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Gnadenschuss: Roman
Gnadenschuss: Roman
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eBook225 Seiten2 Stunden

Gnadenschuss: Roman

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Über dieses E-Book

Ana|gramm, das; (von griechisch anágramma = „Buchstabenversetzung“) ein Wort, bei dem die einzelnen Buchstaben in einer anderen Reihenfolge angeordnet werden können und sich neue Wörter mit anderer Bedeutung bilden, beispielsweise ist „Gnadenschuss“ ein Anagramm zu „Gassenschund“ …
Apropos: eines Nachts überfährt Tom versehentlich einen Z-Promi – die Große Grete. Aber damit nicht genug. Noch in der selben Nacht lernt er zwei unglaubliche, aber für ihn wegweisende Lektionen: 1. Abgehalfterte bringen Geld, und zwar tot mehr als lebend. 2. Warum ist da vorher noch keiner draufgekommen? Das riecht nicht nur nach einem neuen Geschäftsmodell, es schreit förmlich danach.

Doch was rechtfertigt den Tod eines Menschen? Geld allein? Am Anfang ist es der Zufall. Am Ende ist es mehr. Toms Liste wird auch zu Matthias’ moralischem Kompass. Eine denkbar einfache Liste, mit der beide das Ableben ihrer Mitmenschen begründen. So gut und einfach sich diese Idee anhört, das mit dem Umbringen verkompliziert die Sache dann doch irgendwie. Matthias ist der vielversprechendste Kandidat, um aus Toms Geschäft eine florierende Nebentätigkeit zu machen. Doch plötzlich sieht er sich zunehmenden Attacken auf seine Psyche, danach im bequemen Sessel einem Psychiater ausgesetzt. Er fällt immer tiefer in ein wirres Geflecht, das nur eine Frage zulässt: Wo endet der Eine und wo beginnt der Andere?

Nichts ist so, wie es scheint, aber welche Zusammensetzung ergibt am Ende die richtige Bedeutung?
SpracheDeutsch
HerausgeberOmnino Verlag
Erscheinungsdatum2. Mai 2025
ISBN9783958943452
Gnadenschuss: Roman
Autor

Sascha Heeren

Sascha Heeren, Jahrgang 1981, wuchs im Elbe-Weser-Dreieck auf. Studium in Hamburg und München sowie berufliche Stationen in der Personalpsychologie und Organisationsentwicklung. Er lebt heute in der Nähe von Bonn und bleibt auch mit seinem neuesten Roman der literarischen Auseinandersetzung mit den Schattenseiten der Gesellschaft und den Abgründen des Menschseins treu. Zuletzt erschienen von ihm: „Gnadenschuss“ und „Omaboy“, beide im Omnino Verlag.

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    Buchvorschau

    Gnadenschuss - Sascha Heeren

    Cover: Gnadenschuss. Roman. by Sascha Heeren. Logo: Omnino.

    Gnadenschuss

    Sascha Heeren

    Gnadenschuss

    Roman

    Impressum

    Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

    ISBN: 978-3-95894-341-4 (Print)

    © Copyright: Omnino Verlag, Berlin / 2025

    Am Friedrichshain 22 / 10407 Berlin / info@omnino-verlag.de

    www.omnino-verlag.de

    Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.

    Inhalt

    Die Große Grete

    Linie 74

    Kämpfer der Matrix

    Tötet Onkel Ludwig

    Gottes Strafe

    Der Richtige

    Taschenspieler

    TomTom

    Liebe Leserin, lieber Leser

    oder: Hey, Du. Genau, Du.

