Bestimmt wollt ihr endlich wissen, wieso ich dann trotzdem dieser Tätigkeit so intensiv nachgehe, statt etwas wirklich Schönes zu tun, wie zum Beispiel – ähh – Hausaufgaben zu machen.
Es ist ganz einfach – und einfach schrecklich. In meiner Klasse redet keiner mehr mit mir. Jetzt macht bloß nicht gleich wieder das Buch zu. Ich hab niemanden verpetzt, ich hab auch keiner Freundin den Typen ausgespannt, nein, mein Verbrechen ist anscheinend viel schlimmer: Ich habe eine Zeit lang bei einer Fernsehserie mitgespielt. Und seit das vorbei ist und ich wieder zurück bin, sagen die anderen nur noch zu mir: »Na, fette Fernsehziege« oder auch »Na, Ex-Fernsehstar«. Ich verstehe das nicht. Ich habe mich überhaupt nicht wie ein Star benommen. Ehrlich.
Es klopft an meiner Tür. Ich versuche mir das Gesicht abzuwischen, aber wahrscheinlich ändert das wenig an meinen Kaninchenaugen.
Es ist meine große Schwester Cindy, die da durch das Zimmer schwebt und sich auf mein Bett setzt. Sie sieht aus wie immer: perfekt. Sie ist groß und schlank und hat wunderschöne, leuchtende, blonde, lange Haare. Nicht so stachelige, fettige, rote Zipfelfransen wie ich. Cindy rümpft ihre kleine Stupsnase. »Hier mieft es. Du solltest frische Luft reinlassen.« Sie geht zum Fenster und reißt es auf, so weit, dass ich hören kann, wie die Pappel vor meinem Fenster im Sommerwind leise rauscht.
Ist Cindy nicht wunderbar? Sie fragt mich nicht, wieso ich heule, sie gibt keine fiesen Kommentare über mein verquollenes Boxergesicht ab und zwingt mich nicht, sie anzulügen und zu behaupten, ich hätte Heuschnupfen.
Cindy weiß nämlich, dass ich es verabscheue, beim Heulen erwischt zu werden.
Sie dreht sich um und mustert mich mit strengem Blick. »Wieso heulst du denn?«, fragt sie mich allen Ernstes. Von wegen wunderbar!
»Herzblatt hat mir abgesagt«, versuche ich einen Witz, aber Cindy verzieht nicht mal ansatzweise ihre paprikaroten Mundwinkel. »Jule, ich will dir doch nur helfen. Was ist denn los?«
»Nichts«, antworte ich stur und denke: Genau! Das trifft es auf den Kopf. Funkstille. Nichts.
»Was heißt nichts?« Cindy zieht eine Haarsträhne aus ihrem Pferdeschwanz und fängt an, darauf herumzukauen. Ich weiß, was das bedeutet. Sie ist beunruhigt.
»Nichts heißt nichts. Ich habe eine Allergie.« Genau genommen eine Allergie gegen meine Klasse.
»Jule, du bist so kindisch. Als ob ich nicht wüsste, was in der Schule läuft. Ich hab gestern Katharina und Sophie belauscht. Sie saßen im Bus vor mir.«
Meine beiden Lieblinge.
Katharina, Liebling Nummer eins, ist unsere Klassensprecherin und Chefin dieser Schweigekampagne gegen mich. Sie ist in etwa so sympathisch wie eine unterernährte afrikanische Tüpfelhyäne. Allerdings sieht sie aus wie ein Engel: blond, süß, pausbackig ... obwohl, nein, das nehme ich zurück. Das wäre eine Beleidigung für echte Engel.
Sophie, Liebling Nummer zwei, dient Katharina als Leibsklavin und würde auf Befehl ihrer Herrin keine Sekunde zögern, jemandem von hinten ein Messer in die Rippen zu stoßen; allerdings nicht, ohne vorher ihr Make-up zu prüfen.
Dass Cindy es überlebt hat, ein Gespräch der beiden zu belauschen, grenzt an ein Wunder. Schließlich kann sie nicht einmal eine Kakerlake erschlagen!
»Was hatten die Süßen denn so Weltbewegendes zu bereden?«, erkundige ich mich. »Hat sich Katharinas Bauchnabelpiercing entzündet? Oder möchte Sophie nun doch ein passendes Schlangentattoo auf ihrem Knöchel haben?«
Cindy schüttelt ihren Kopf. »Nein, es ging darum, dass du ganz schön alt aussiehst, jetzt, wo keiner mehr mit dir spricht.«
Mir fällt leider nichts ein, was ich dazu sagen könnte. Cindy legt ihren Arm um meine Schultern.
