Speisen der Götter: Die Suche nach dem ursprünglichen Baum der Weisheit
Von Terence McKenna
()
Über dieses E-Book
McKenna lässt die Geschichte der Drogen im Osten und im Westen Revue passieren, vom alten Gewürzhandel bis zu Marihuana, Kokain und anderen modernen Substanzen. Er beschließt das Buch mit einem Gesamtplan zur Lösung der heutigen Drogenprobleme, untersucht, warum die Jagd nach Glück illegal ist, wenn sie Pflanzen umfaßt, die in der freien Natur wachsen, und spricht auch das Thema Legalisierung von Drogen an.
Neuausgabe des gesuchten Klassikers von 1993.
Ähnlich wie Speisen der Götter
Ähnliche E-Books
Alchemistische Divination: Heilung und Führung durch den Zugang zur spirituellen Intelligenz Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDMT Handbuch - Alles über Dimethyltryptamin, DMT-Herstellungsanleitung und Schamanische Praxistipps Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWahre Halluzinationen Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Abenteuer am Rande Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenEntheogene im Dienste der Suchttherapie: Chancen und Risiken einer wiederentdeckten (neo-)schamanistischen Initiation Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenEkstatisches Erleben: Studien zur Geschichte und Psychologie ekstatischer Erfahrungen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenLehrerpflanze Cannabis - Ein schamanischer Ratgeber: Wie dir Cannabis hilft deine Gesundheit, deine Fitness und deinen Geist zu stärken Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAbenteuer Drogenmystik: Ekstasen zwischen Erleuchtung und Tod Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenSternenleben klären mit Gott & den Engeln: Ein Workshop Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenSchamanismus der Seele: Ein Erfahrungs- und Arbeitsbuch zur Selbstheilung und Rückverbindung mit der Natur und Seele Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenPsychedelische Tomaten: und andere Geschichten aus dem Schatten der Nacht Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenSpirituelle Phönix Medizin: Die Medizin der Gegenwart Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDrei Wochen ver-rückt: Erfahrungen mit einem Schamanen in Peru Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenRevision der Psychologie: Das Erbe eines halben Jahrhunderts Bewusstseinsforschung Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenPflanzenwesenheiten aus weiblicher Sicht: Der Pflanzengeist von Heilpflanzen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDas Quanten-Wunder: für alle Unser Leben geschieht energetisch! Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenEin schamanischer Blick auf die Welt: Dominique Zimmermann im Gespräch mit Roman Steiner Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenKönnen Priester fliegen?: Plädoyer für den Wunderglauben Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenPfade der Heilung: Authentische Erfahrungen mit schamanischen Heilsubstanzen in Südamerika Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAtlantis 2.0: Weckruf für das Bewusstsein der Menschheit Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDas Manuskript der Magdalena: Die Alchemie des Horus & die Sexualmagie der Isis Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenEin CE-5-Handbuch: Ein leicht zu verwendender Leitfaden, um dir bei der Kontaktaufnahme mit außerirdischem Leben zu helfen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenMagisches Kompendium - Energiezentren und Chakren: Die Kräfte der Haupt- und Nebenchakren, mit den Dynamiken der kosmischen Chakren des Selbst Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGespräche mit Thoth Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenSeid Vorübergehende: Die Konvergenz spiritueller Wege Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGrenzerfahrung Dunkelretreat: In den Tiefen meiner Seele Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenEntheogene Psychotherapie: Spiritualität, Reinkarnation und der Einfluss unserer Ahnen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenSchlüssel zum göttlichen Selbst: Der aufgestiegene Meister in Dir Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenIllusion Mensch: Du bist mehr als Dein Körper Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDIE ECHOS VON EDEN. Empfohlen von Erich von Däniken: Welche verborgenen Fähigkeiten erwachen in uns durch unser neues Wissen? Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Körper, Geist & Seele für Sie
Lexikon der Symbole und Archetypen für die Traumdeutung Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Psychonautik: Praxis der Bewusstseinsforschung Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Das tantrische Erwachen - Begehren, Leidenschaft und Spiritualität Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWie wir denken, so leben wir: As A Man Thinketh Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Die Erfindung der Esoterik: okkult, spirituell und mysteriös Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenTräume: Die geheimnisvolle Sprache des Unbewussten Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Sechste Tibeter: Das Geheimnis erfüllter Sexualität Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAlles Leben ist eins - Die Begegnung von Quantenphysik und Mystik Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenEngel und Devas Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenTranssurfing in 78 Tagen: Die Kunst der Realitätssteuerung Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Die Implizite Ordnung - Grundlagen eines ganzheitlichen Weltbildes Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenSchreib täglich!: Selbstcoaching für Autoren Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenSchöpfer der Wirklichkeit: Der Mensch und sein Gehirn - Wunderwerk der Evolution Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Hexen - Schamaninnen Europas Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Das Lenormand der goldenen Zeit: Legesysteme, große Tafel und Deutung für alle Lebensbereiche Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWerde eins mit der Natur: Lerne die Sprache der Tiere und Pflanzen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenZwölf kosmische Gesetze: Was unsere Welt im Inneren zusammenhält Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenLemuria und Atlantis Bewertung: 1 von 5 Sternen1/5Handbuch der Runenkunde Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenLalla - Mystische Gesänge des kaschmirischen Tantrismus Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenRauhnächte. Kompakt-Ratgeber: Das Mysterium der zwölf Schicksalstage Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenTantra: Entdecke die Kraft des vor-orgasmischen Sexes Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Magie der Worte Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDas Lied der Eibe: Eine Runen-Reise durch das Ältere Futhark Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Yoga auf dem stuhl für senioren, anfänger & schreibtischarbeiter: 5-minuten-yoga routine mit schritt-für-schritt-anleitung vollständig illustriert Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDu bist nicht krank, du isst das Falsche. Die großen Ernährungslügen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Rezensionen für Speisen der Götter
0 Bewertungen0 Rezensionen
Buchvorschau
Speisen der Götter - Terence McKenna
EINFÜHRUNG
EIN MANIFEST NEUER ÜBERLEGUNGEN ZUM THEMA DROGEN
Die planetarische Kultur wird von einem Schreckgespenst heimgesucht – dem Schreckgespenst der Drogen. Die durch die Renaissancebewegung geschaffene Definition der Menschenwürde, die sich zu den demokratischen Werten der modernen Zivilisation des Westens entwickelte, scheint sich am Punkt der Auflösung zu befinden. Aus den großen Medien tönt es in voller Lautstärke: Die Fähigkeit des Menschen zu zwanghaftem Verhalten und zur Sucht ist eine satanische Ehe mit der modernen Pharmakologie, dem Marketing und schnellen Transportmitteln eingegangen. Bis vor kurzem unbedeutende Formen einer Nutzung chemischer Substanzen konkurrieren jetzt offen auf einem globalen Marktplatz miteinander, auf dem es keine Regeln gibt. Ganze Regierungen und Nationen der Dritten Welt stehen im Bann legaler und illegaler Handelsgüter, die zwanghaftes Verhalten fördern.