    Eigentlich bin ich kein so schlechter Typ. Eigentlich nett. Dass ich duze, is’ keine Unart. Wobei das wahrscheinlich alle Unartigen von sich sagen. Und ‚eigentlich‘ ist nun auch nicht gerade ein Vertrauensgarant. Aber nein, ich spreche Dich mit Du an, weil’s um uns geht. Weil wir im selben Boot sitzen. Es geht mir also ums Prinzip. Eigentlich, denn wenn’s bloß das Prinzip wär’, dann könnt ich jetzt mit der ungeschönten Wahrheit herausplatzen. Ich könnt’s Dir aufladen, ohne Rücksicht auf Verluste – nur: Du würdest es nicht verstehen. Die bittere Wahrheit schlüge Dir ins Gesicht. Und dann. Dann haben wir das Problem. Nehmen wir zum Beispiel den Klimaschutz. Tagtäglich – und das schon seit Jahrzehnten – hören wir unmissverständlich: Wenn wir uns weiter ins eigene Nest kacken, wird’s irgendwann ungemütlich. Hat irgendwer bislang darauf gehört? Da sitzen wir auch alle gemeinsam im selben Boot. Also im Nest nebeneinander, und um uns herum türmt sich die Scheiße. Es riecht streng. Im übertragenen Sinn. In der Wirklichkeit is’ es extrem. Das Wetter spielt verrückt. Starkregen, Hitzewellen, Hagel, Hoch- und Niedrigwasser. Und trotzdem ertappen wir uns bei dem süßen Gedanken, dass Tropennächte in Deutschland auch irgendwie an Urlaub erinnern könnten. Urlaub ist schön. 2050 könnte Deutschland also ein Urlaubsland sein. Die Scheißwahrheit, dass wir einfach krepieren, weil’s zu heiß ist, lässt uns kalt. Dass wir bekanntlich nach rund zwanzig Minuten in der Sonne mittelschwere Verbrennungen bis in die tieferliegenden Hautschichten mit Blasenbildung bekommen, erinnert uns wieder nur an den letzten Urlaub. Schön. Kurzum: Der direkte Weg über die harte Wahrheit hat noch nie Probleme gelöst. Manche Wahrheiten müssen vorbereitet, müssen eingeleitet werden.

    Diese Weisheit lässt sich auf viele Bereiche anwenden. Politik, Gesellschaft und bis in die hintersten Ecken Deines Privatlebens. Wir sind versucht, Menschenfeinden einen Platz in der Gemeinschaft einzuräumen, obwohl sie offenkundig nicht ganz so gemeinschaftliche Typen sind. Unsere Kinder folgen jedem neuen Social-Media-Trend und werfen sich aktuell möglichst viele Schmerzmittel rein und hoffen, zu überleben. Die Idioten filmen sich dabei. Dabei hat Paracetamol nicht mal ’ne berauschende Wirkung. Das is’ alles bekannt, langjährig erforscht und keine Raketentechnologie. Sie werfen sich’s trotzdem ein. Tja, und so is’ der zweite Preis ein Platz auf einer Lebertransplantationsliste, der erste der Tod. Idiotie hat auch hier Hochkonjunktur. Die harte Wahrheit. Hilft trotzdem nichts. Versteh einer die Jugend. Und jetzt zur hintersten Ecke Deines Privatlebens; versteh einer den Rest: Wir lassen unsere Köter auf Gehwege und Spielplätze kacken und räumen’s nicht mal weg. Wir wundern uns über Hundehasser. Wir lassen unsere minderjährigen Zöglinge nachts unbeaufsichtigt durch Städte ziehen. Als wär’s normal. Bei Drogengeschäften niedergestochen, aber wir wundern uns, als wär’s nicht normal. Wir sind U30 und haben einen BMI von Ü30. Er steigt, Jahr um Jahr. Kilo um Kilo.

    Es is’ offensichtlich keine Muskulatur. Wir wundern uns, warum uns Mitte fünfzig der dritte Herzinfarkt endgültig dahinrafft. Wundern wir uns nicht. Also, was bleibt als Weisheit aus diesem schnellen Ritt durch unsere Hochkonjunktur: 1. Wähl keine Nazis. 2. Friss nicht mehr als die Packungsbeilage empfiehlt (und viel wichtiger: Folg nicht jedem Social-Media-Scheiß.) 3. Kümmer Dich um Deine Scheiße und die Scheiße, die sie hinterlässt. Nur am Rande (und weil’s grad so gemütlich ist): 4. Du hast ein Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten. Die Erde ist keine Scheibe.