»Mach dir nichts daraus. Sie sind alle bloß neidisch, Jule. Du tust ihnen einen Gefallen, wenn du dich über diese kindische Aktion ärgerst!«
Sie hat gut reden. Cindy kennt solche Probleme überhaupt nicht. Obwohl sie schön und klug ist, schart sich immer ein Pulk von Busenfreundinnen um sie herum. Von den schmachtenden Jungs gar nicht erst zu reden. Ich dagegen habe nur ein paar Kumpels, männliche wohlgemerkt. Einen besten Freund habe ich allerdings auch, Matthias. Aber der ist leider nicht in meiner Klasse. Ich weiß nicht, warum, aber mit Mädchen freunde ich mich schwer an. Vielleicht liegt es an meinen Kilos? Ich bin nämlich 1,68 m und so hoch wie breit. Immer noch, obwohl ich in letzter Zeit dünner geworden bin. Ich kann neuerdings meine Fußspitzen sehen, wenn ich über meinen Bauch gucke, aber von Modelmaßen bin ich weit entfernt.
Cindy spuckt ihre Haarsträhne resolut aus. »Hör mal, Jule, ich kann mir vorstellen, wie schrecklich das für dich ist. Du musst etwas dagegen unternehmen. Und ich habe auch schon eine Idee.« Sie strahlt mich aus ihren blauen Augen an, als würde sie mir gleich ein Geschenk überreichen.
Cindy hat selten überraschende Ideen. Ich bin trotzdem gespannt. Alles ist besser als dieses eisige Schweigen, jeden Tag sechs Stunden oder länger. Cindy steht auf und stolpert über meinen bunten Flickenteppich. Aber sie ist so in Fahrt, dass sie es gar nicht merkt.
»Du trittst in die Theater-AG ein. Da sollen sehr nette Leute drin sein, nicht solche Giftspritzen wie in deiner Klasse. Und außerdem wird sie vom Zwilling geleitet.«
Ich bin verblüfft. Und zwar zum einen, weil meine Schwester gerade das Wort »Giftspritze« in den Mund genommen hat. Das ist höchst ungewöhnlich. Cindy spricht sonst immer druckreif. So etwas Ordinäres wie »Mist«, geschweige denn »Scheiße« oder »Arschloch«, kommt niemals aus ihrem Mund gekrochen. Sie ist einfach nicht fähig zu bösen Gedanken. Zum anderen habe ich keinen blassen Schimmer, wen sie mit Zwilling meint. Ich frage nach, und prompt bekommt Cindy einen verzückten Gesichtsausdruck.
»Zwilling ist der neue Deutschlehrer in der Oberstufe. Er hat eine Theater-AG für alle Jahrgangsstufen gegründet.«
»Machst du auch mit?«
Cindy schüttelt den Kopf. »Ich muss leider fürs Abi lernen. Endspurt! Wenn alles gut geht, dann helfe ich vielleicht bei den Kostümen oder Kulissen. Ich sag dir, dieser Zwilling ist wunderbar.« Cindy dreht begeistert eine Haarsträhne hin und her.
»Und was soll ausgerechnet mir die Theater-AG bringen? Dann sagen die anderen bloß, ich will jetzt auch noch ein Bühnenstar werden ...«
»Quatsch, wenn du in der Theatergruppe nicht geschnitten wirst, dann verpufft diese miese Aktion doch total.«
Ich überlege kurz. Was meint ihr? Ist das eine gute Idee? Oder macht es alles noch schlimmer? Andererseits, schlimmer kann es sowieso nicht mehr werden.
Cindy zumindest ist begeistert von ihrem Vorschlag. Oder liegt das vielleicht eher an dem Lehrer ihres Vertrauens?
»Woher kennst du den Zwilling?«
»Er ist mein neuer Deutschlehrer, Frau Meister musste den Kurs abgeben, weil sie angeblich einen Nervenzusammenbruch hatte.«
»Und was gefällt dir so an ihm?«
Cindy zieht ihre Nasenflügel zusammen. Das tut sie immer, wenn sie angestrengt nachdenkt. Und es sieht ein bisschen so aus, als würde sie gleich in Ohnmacht fallen, weil ihre Nase ganz weiß wird. Schließlich schüttelt sie den Kopf. »Ich habe keine Ahnung. Er ist nicht wie Superman oder so, aber er hat was. Er ist, na ja, er ist klug.«
Na prima! Das sollte man von einem Lehrer wohl erwarten dürfen, oder? Und hattet ihr schon mal einen Lehrer, der Superman ähnelte? Ich nicht. Das Beste, an das ich mich erinnere, war mal ein Sportlehrer, der ausgesprochen durchtrainiert war. Aber leider hatte er so einen ekligen blonden Schnauzer und spuckte beim Reden.