Diese Situation ist nicht neu; sie verschlechtert sich jedoch. Bis vor gar nicht so langer Zeit waren die internationalen Drogenkartelle gehorsame Diener der Regierungen und Geheimdienste, die die Kartelle dazu geschaffen hatten, Quellen für ‹unsichtbare› Gelder zu suchen, mit denen ihre Art des institutionalisierten Zwangsverhaltens finanziert wurde.¹ Durch den beispiellosen Anstieg der Nachfrage nach Kokain gleichen diese Drogenkartelle heute bösartigen, von der Herde verstoßenen Elefanten, angesichts deren Macht selbst ihre Schöpfer allmählich unruhig werden.²
Von allen Seiten dringt das traurige Spektakel der ‹Drogenkriege› auf uns ein. Diese Kriege werden von den gleichen Regierungsinstitutionen geführt, die üblicherweise durch ihre Lethargie und Unwirksamkeit wie gelähmt sind oder offenkundig gemeinsame Sache mit den internationalen Drogenkartellen machen, die sie vor dem Druck der Öffentlichkeit zu zerschlagen gelobten.
In diese Situation eines allgemeinen Gebrauchs wie Missbrauchs von Drogen kann kein Licht fallen, solange wir unsere gegenwärtige Lage nicht einer schonungslosen Neubewertung unterziehen und einige alte, fast vergessene, Verhaltensweisen und Erfahrungsmuster im Umgang mit Drogen untersuchen. Dieser Aufgabe können wir gar nicht genug Bedeutung beimessen. In Eigenregie psychoaktive Substanzen zu nehmen, wird in wachsendem Maße zu einem Bestandteil der zukünftigen Entfaltung globaler Kultur werden.
EINE SCHMERZHAFTE NEUBEWERTUNG
Am Anfang jeder Neubewertung unseres Gebrauchs von Substanzen muss der Begriff der Gewohnheit stehen, «einer ständigen Neigung oder verfestigten Handlungsweise». Vertraut, sich dauernd wiederholend und größtenteils nicht Gegenstand einer Überprüfung, ist Gewohnheit einfach das, was wir tun. «Der Mensch ist ein Gewohnheitstier», sagt der Volksmund. Auch Kultur besteht zum großen Teil aus Gewohnheiten, die wir von den Eltern und den Menschen um uns herum gelernt haben und die langsam durch Veränderungen der Lebensbedingungen und inspirierten Neuerungen modifiziert werden.
Wie langsam diese kulturellen Umwandlungsprozesse scheinbar auch ablaufen mögen, im Kontrast zu den sich langsamer als Gletscherbewegungen vollziehenden Modifikationen einer Spezies oder eines Ökosystems präsentiert sich Kultur als ein fortwährendes Spektakel wilder Neuerungen. Wenn uns Natur das Prinzip der Wirtschaftlichkeit vor Augen führt, dann veranschaulicht Kultur sicherlich das Prinzip einer durch Exzess bewirkten Neuerung.
Wenn uns Gewohnheiten vereinnahmen, wenn unsere Hingabe an sie die kulturell definierten Normen übersteigt, bezeichnen wir sie als Zwänge. In solchen Situationen haben wir das Gefühl, dass die nur dem Menschen eigentümliche Dimension des freien Willens irgendwie beeinträchtigt wurde. Ein Zwangsverhalten können wir in fast jeder Hinsicht entwickeln: Das Lesen der Morgenzeitung kann genauso zum Zwang werden wie die Besessenheit von materiellen Objekten (beim Sammler), von Land und Eigentum (beim Gründer eines Imperiums) oder von der Macht über andere Menschen (beim Politiker).
Viele von uns sind ja vielleicht Sammler, nur wenige von uns haben jedoch die Gelegenheit, unserer Besessenheit so weit zu frönen, dass wir ein Imperium gründen oder Politiker werden. Der normale Mensch neigt dazu, seine Besessenheit auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, und zwar auf den Bereich unmittelbarer Befriedigung durch Sex, Nahrung und Drogen. Bewirken chemische Bestandteile der Nahrung und Drogen (auch Metabolite genannt) zwanghaftes Verhalten, wird das als Sucht bezeichnet.
Sucht und Zwangshandlungen gibt es nur bei Menschen. Gewiss, es gibt genügend Anekdoten, die den Gedanken unterstützen, dass es auch bei Elefanten, Schimpansen und einigen Schmetterlingen eine Vorliebe für Rauschzustände gibt.³ Wir sehen jedoch, dass es wie bei der Gegenüberstellung der linguistischen Fähigkeiten von Schimpansen oder Delfinen und der Sprache des Menschen riesige Unterschiede zwischen dem entsprechenden Verhalten der Tiere und dem der Menschen gibt.