    Aber zurück zum Thema. Zu uns. Denen das alles egal ist. Deshalb sind wir hier. Wir. Du. Ich. Die anderen. Alle in einem Boot. Aber lass mich von vorn beginnen. Nicht über den direkten Weg. Die harte Wahrheit will vorbereitet sein. Sie beginnt mit ’ner großen Dame und ihrem letzten Auftritt im Rampenlicht. Aber es geht auch um Linienbusse, um ’ne ganz besondere Linie … tja, was soll ich sagen …

    Die Große Grete

    Haste den Bus verpasst, is’ grad weg. Kannst noch so sehr rennen. Ich rück mal rüber, könnt länger dauern. Ich beiß nicht, versprochen. Mit der 74 is’s immer das Gleiche: Der Fahrer is’n Penner. Entweder übersieht er Dich oder die Karre ist zu voll. Dass ich nicht lache. Da kannst Du noch so dringlich gucken, das interessiert den nicht. Der saust an Dir vorbei. Na, schönen Dank, und ich darf dann auf den nächsten warten. Wir dürfen das jetzt. Is’ im Übrigen derselbe Bus mit demselben Fahrer. Worauf wir jetzt warten. Die Aussichten werden nicht besser. Das kommt davon, wenn man den Arsch der Welt verlassen möchte. Ich vermute, dass der Fahrer manchmal einfach so weiterfährt. Von wegen zu voll, ha! Weil er keinen Bock auf Fahrgäste hat. Werd ihn beim nächsten Mal drauf anhauen. Fragen, ob das auch außerhalb von Bremen üblich ist. Bei solchen Fahrpreisen muss man sich beschweren, ansonsten kriegste diese Scheiße nicht raus. Direkt drohen, sag ich immer. Direkt inne Fresse. Aber ich kann Dich trösten. Es gibt deutlich langweiligere Bushaltestellen, an denen man versauern kann. Auch wenn sie auf den ersten Blick nicht viel hermacht. Hier wird gestorben. Hier wird gemordet. Von Busfahrern. Du lachst, aber … nun gut, Mord is’ hier eher relativ. Aber sie töten, die Busfahrer. Siehste die Stelle? Die dahinten? Da isser aufgekommen.

    Nein, nicht der Busfahrer. Der Typ. Der Bus hat exakt und pünktlich hier an der Haltestelle angehalten. Genau hier hat er gestanden. Die Scheibe vom Bus war danach kaputt, natürlich, versteht sich, aber das Opfer hat nicht besser ausgesehen. Nur lag er dahinten. Is’ bestimmt sieben Meter geflogen. Locker sieben. Und diese Art von Mord is’ kein Einzelfall.

    Glaubste nicht? Nun, es gehört zur guten Sitte, sowas zu wissen. Es fing nicht mit dieser Bushaltestelle an, natürlich nicht. Sowas entwickelt sich. Schrittweise. Solche Dinge beginnen meist durch Zufälle, durch glückliche Zufälle. Und wenn’s um ’nen Mord geht, dann steckt meist mehr als nur einer dahinter. So sagt man’s hier. Tom, Matze, Leon und noch so’n paar andere Gestalten. Aber lass mich von vorn anfangen, mit Tom – er würd Dir mit Sicherheit gefallen, denn …

    Tom Tessin war ein komischer Kauz. Das wussten alle, die ihn kannten, und jeder, der ihn ansah – mit dem ersten Blick. Auch Matthias Neumann waren diese Eigenschaften bei der ersten Begegnung nicht entgangen. Sie lagen regelrecht auf der Hand, auch ohne diesen seltsamen Spitznamen, den er sich auch noch selbst gegeben hatte. Tom sah das ganz anders.

    „Ich bin TomTom. Wie geht’s?", stellte er sich zu Beginn des Wintersemesters vor.

    „Aha", war die einzige Reaktion.

    Tom Tessin saß in der Mitte des Seminarraums. Matthias Neumann daneben. Und die Dozentin erklärte ihr Dilemma, das Problem ihres Lebens. Denn der Kurs trug den Titel ‚Perspektiven interkultureller Erziehung und Bildung: Die Befremdung der eigenen Kultur‘, aber ihre Arbeitsschwerpunkte waren historische Bildungsforschung, pädagogische Ideengeschichte, Bildungstheorie und Wissenschaftsmethodologie. Man kann sich auch anstellen, dachte Tom, als er sich gerade in diesem Moment von seinem Sitznachbarn löste. Nicht gleich negativ auffallen, nicht so früh im Semester. Aber grundsätzlich war es ihm egal, was andere von ihm denken und halten, also setzte er flüsternd fort: „Und du?" Er hatte den Vorstoß, ein Gespräch im Seminar anzuzetteln, bereits auf der anderen Seite versucht, war aber fruchtlos an Luisa gescheitert. Alles sehr frostig. Sie hätte ihm sicherlich auch dann nicht geantwortet, wenn sein Spitzname nicht ‚TomTom‘ lauten würde.