Cindy setzt sich wieder dicht neben mich aufs Bett. Wie macht sie es nur, dass sie immer so angenehm riecht? Fast so gut wie Mama. Cindy nimmt meine Hand. O Gott, was soll das werden? Schwören wir gleich auf die Bibel, die Wahrheit zu sagen und nichts als die Wahrheit? Cindy schaut mich durchdringend an. »Also versprich mir, dass du gleich morgen zum Zwilling gehst und dich eintragen lässt.«
»Ich schwöre, so wahr mir Gott helfe! Amen«, rufe ich mit kräftiger Stimme und schlage mir mit der freien Hand auf meine ziemlich magere Brust.
»Dass du aber auch über alles Witze machen musst.« Enttäuscht steht Cindy auf und verlässt mein Zimmer. Tja ihr merkt schon, sie hat, und das ist eins der wenigen Dinge, die ihr fehlen, wenig Sinn für Humor.
Ich sinke zurück auf mein Bett und starre aus dem offenen Fenster. Ich liebe diese Silberpappel. Wenn die Blätter durch den Wind hin und her flirren, sieht das aus wie flüssiges Quecksilber und manchmal sogar wie das Glitzern der Sonne auf dem Meer. Vielleicht denkt ihr jetzt, dass es ziemlich öde ist, so einen Baum anzuglotzen, wo es doch jede Menge Soaps gibt oder Playstation 2. Na ja, erstens habe ich keinen Fernseher in meinem Zimmer, weil meine Eltern in dieser Hinsicht aus dem Mittelalter sind. Und zweitens ist das auch etwas ganz anderes. Ich sag es nicht gerne, weil es sich ganz schön verrückt anhört. Aber der Baum versteht mich irgendwie. Ich kann mit ihm reden. Der Baum weiß auch, dass ich davon träume, ein wunderbarer, zarter, goldener Glanz zu sein. Oder vielleicht sollte ich sagen, dass ich davon geträumt habe. Manchmal kommt es mir so vor, als würde ich mit diesem Wunsch etwas zu hoch greifen. Oder zu niedrig.
Das Gute an dem Baum ist, dass er sich nicht verändert. Nur wie ich ihn sehe – das ist anders. Manchmal kommt er mir böse vor oder gemein. Aber das ist nur in meinem Kopf, denn der Baum, bleibt immer derselbe. Ist das nicht verrückt? Aber jetzt hab ich euch genug mit dem Baumkram voll gelabert.
Ich hole das Powerbook unter meinem Bett hervor und schließe es an die ISDN-Leitung an, um meine Mails zu checken. Das Powerbook hat mir Stefan geschenkt, bevor er nach Los Angeles gezogen ist, um zu lernen, wie man richtig Filme macht. Stefan war Aufnahmeleiter bei der Fernsehserie, bei der ich mitgemacht habe, und ich bin in ihn verliebt. Heute wird vielleicht doch noch mein Glückstag, denn er hat mir eine Mail geschickt.
«Liebe Jule», schreibt er. Immerhin «Liebe», nicht «Hallo».
«Sorry für die späte Antwort. Aber hier ist so viel los, ich komme zu nichts. Ich hoffe, dir geht es gut. Küsse, Stefan.»
Ich starre auf den Bildschirm. Das soll ein Brief sein? Am liebsten würde ich Stefans altes Powerbook an die Wand werfen. Ich verstehe das nicht. Wir waren doch so verliebt. Ehrlich, er war auch in mich verliebt. Ich weiß, das ist schwer zu glauben. Schließlich bin ich nicht gerade Julia Roberts, noch nicht mal eine Sparversion, aber trotzdem, er hat mich geküsst und noch ein bisschen mehr.
Und jetzt?
Jetzt schreibt er mir immer weniger. Ob er eine andere Freundin hat? Eine Amerikanerin? Ich sehe knackige Cheerleader in kurzen Röckchen mit Pompoms vor ihm herumwedeln und bekomme bei dieser Vorstellung Herzweh. Es fühlt sich an, als würde eine große Eisenspange über meine Brust gelegt und zugedrückt. Und das Schlimmste daran ist, ich kann überhaupt nichts machen. Ich sitze in München auf meinem Bett und kann nichts machen. Dabei würde ich am liebsten zu Stefan fliegen und nachsehen, was dort los ist.