Gewohnheit. Zwangsverhalten. Sucht. Diese Begriffe sind Wegmarken auf der Bahn eines immer weiter dahinschwindenden freien Willens. Der Begriff der Sucht beinhaltet das völlige Fehlen der Kraft des freien Willens, und in unserer Kultur wird Sucht jeglicher Art als ernste Sache angesehen – insbesondere bei einem exotischen oder unüblichen Suchtverhalten. Im neunzehnten Jahrhundert wurde der Opiumsüchtige im Englischen mit dem Begriff ‹opium fiend› bezeichnet, wobei ‹fiend› in der Bedeutung von ‹Erzfeind› oder ‹Satan› die Vorstellung einer dämonischen Besessenheit durch eine kontrollierende Kraft von außen anklingen lässt. Im zwanzigsten Jahrhundert wurde der Süchtige als besessene Person durch die Vorstellung von der Sucht als Krankheit ersetzt. Bei dieser Vorstellung ist der freie Wille endgültig zu einem Nichts zusammengeschrumpft. Für Krankheiten, die wir erben oder die wir uns zuziehen können, gelten wir ja schließlich auch nicht als verantwortlich.
Die chemische Abhängigkeit des Menschen spielt heute jedoch eine viel bewusstere Rolle bei der Ausbildung und Aufrechterhaltung kultureller Werte als je zuvor.
Seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hat die organische Chemie Forschern, Ärzten und letztendlich jedem immer schneller und effizienter eine unendliche Fülle synthetischer Drogen an die Hand gegeben. Diese Drogen sind stärker, wirksamer, wirken länger und rufen in einigen Fällen eine um ein Vielfaches stärkere Sucht hervor als ihre natürlichen Verwandten. (Eine Ausnahme ist Kokain, das ausgesprochen zerstörerisch wirkt, wenn man es aufbereitet, konzentriert und injiziert, obwohl es sich dabei um ein natürliches Produkt handelt.)
Das Aufkommen einer globalen Informationskultur hat zur allgemeinen Verfügbarkeit von Informationen über der Erholung dienliche, aphrodisische, stimulierende, beruhigende und psychedelische Pflanzen geführt. Diese Pflanzen waren von neugierigen Menschen entdeckt worden, die in abgeschiedenen und bis dahin nicht miteinander in Verbindung stehenden Regionen des Planeten lebten. Zeitgleich mit dem Eintreffen dieser Flut an botanischen und ethnographischen Informationen in der westlichen Gesellschaft, durch die Gewohnheiten anderer Kulturen auf die unsere übertragen wurden und uns größere Wahlmöglichkeiten als je zuvor zur Verfügung standen, ging es auf dem Gebiet der Synthese komplexer organischer Moleküle und im Ausmaß unseres Verständnisses des molekularen Mechanismus der Gene und der Erbmasse in Riesenschritten voran. Diese neuen Einsichten und Technologien tragen zu einer ganz anderen Kultur psychopharmakologischer Steuerungstechniken bei. Designerdrogen, MDMA oder Ecstasy und Anabolika, die von Athleten und Teenagern dazu genutzt werden, die Bildung von Muskeln anzuregen, sind die Vorboten einer Ära, in der wir auf pharmakologischem Wege noch häufiger und wirksamer darauf Einfluss nehmen, wie wir aussehen, welche Leistungen wir vollbringen und wie wir uns fühlen.
Die Vorstellung, den Gebrauch von zunächst Hunderten und dann Tausenden von leicht herzustellenden, heiß begehrten, jedoch illegalen synthetischen Substanzen auf globaler Ebene strengen Reglements zu unterwerfen, entsetzt jeden, der auf eine offenere und weniger reglementierte Zukunft hofft.
DAS WIEDERBELEBEN DES ARCHAISCHEN
Dieses Buch will die Möglichkeit einer Wiederbelebung der archaischen Einstellung gegenüber der Gemeinschaft, der Verwendung von Substanzen und der Natur erkunden, die einer vorindustriellen, des Lesens und Schreibens unkundigen Kultur entsprach und unseren prähistorischen nomadischen Ahnen vor dem Aufkommen des gegenwärtigen, ‹westlich› genannten Kulturstils über eine lange Zeit hinweg gute Dienste geleistet hat. Der Begriff ‹archaisch› bezieht sich dabei auf die sieben- bis zehntausend Jahre zurückliegende Zeit des Jungpaläolithikums, die Zeit unmittelbar vor der Erfindung und Verbreitung der Landwirtschaft. Das Archaische war eine Zeit des nomadischen Hirtentums und der Partnerschaft, einer Kultur, die auf Viehzucht, Schamanismus und der Verehrung der Göttin beruhte.
Die folgenden Erörterungen habe ich grob in chronologischer Reihenfolge zusammengestellt, wobei die letzten und am meisten auf die Zukunft ausgerichteten Abschnitte die archaischen Themen der früheren Kapitel wiederaufgreifen und umgestalten. Die Ausführungen folgen der Route einer pharmakologischen Pilgerreise. Daher nannte ich die vier Teile des Buches «Paradies», «Das verlorene Paradies», «Hölle» und, hoffentlich nicht zu optimistisch, «Das zurückgewonnene Paradies?» Ein Verzeichnis spezieller Begriffe mit den entsprechenden Erläuterungen ist am Ende des Buches zu finden.
Offensichtlich können wir nicht weiter auf die alte Weise über den Gebrauch von Drogen nachdenken. Als globale Gesellschaft müssen wir ein neues Leitbild für unsere Kultur finden, das die Sehnsüchte der Menschheit mit den Erfordernissen des Planeten und den Bedürfnissen des Einzelnen vereint. Eine Analyse der existentiellen Unvollständigkeit in uns, die uns dazu treibt, Abhängigkeits- und Suchtbeziehungen zu Pflanzen und Drogen aufzunehmen, wird zeigen, dass wir mit dem Heraufdämmern der Geschichtsschreibung etwas Kostbares verloren haben, durch dessen Fehlen wir uns die Krankheit des Narzissmus zuzogen. Nur eine Wiederentdeckung unserer Beziehung zur Natur, die wir durch die Verwendung psychoaktiver Pflanzen vor dem Sturz in die von der Geschichtsschreibung erfassten Zeit entwickelten, können wir die Hoffnung auf eine menschliche und uns weiter offenstehende Zukunft hegen.