    „Matze", gab Matthias leise zurück. Auch er versuchte, seine Dozentin nicht gleich in der ersten Stunde von seiner Erkenntnis einer falschen Seminarwahl zu überzeugen. Frau Prof. Dr. Christine Schwartz, die Dozentin, ging tiefer ins Detail, denn es schien ein größeres Problem zu sein. Die erste Viertelstunde referierte sie darüber, dass die ‚Perspektiven interkultureller Erziehung und Bildung‘ nicht ganz ihre Arbeitsschwerpunkte waren und, wenn es nach ihr ginge, auch niemals werden würden. Darüber hinaus schaute sie jeden Studenten, der es auch nur für den Bruchteil wagte, auf sein Smartphone zu schauen, mit verschlingendem Blick an.

    „Freut mich. Es freute Tom wirklich, denn Luisas liebloses Desinteresse hatte seinem Ego zugesetzt. Gerade ein großes Ego braucht Zuwendung. „Ist es nicht schön hier?, flüsterte er und hoffte auf die einzig richtige Antwort.

    „Ja, es ist nicht schön hier, sagte Matze regungslos, mit starrem Blick auf ein Lebenstrauma in der Mitte des Raumes gerichtet. Brüder im Geiste. Das wollte Tom hören. Matze gefiel ihm auf Anhieb. Das lag nicht nur daran, dass er der Einzige war, der sich jetzt und in den folgenden Jahren überhaupt länger als fünf Minuten mit ihm unterhielt. Eine innere Stimme sagte ihm, dass der Typ in Ordnung ist. Das Einzige, was noch zwischen beiden stand, war sein Spitzname „TomTom, den er äußerst cool fand. Er war der Navigator. So wollte er sich sehen. So erklärte er es auch Matze. Doch, warum auch immer, Matze fand den Namen „Bescheuert. Echt", so drückte er sich häufiger aus. Dennoch wollte Tom nicht kleinkariert oder nachtragend sein und ließ von diesem äußerst treffenden und smarten Nickname ab, meistens. Der Freundschaft zuliebe. Seither nannte er Matze wieder Matthias.

    Du fragst zu Recht, was hat’n das mit der 74 zu tun. Zu diesem Zeitpunkt gar nichts. Auch wenn die Weichen bereits gestellt sind und nicht mehr viel fehlt. Abgesehen davon, bis unser Bus kommt, dauert’s eh noch, glaub mir. Aber lass mich anders anfangen, früher, bevor Tom Student war. Bevor er Matthias kennenlernte, also …

    Als Tom Tessin seinen ersten Mord beging, war das eher ein Unfall oder vielmehr ein Zufall. Und damit auch kein Mord im engeren Sinne. Aber er ließ das an der richtigen Stelle nicht so aussehen. Dem Gesetz nach war er kein Mörder. Er hatte diesen Menschen nur versehentlich überfahren. Das war Zufall. Das war ein Unfall. Aber zufälligerweise hatte er den Richtigen verunfallt und wurde deswegen nicht mit Knast, sondern einer saftigen Prämie vergütet. Es zahlte sich also aus, für die richtige Stelle als Mörder zu gelten, und das war ganz gewiss nicht die Polizei. Der Richtige war in diesem Fall eine dreiundfünfzigjährige Frau mit einem graubraunen Bob-Haarschnitt. Sie hatte zwei erwachsene Söhne, führte seit circa dreißig Jahren eine abgewrackte Ehe mit einem versoffenen Mistkerl, der sie nur nicht vermöbelte, weil er stets, wenn er dieses Bedürfnis empfand, viel zu betrunken war, um noch treffsicher zulangen zu können, und sie hieß Margarete.