Ich laufe in meinem Zimmer hin und her. Nicht wie ein Tiger im Käfig, sondern wie eine Irre. Mach dir nichts vor, Jule, sagt mein Gehirn. Stefan ist viel älter als du. Für den warst du ein nettes Mädel, nichts weiter. Vergiss ihn.
Mein Herz erwidert: Das kann ich nicht.
Worauf mein Gehirn klugscheißert: Dann musst du es üben. Lern einen anderen kennen.
Hahaha. Noch mehr so gute Vorschläge, und ich lache mich tot. Obwohl, vielleicht ist es doch keine schlechte Idee. Wozu habe ich denn Internetanschluss? Ich könnte zumindest ein bisschen chatten. Aber zuerst schreibe ich eine tolle Antwort auf diesen Nicht-Brief.
«Lieber Stefan», beginne ich. Und halte inne.
Auf keinen Fall! Ich schreibe besser: «Hi Stefan, bitte schick mir keine Mails mehr. Sie brechen mir das Herz, und das willst du doch sicher nicht, oder?»
Nein, so geht das auch nicht. Vielleicht: «Hi Stefan, leider habe ich keine Zeit mehr für dich, weil ich den Dings von dieser neuen Boygroup zum Lover habe.»
Schwachsinn. Stefan würde sich mit seinen braunen Augen einen abgrinsen, mit den muskelbepackten Schultern zucken und mich für total beschränkt halten.
Also entscheide ich mich für ein «Hi Stefan, danke für deine Mail. Bis bald, Jule.»
Ja, das ist gut. Knapp, nicht zu beleidigt. Das schicke ich aber erst in zehn Tagen ab.
Und damit mir nicht noch mehr böse Gedanken durch den Kopf wirbeln, mache ich mich auf in meinen Lieblings-Chatraum für Munich Teens und Twens. Ich habe übrigens den Chatnamen Silberglanz123, und prompt stürzen sich Tigerfell77, Kussecht99 und Muskeljohnny auf mich. Ich weiß nicht, wie es euch beim Chatten geht. Ich finde es meistens nicht besonders prickelnd. Immer dieselben Fragen: «Hey, wo kommst du her?» und «Was machst du gerade?» Ich antworte dann wahlweise: «Meinen Goldfisch füttern» oder auch «Mein Haar runterlassen» oder «100 Liegestütze». Ich würde zu gern mal schreiben: «Ich posiere gerade nackig vorm Spiegel», nur um zu sehen, was passiert.
Aber das traue ich mich nicht. Man weiß ja nie, ob man dann nicht lauter Telegramme von fiesen Gruftie-Perverslingen kriegt. Natürlich wollen Tigerfell und Kussecht als Erstes wissen, woher ich käme. Ich kontere mit «Neuseeland» und behaupte, dass ich erst seit kurzem in Deutschland sei. Radebreche ein bisschen Deutsch. Das macht Spaß.
Und ich verrate auch, dass ich weiblich bin. Die anderen drei geben an, m. zu sein. Auf meine Frage, was denn das bei ihnen bedeute: m. wie »mental gestört« oder m. wie »muskelbepackt« oder m. wie »muss ich erst meine Mama fragen«, antwortet leider nur noch Kussecht99. Er schreibt, ich könnte mir aussuchen, was ich von den drei ms am liebsten hätte: M wie »Mettwurst«, M wie »Mundgeruch« oder M wie »Möchte dich gern kennen lernen«. Leider ruft in diesem Moment meine Mutter zum Abendessen. Und sie mag es nicht, wenn wir zu spät kommen. Also verabschiede ich mich mit einem freundlichen «cu» und gehe ins Esszimmer.
Ich liebe meine Eltern. Sie sind wirklich in Ordnung, wenn man einmal von Mamas Wahnvorstellung absieht, dass sie unbedingt unsere Freundin sein will. Ich kann das nicht. Mama ist meine Mutter, und mit der kann man doch nicht über alles reden, oder?
Auf unsere gemeinsamen Abendessen legen Mama und Papa viel Wert. Sie finden, wir sollten uns einmal am Tag erzählen, was alles in unserem Leben passiert ist. Eigentlich keine schlechte Idee, wenn