Bevor wir uns unwiderruflich dem Hirngespinst einer drogenfreien Kultur anvertrauen, die zum Preis eines vollständigen Über-Bord-Werfens der Ideale einer freien und demokratischen planetarischen Gesellschaft erkauft wird, müssen wir schwierige Fragen stellen: Warum sind wir als Spezies Mensch so sehr von veränderten Bewusstseinszuständen fasziniert? Wie haben sich diese Zustände auf unsere ästhetischen und spirituellen Bestrebungen ausgewirkt? Was haben wir verloren, indem wir dem einzelnen jede Legitimität absprachen, Substanzen zu nutzen, um persönlich das Transzendente und Heilige zu erleben? Ich hoffe, dass wir durch eine Antwort auf diese Fragen gezwungen werden, uns den Konsequenzen eines Leugnens der spirituellen Dimension der Natur zu stellen und zu erkennen, welche Folgen es hat, wenn wir in der Natur lediglich eine ‹Ressource› sehen, um die wir kämpfen und die wir plündern. Eine informierte Diskussion dieser Fragen wird weder von Kontrolle Besessene noch ignorante religiöse Fundamentalisten noch braunen Faschismus jeglicher Form beruhigen.
Die Frage, wie wir als Gesellschaft und wie jeder einzelne von uns im späten zwanzigsten Jahrhundert zu psychoaktiven Pflanzen stehen, wirft eine noch umfassendere Frage auf: Wie wurden wir über die Zeit hinweg von den sich ändernden Verbindungen geformt, die wir auf unserem Weg durch den Irrgarten der Geschichte mit verschiedenen Vertretern der Pflanzenwelt eingegangen sind und die wir wieder aufgelöst haben? Diese Frage wird uns in den kommenden Kapiteln noch ausführlicher beschäftigen.
Der Urmythos unserer Kultur beginnt im Garten Eden mit dem Essen der Frucht vom Baum der Erkenntnis. Wenn wir nicht aus unserer Vergangenheit lernen, könnte diese Geschichte mit einem vergifteten Planeten enden, dessen Wälder nur noch in unserer Erinnerung vorhanden sind, dessen biologischer Zusammenhalt zerstört wurde und auf dem das uns bei unserer Geburt übertragene Erbe zu einer unter Unkräutern erstickten verwüsteten Einöde geworden ist. Wenn wir bei unseren bisherigen Versuchen, unsere Ursprünge und unseren Platz in der Natur zu begreifen, etwas übersehen haben, befinden wir uns jetzt in einer Position, von der aus wir zurückschauen und nicht nur unsere Vergangenheit, sondern auch unsere Zukunft in gänzlich neuer Weise verstehen können? Wenn wir das verlorene Gespür für die Natur als lebendiges Mysterium wiedergewinnen können, können wir neuer Perspektiven des kulturellen Abenteuers sicher sein, das mit Bestimmtheit vor uns liegen muss. Wir haben die Möglichkeit, uns von dem düsteren historischen Nihilismus zu entfernen, der für die Zeit unserer tief patriarchalischen Herrschaftskultur so kennzeichnend ist. Wir sind in der Lage, die archaische Aufgeschlossenheit für unsere fast symbiotische Beziehung mit psychoaktiven Pflanzen als einen aus der Pflanzenwelt zur Welt des Menschen herüberfließenden Urquell der Einsicht und des harmonischen Zusammenspiels wiederzugewinnen.
Das Mysterium unseres eigenen Bewusstseins und der Kräfte der Selbstreflektion ist irgendwie mit diesem Kommunikationskanal zu einer ungesehenen Intelligenz verknüpft, von dem die Schamanen beharrlich behaupten, es sei der Geist oder die Intelligenz der lebendigen Welt der Natur. Für Schamanen und schamanische Kulturen stellte die Erkundung dieses Mysteriums immer eine glaubwürdige Alternative zum Leben in einer einschränkenden materialistischen Kultur dar. Wir von den industriellen Demokratien können uns dazu entschließen, diese unvertrauten Dimensionen jetzt zu erforschen oder solange zu warten, bis die voranschreitende Zerstörung des lebendigen Planeten jede weitere Erforschung bedeutungslos werden.
EIN NEUES MANIFEST
Die Zeit ist daher reif, im Rahmen des großartigen, der menschlichen Natur entsprechenden Diskurses, den die Ideengeschichte darstellt, über unsere Faszination vom gewohnheitsmäßigen Gebrauch psychoaktiver und physioaktiver Pflanzen noch einmal gründlich nachzudenken. Aus den Exzessen der Vergangenheit und insbesondere denen der sechziger Jahre müssen wir zwar lernen, können aber nicht einfach befürworten, «Drogen, nein danke!» zu sagen. Genausowenig können wir den Rat geben: «Probier’s doch mal, es wird dir schon gefallen!» Einen Standpunkt, der die Gesellschaft in Drogenbenutzer und Menschen, die Drogen meiden, aufteilt, können wir ebenfalls nicht unterstützen. Zur Lösung dieser Fragen benötigen wir einen umfassenden Ansatz, der auch die tieferen evolutionären und geschichtlichen Hintergründe miteinbezieht.
Der Mutationen hervorrufende Einfluss der Ernährung auf den frühen Menschen und die Wirkung exotischer Metabolite auf die Evolution seiner Neurochemie und Kultur ist immer noch unerforschtes Territorium. Die frühen Hominiden wurden zum Allesfresser und entdeckten die Kraft bestimmter Pflanzen; beides waren entscheidende Faktoren dafür, dass sich der frühe Mensch aus dem Strom der Tierevolution heraus und in die schnell ansteigende Flut der Sprache und Kultur hineinbewegte. Unsere entfernten Vorfahren fanden heraus, dass die Einnahme bestimmter Pflanzen Appetit unterdrückt, Schmerz lindert, zu plötzlichen Energieschüben führt, immun gegen Krankheitserreger macht und an Erkenntnisprozessen synergistisch mitwirkt. Diese Entdeckungen veranlassten uns, die lange Reise zur Selbstreflektion anzutreten. Sobald wir Allesfresser wurden und Werkzeuge gebrauchten, verwandelte sich die Evolution selbst von einem Prozess langsamer Modifikationen unserer physischen Form in ein rasches Festlegen kultureller Formen durch die immer weiter vorangetriebene Verfeinerung von Ritualen, Sprachen, Geschriebenem, Gedächtnisleistungen und Technologie.