    „Ja, genau die Margarete, sagte ihm eine Stunde später der Polizeibeamte auf dem Revier. Tom begann erst langsam, wieder seinen Körper zu spüren. Die Dame vom psychologischen Dienst meinte, „das ist normal. Das ist der Schock. Sie konnten nichts dafür. Das wird schon wieder. Es musste ungefähr drei Uhr nachts sein, und Tom saß oder hockte vielmehr wie ein Häufchen Elend im Büro des Polizeibeamten, der noch eben seine Aussage aufgenommen hatte. Abschließend sagte der Beamte: „Ja, genau die Margarete." Margarete hatte jahrelang als Küchenhilfe und stellvertretende Köchin einer Tapasbar gearbeitet. Auch wenn ihr die spanische Küche nicht im Blut lag, sie hatte sich schnell mit den Burritos, den Enchiladas und den Quesadillas arrangiert. Abgesehen davon war die Bezahlung nicht schlecht gewesen. Irgendwann wurde sie arbeitslos. Zu alt für den Arbeitsmarkt, blieb ihr nichts weiter übrig, als Stütze zu kassieren. Ihre aufgeschnappten Spanischkenntnisse reichten nicht, um einen eigenen glaubwürdigen Tapasladen eröffnen zu können. Auch nicht in Deutschland. Mal abgesehen vom Kleingeld. Zufälligerweise suchte Deutschland zu diesem Zeitpunkt gerade irgendein Talent, ob nun Sänger, Tänzer, Maler oder was auch sonst. Hauptsache Talent. Margaretes Söhne meldeten ihre Mutter kurzerhand beim landesweiten Casting an, und ehe man sich versah, hatte Deutschland ein neues Talent. Aus Margarete wurde die Große Grete. Man liebte sie. Sie sah aus wie Gertraude ‚Ma‘ Flodder, nur ohne Zigarre. Aber mit Hauskittel und Gummistiefel konnte man sie (vor ihrem Erfolg) recht häufig sehen. Die Große Grete sah also scheiße aus, hatte aber eine Stimme wie Sarah Brightman.

    Tom saß auf dem Revier und konnte mit all dem nicht viel anfangen: „Und jetzt?", fragte er den Beamten mit müden, aber leicht zittrigen Augen. Beide Hände umklammerten die Armlehnen seines Stuhls.

    „Sie bekommen eine Anzeige wegen fahrlässiger Tötung, erklärte sein Gegenüber leicht abwesend, stark routiniert, trocken. Tom musste schlucken. Das hörte sich schlimm an. Irgendwie endgültig. Eine Anzeige. Dabei hatte er doch absolut nichts falsch gemacht. Das ganze Leben noch vor sich. Die Alte war einfach da gewesen. Mitten auf der Straße. Mitten in der Nacht. Was konnte er dafür? Und der Wagen war auch im Arsch, „aber ich glaube, da wird nichts weiter passieren. Sie waren nicht betrunken, hatten keine Drogen konsumiert, führte der Polizist nun einen Hauch lieblicher aus. „Sie hatten keine Chance, rechtzeitig auszuweichen, abgesehen davon: Man spaziert nachts einfach nicht über eine Landstraße. Unbeleuchtet. Das vergessen die Leute immer irgendwie. Und dann ist das Geheule groß, taute der Beamte immer mehr auf, trat zu Tom und klopfte ihm auf die hängenden Schultern. „Also, wenn Sie die Große Grete nicht gerade mutwillig plattgefahren haben, dann können Sie jetzt gehen. Und lassen Sie den Kopf nicht hängen, verabschiedete ihn der Polizist anschließend in eine – bis dahin – absolut beschissene Nacht. Beim Verlassen des Reviers wusste er nämlich noch nicht, wie sehr seine, aber auch Gretes besten Jahre noch bevorstanden.

    *

    „Dürfte ich Sie auf einen Kaffee einladen, oder sonst irgendetwas?" Eine unbekannte Stimme, eine kaum registrierte Störung.

    Tom kehrte der Polizei Bremen ausgelaugt und entnervt den Rücken zu. Er brachte gerade die letzte Treppenstufe hinter sich und stapfte abwesend der Bushaltestelle entgegen, als

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