Diese ungeheuren Veränderungen vollzogen sich im wesentlichen als Ergebnis des Zusammenwirkens von Menschen und den verschiedenen Pflanzen, mit denen sie in Interaktion traten und mit denen sie einen gemeinsamen Entfaltungsprozess durchliefen. Eine vorbehaltlose Beurteilung des Einflusses, den Pflanzen auf die Grundlagen menschlicher Institutionen ausüben, würde ergeben, dass sie dabei absolut an erster Stelle stehen. In Zukunft wird die Anwendung von Problemlösungen, zu denen wir durch Pflanzen inspiriert wurden wie das Nullwachstum der Bevölkerungszahl, die Wasserstoffgewinnung aus Meerwasser, massive Recyclingprogramme und andere Lösungen in Form von Fließgleichgewichten vielleicht dazu beitragen, die Reorganisation unserer Gesellschaftssysteme und des Planeten in stärkerem Maße in holistische, umweltbewusste, neo-archaische Bahnen zu lenken.
Die Unterdrückung der natürlichen Faszination des Menschen für veränderte Bewusstseinszustände und die gegenwärtige gefährliche Situation für das gesamte Leben auf der Erde sind eng und ursächlich miteinander verknüpft. Wenn wir den Zugang zu schamanischer Ekstase verbieten, schotten wir uns vom erfrischenden Wasser der Emotionen ab, die einer tief eingebundenen und fast symbiotischen Beziehung zur Erde entströmen. Als Folge entwickeln sich schlecht an die Lebensumgebung angepasste Gesellschaftsstile, die Überbevölkerung, eine schlechte Nutzung natürlicher Ressourcen und Umweltvergiftung begünstigen, und halten sich selbst aufrecht. Keine Kultur auf der Erde befindet sich in einem Zustand derart massiver Abgestumpftheit gegenüber den Konsequenzen eines so schlecht angepassten Verhaltens wie die des industriellen Westens. In einer surrealen Atmosphäre sich immer weiter verschärfender Krisen und unversöhnlicher Widersprüche tun wir so, als wäre alles ganz normal.
Als Spezies müssen wir uns die Tiefe des historischen Dilemmas eingestehen, in dem wir stecken. Wir werden weiter nur mit der Hälfte der vorhandenen Karten spielen, solange wir von Regierung und Wissenschaft begangene Grundfehler tolerieren. Diese Institutionen sind auch noch so dreist zu diktieren, worauf die Neugier des Menschen ihre Aufmerksamkeit legitimerweise richten darf und worauf nicht. Solche Einschränkungen der menschlichen Vorstellungskraft sind erniedrigend und unsinnig. Die Regierung begrenzt nicht nur die Erforschung psychedelischer Substanzen, die zu wertvollen psychologischen und medizinischen Einsichten führen würde, sondern maßt sich auch noch an, deren religiösen und spirituellen Gebrauch zu unterbinden. Jeder Bürger hat ein Anrecht darauf, psychedelische Pflanzen für religiöse Zwecke zu gebrauchen. Die Einschränkung dieses bürgerlichen Grundrechts unterdrückt legitime religiöse Gefühle. Tatsächlich wird dabei nicht nur irgendein religiöses Gefühl unterdrückt, sondern das religiöse Gefühl schlechthin, die Erfahrung einer Rückbindung oder religio, die auf Verbindungen zwischen Menschen und Pflanzen beruht, die schon lange vor dem Aufkommen der Geschichte ihren angestammten Platz hatten.
Wir können es nicht länger hinauszögern, die wahren Kosten und den tatsächlichen Nutzen eines gewohnheitsmäßigen Gebrauchs von Pflanzen und Drogen mit denen einer Unterdrückung ihrer Verwendung aufrichtig gegeneinander abzuwägen. Unsere globale Kultur läuft Gefahr, unter dem Orwellschen Versuch zusammenzubrechen, das Problem durch Militär und Polizei begangenen Terrorismus an Drogenkonsumenten innerhalb unserer Bevölkerung und an Drogenproduzenten in der Dritten Welt aus der Welt zu knüppeln. Diese repressive Reaktion wird weitgehend von einer nicht hinterfragten Angst geschürt, die das Ergebnis falscher Informationen und eines fehlenden Wissens über historische Entwicklungen ist.
Tiefsitzende kulturelle Vorurteile erklären, warum der westliche Intellekt sich urplötzlich verängstigt und repressiv verhält, wenn er über Drogen nachsinnt. Von Substanzen hervorgerufene Bewusstseinsveränderungen enthüllen auf dramatische Weise, dass unser Innenleben physische Grundlagen hat. Psychoaktive Drogen sind daher eine Herausforderung für die christliche Auffassung von der Unverletzlichkeit der Seele und ihres speziellen ontologischen Status. Auf ganz ähnliche Weise stellen sie auch die moderne Vorstellung vom Ich, seiner Unverletzlichkeit und seiner Kontrollstrukturen in Frage. Kurzum, Begegnungen mit psychedelischen Pflanzen gefährden die gesamte Weltanschauung der dominatorischen Herrschaftskultur.
Wir werden bei dieser erneuten Betrachtung unserer Geschichte noch oft auf das Thema des Ichs oder Egos und der Herrschaftskultur stoßen. Die schreckliche Angst, die das Ego verspürt, wenn es über die Auflösung der Grenzen zwischen Selbst und Welt nachsinnt, steht nicht nur hinter der Unterdrückung veränderter Bewusstseinszustände, sondern erklärt ganz allgemein auch die Unterdrückung des Weiblichen, des Fremden und Exotischen und transzendenter Erfahrungen. In vorhistorischer, aber nacharchaischer Zeit, ungefähr 5000 bis 3000 v. Chr., schuf die Unterdrückung herrschaftsfreier Partnerschaftsgesellschaften durch patriarchalische Eindringlinge die Voraussetzungen für eine Unterdrückung der von Schamanen betriebenen offenen experimentellen Erforschung der Natur. In hochorganisierten Gesellschaften wurde diese archaische Tradition durch eine Tradition ersetzt, für die Dogma, Priesterschaft, Patriarchat, Kriegskunst und schließlich ‹die rationalen und wissenschaftlichen› Werte oder die Werte der Herrschaftskultur kennzeichnend waren.
Bis jetzt habe ich die Begriffe ‹partnerschaftlicher› und ‹dominatorischer› Kulturstil ohne Erläuterung benutzt. Diese nützlichen Begriffe verdanke ich Riane Eisler und ihrem bedeutsamen Rückblick auf die geschichtliche Entwicklung in ihrem Buch Kelch und Schwert⁴. Eisler hat darin den Gedanken ausgeführt, dass partnerschaftliche Gesellschaftsmodelle den dominatorischen, auf Herrschaft begründeten Formen gesellschaftlicher Organisation vorangingen, später mit ihnen konkurrierten und schließlich von letzteren unterdrückt wurden. Herrschaftskulturen sind hierarchische, paternalistische, materialistische und von Männern beherrschte Kulturen. Riane Eisler glaubt, dass die Spannungen zwischen den partnerschaftlich und den dominatorisch organisierten Gesellschaften und der übermäßige Ausdruck eines von Herrschaftsstrukturen geprägten Gesellschaftsmodells verantwortlich sind für unsere Entfremdung von der Natur, von uns selbst und voneinander. Eisler hat eine hervorragende Synthese verfasst, die das Aufkommen menschlicher Kultur im Altertum auf dem Gebiet des Vorderen Orients und die sich entfaltende politische Diskussion über eine Feminisierung der Kultur und die Notwendigkeit, beim Schaffen einer lebenswerten Zukunft männliche Herrschaftsstrukturen zu überwinden, zusammenführt. Ihre Analyse einer sanften Politik hebt das Niveau dieser Debatte über die Stimmen hinaus, die auf so schrille Weise das eine oder andere alte ‹Matriarchat› oder ‹Patriarchat› bejubelt oder schlechtgemacht haben. Kelch und Schwert führt den Begriff der ‹Partnerschaftsgesellschaft› und der ‹Herrschaftsgesellschaft› ein und stützt sich bei der Argumentation, dass über ungeheuer große Gebiete hinweg und viele Jahrhunderte lang die Partnerschaftsgesellschaften des Mittleren Ostens ohne Krieg und große Umwälzungen lebten, auf archäologische Zeugnisse. Krieg und Patriarchat entstanden mit dem Aufkommen der Werte einer Herrschaftskultur.
DAS ERBE DER HERRSCHAFTSKULTUR
Unsere Kultur, die sich durch die toxischen Nebenprodukte der Technologie und einer egozentrischen Ideologie selbst vergiftet, ist der unglückliche Erbe der in einer Herrschaftskultur verbreiteten Einstellung, dass eine Veränderung des Bewusstseins mittels Pflanzen oder chemischer Substanzen irgendwie falsch, onanistisch und auf perverse Weise gegen das soziale Zusammenleben gerichtet ist. Ich werde Argumente dafür bringen, dass eine Unterdrückung der schamanischen Gotteserkenntnis mit ihrem in eine ekstatische Auflösung des Egos gesetzten Vertrauen und ihrer Betonung dieses Prozesses uns unseres Lebenssinns beraubt hat und uns zu Feinden des Planeten, Feinden von uns selbst und Feinden unserer Enkel gemacht hat.
Wir bringen den Planeten um, nur damit wir nicht an den irrigen Annahmen rühren, auf denen ein auf dem Ego und auf Vorherrschaft aufbauender Kulturstil beruht.
Die Zeit ist reif für einen Wandel.
PARADIES
1
SCHAUPLATZ SCHAMANISMUS
Reglos saß Raongi im Licht des verlöschenden Feuers. Er spürte, wie sich tief drinnen in seinem Körper etwas hin und her wand, als hätte er einen Aal verschluckt. Als er diesen Gedanken formte, erschien wie auf Befehl der übergroße und in elektrisches Blau getauchte Kopf eines Aals im verdunkelten Raum hinter seinen Augenlidern.
«Muttergeist des ersten Wasserfalls…»
«Großmutter der ersten Flüsse…»
«Zeige dich, zeige dich!»
Der verdunkelte Raum hinter der sich jetzt langsam um seine Achse drehenden Gestalt des Aals reagierte auf die Stimmen und füllte sich mit Funken; Lichtwellen schlugen höher und höher, begleitet von einem immer intensiveren Tosen.
«Es ist die erste maria.» Die Stimme von Mangi, der älteren Schamanin des Dorfes Jarocamena, war es, die das sagte. «Sie ist so stark, so stark!»
Mangi schweigt, als die Visionen über den beiden zusammenschlagen. Sie stehen auf der Schwelle zu Venturi, der wirklichen Welt, der blauen Zone. Das Geräusch des fallenden Regens draußen ist nicht mehr zu erkennen. Das Rascheln trockener Blätter vermischt sich mit dem Klang entfernter Glocken. Ihr Klingeln scheint eher aus Licht als aus Tönen zu bestehen.
Bis vor relativ kurzer Zeit waren die Praktiken von Mangi und ihrem in der Abgeschiedenheit des Amazonasgebietes lebenden Stammes typisch für religiöse Praxis überall. Erst in den letzten paar Jahrtausenden haben sich Theologie und Ritual allmählich zu komplizierteren und nicht notwendigerweise brauchbareren Formen entwickelt.
SCHAMANISMUS UND GEWÖHNLICHE RELIGION
Als ich zu Beginn des Jahres 1970 im Gebiet des oberen Amazonas eintraf, hatte ich gerade etliche Jahre in asiatischen Gesellschaften gelebt. Asien ist ein Ort, an dem die Scherben ausrangierter religiöser Ontologien wie die Schalen vom Sand blank geputzter Skarabäen in der staubigen Landschaft herumliegen. Auf der Suche nach dem Wunderbaren hatte ich ganz Indien bereist. Ich hatte seine Tempel und Ashrams, seine Dschungel und Bergeinsiedeleien besucht. Doch Yoga, dessen Ruf man ein Leben lang folgen kann, und von dem einige wenige disziplinierte und asketische Geister wie besessen scheinen, war nicht imstande, mich in die inneren Landschaften zu befördern, die ich suchte.
In Indien lernte ich, dass Religion zu allen Zeiten und an allen Orten, an denen die leuchtende Flamme des Geistes niedrig brennt, nur großes Getue ist. Religion starrt einem in Indien aus weltmüden Augen entgegen, die an viertausend Jahre Priesterschaft gewöhnt sind. Das moderne hinduistische Indien war für mich einerseits der Gegenpol und andererseits das passende Vorspiel zu dem fast archaischen Schamanismus, den ich bei meiner Ankunft im Gebiet des Unterlaufs des Rio Putumayo in Kolumbien vorfand, um dort damit zu beginnen, den Gebrauch halluzinogener Pflanzen durch Schamanen zu studieren.
Schamanismus ist die aus dem Jungpaläolithikum überlieferte Praxis des Heilens, der Weissagung und theatralischer Schauspiele, die auf einer vor zehn- bis fünfzehntausend Jahren entwickelten Naturmagie beruht. Mircea Eliade, Autor von Schamanismus und archaische Ekstasetechnik und die herausragendste Autorität auf dem Gebiet des Schamanismus im Kontext der vergleichenden Religionswissenschaften, hat nachgewiesen, dass der Schamanismus zu allen Zeiten und überall in seinen Praktiken und Glaubensvorstellungen eine überraschende innere Übereinstimmung aufweist. Ob es sich bei dem Schamanen um einen in der Arktis lebenden Inuit oder einen Witoto am Oberlauf des Amazonas handelt, bestimmte Techniken und Erwartungen bleiben gleich. Die bedeutendste dieser Konstanten ist die Ekstase, was mein Bruder und ich bereits in unserem Buch The Invisible Landscape feststellten:
Der ekstatische Teil der Initiation des Schamanen lässt sich schwieriger analysieren, da er seitens des Novizen auf einer bestimmten Empfänglichkeit für Trancezustände und Ekstase beruht; vielleicht ist er launisch oder kränklich, hat einen schwachen Körper, eine Prädisposition zur Abgeschiedenheit, vielleicht Anfälle von Epilepsie oder Katatonie oder irgendeine andere psychologische Auffälligkeit (obwohl das nicht immer der Fall sein muss, wie einige Autoren zu diesem Thema meinen).¹ In jedem Fall bildet die psychologische Veranlagung zur Ekstase nur den Ausgangspunkt für eine Initiation. Der künftige Schamane wird nach dem Durchleben unterschiedlich intensiver psychosomatischer Krankheiten oder dem Zeigen psychologischer Abweichungen schließlich damit beginnen, sich der initiatorischen Krankheit und Trance zu unterziehen;
er wird mehrere Tage lang wie tot oder wie im Tiefschlaf daliegen. In dieser Zeit wird er in seinen Träumen von HiIfsgeistern aufgesucht; vielleicht empfängt er Anweisungen von ihnen. Unweigerlich wird der werdende Schamane während seiner langen Trance eine Episode des mystischen Todes und der Auferstehung durchleben. Vielleicht sieht er, wie nur noch sein Knochengerüst übrigbleibt und dann mit neuem Fleisch versehen wird, oder er sieht, wie er in einem Kessel gesotten, von Geistern verschlungen und dann wieder ganz gemacht wird. Vielleicht stellt er sich auch vor, dass er von den Geistern einer Operation unterzogen wird, bei der seine Organe entfernt und durch ‹Zaubersteine› ersetzt werden, und dass er danach wieder von ihnen zusammengenäht wird.
Obgleich im Schamanismus die jeweiligen Motive zwischen den Kulturen und sogar von Person zu Person voneinander abweichen können, zeigte Eliade, dass der Schamanismus ganz offensichtlich eine allgemeine Struktur besitzt: Der künftige Schamane geht durch einen symbolischen Tod und die Wiederauferstehung, die als radikale Transformation in einen übermenschlichen Zustand begriffen wird. Von nun an hat der Schamane Zugang zur übermenschlichen Ebene; er ist Meister der Ekstase, kann nach Belieben im Geisterreich umherreisen und, was am wichtigsten ist, heilen und wahrsagen. In The Invisible Landscape bemerkten wir:
Kurzum, der Schamane wird vom profanen in einen heiligen Seinszustand transformiert. Durch diese mystische Umwandlung hat er nicht nur seine eigene Heilung bewirkt, sondern ist jetzt auch mit der Macht des Heiligen ausgestattet und daher auch in der Lage, andere zu heilen. Es ist von allerhöchster Wichtigkeit, sich daran zu erinnern, dass der Schamane nicht einfach krank oder wahnsinnig ist, sondern ein Kranker, der sich selbst geheilt hat, der jetzt geheilt ist und als Schamane wirken muss, um weiterhin geheilt zu bleiben.²
Es sollte Erwähnung finden, dass Eliade das Wort ‹profan› bewusst benutzte, um die Vorstellung von der profanen Welt des gewöhnlichen Erlebens deutlich von der der heiligen Welt, dem ‹gänzlich anderen›, zu trennen.³
EKSTASETECHNIKEN
Nicht alle Schamanen benutzen den von Pflanzen verursachten Rausch, um in einen ekstatischen Zustand zu kommen; jede schamanische Praxis zielt jedoch darauf ab, Ekstase entstehen zu lassen. Trommeln, Atemmanipulationen, Torturen, Fasten, theatralische Täuschungen, sexuelle Enthaltsamkeit – das sind alles altehrwürdige Methoden, um in die für schamanische Arbeit notwendige Trance zu geraten. Doch keine dieser Methoden ist so effektiv, so alt und so überwältigend wie der Genuss von Pflanzen mit chemischen Verbindungen, die Visionen hervorrufen.
Diese Praxis eines Gebrauchs visionärer, pflanzlicher Rauschmittel wirkt auf einige Menschen aus dem Westen vielleicht fremd oder überraschend. Unsere Gesellschaft nimmt psychoaktive Drogen entweder nicht ernst oder hält sie für gefährlich und räumt ihnen bestenfalls bei der Behandlung schwerer Geisteskrankheiten, für die keine andere wirksame Methode zur Verfügung steht, einen Platz ein. Die Vorstellung des Heilers ist bei uns an die Gestalt des professionellen Mediziners gebunden, der heilen kann, weil er besondere Kenntnisse besitzt. Doch das spezialisierte Wissen des modernen Arztes ist ein klinisches Wissen, das sich von dem bei jeder einmaligen und besonderen Person auf dramatische Weise entfaltenden Geschehen entfernt hat.
Schamanismus ist da ganz anders. Wenn Drogen benutzt werden, nimmt gewöhnlich der Schamane und nicht der Patient die Droge. Auch die Motivation ist eine völlig andere. Die vom Schamanen verwendeten Pflanzen sollen keineswegs das Immunsystem oder andere natürliche Abwehrmechanismen des Körpers gegen die Krankheit mobilisieren. Vielmehr erlauben die schamanischen Pflanzen dem Heiler, in einen unsichtbaren Bereich zu reisen, in dem die Kausalität der gewohnten Welt durch die Grundprinzipien der Naturmagie ersetzt wird. In diesem Bereich haben Sprache, Ideen und Bedeutung eine größere Kraft als Ursache und Wirkung. Sympathien, Resonanzen, Absichten und der persönliche Wille werden mittels einer poetischen Rhetorik sprachlich verstärkt. Man beschwört die Vorstellungskraft, und manchmal werden deren Gebilde für die Augen sichtbar. Die auf den Bereich des Magischen eingestimmte innere Haltung des Schamanen nimmt den gewöhnlich in der Welt vorhandenen Verbindungen und den sogenannten Naturgesetzen ihre Kraft oder ignoriert sie.
EINE WELT AUS SPRACHE
Die in Jahrtausenden schamanischer Erfahrung gesammelten Belege sprechen dafür, dass die Welt eigentlich auf irgendeine Weise aus Sprache besteht. Obwohl das im Widerspruch zu den Erwartungen der modernen Wissenschaft steht, stimmt diese radikale Behauptung mit vielem im gegenwärtigen sprachwissenschaftlichen Denken überein.
«Die linguistische Revolution des 20. Jahrhunderts», sagt der Anthropologe Misia Landau von der Boston University, «besteht aus der Erkenntnis, dass Sprache nicht nur ein Mittel für den Austausch von Ideen über die Welt ist, sondern eher ein Instrument, mit dem die Welt überhaupt erst ins Dasein gebracht wird. Wirklichkeit wird nicht einfach ‹erfahren› oder in der Sprache ‹gespiegelt›, sondern stattdessen durch Sprache erst produziert.»⁴
Aus der Perspektive des psychedelischen Schamanen gesehen scheint das Wesen der Welt eher aus einer sprachlichen Äußerung zu bestehen oder den Charakter einer Erzählung zu haben, als dass es auf irgendeine Weise etwas mit den Leptonen und Baryonen oder mit der Ladung und dem Spin zu tun hat, von denen unsere Hohepriester, die Physiker, sprechen. Für den Schamanen ist der Kosmos eine Geschichte, die Wahrheit wird, während sie erzählt wird oder sich selbst erzählt. Diese Perspektive bringt stillschweigend zum Ausdruck, dass die menschliche Vorstellungskraft in der Lage ist, die Steuerung des Seins in der Welt zu übernehmen. Freiheit, persönliche Verantwortung und ein demütig machendes Gewahrsein der wirklichen Größe und Intelligenz der Welt verbinden sich bei dieser Ansicht miteinander und machen diese Eigenschaften zur angemessenen Grundlage eines authentischen neo-archaischen Lebens. Eine tiefe Ehrfurcht vor der Macht der Sprache und der Kommunikation und die Vertiefung darin sind die Fundamente des schamanischen Weges.
Darum ist der Schamane auch der Urahn des Dichters und Künstlers. Unser Bedürfnis, uns als Teil der Welt zu fühlen, scheint es erforderlich zu machen, dass wir uns durch schöpferische Aktivitäten Ausdruck verschaffen. Der Urquell dieser Kreativität ist im Mysterium der Sprache verborgen. Die Ekstase des Schamanen ist ein Akt der Hingabe, der sowohl dem individuellen Selbst als auch dem Mysterium des Seins, dem der Schamane sich hingibt, Authentizität verleiht. Weil unsere Landkarten der Wirklichkeit von unseren gegenwärtigen Lebensumständen bestimmt werden, neigen wir dazu, das Gewahrsein der übergeordneten zeitlichen und räumlichen Strukturen zu verlieren. Nur indem wir Zugang zum Transzendenten Anderen gewinnen, können wir einen flüchtigen Blick auf diese zeitlichen und räumlichen Strukturen und die Rolle, die wir darin spielen, erhaschen. Der Schamanismus strebt nach dieser höheren Sicht, die durch eine sprachliche Meisterleistung erreicht wird. Ein Schamane ist jemand, der eine Vision von den Anfängen und dem Ende aller Dinge erhalten hat und diese Vision mitteilen kann. Dem rationalen Denker ist das unbegreiflich, die Techniken des Schamanismus jedoch sind auf dieses Ziel ausgerichtet. Auch die Kraft des Schamanen hat hier ihren Ursprung. Die Verwendung pflanzlicher Halluzinogene steht bei den schamanischen Techniken dabei an erster Stelle. Diese pflanzlichen Halluzinogene sind die Quellen einer lebendigen, durch Pflanzen inspirierten Gotteserkenntnis oder Gnosis, die in unserer weit zurückliegenden Vergangenheit gesprudelt haben und mittlerweile fast völlig in Vergessenheit geraten sind.
HÖHERDIMENSIONALE REALITÄT
Indem der Schamane die Domäne pflanzlicher Intelligenz betritt, erlangt er in gewisser Weise das Privileg, von der Perspektive
