Über dieses E-Book
Lässt sich irrationales Denken und Verhalten ergründen? Wohl nie ganz, aber vielleicht ein bisschen, hier in diesem Buch.
Kurt J. Gebistorf
Kurt J. Gebistorf, Schweizer Arzt mit langjähriger Erfahrung als Doktor für allgemeine Medizin. Seine Verwunderung, mit welchen zum Teil abstrusen Gedanken und Vorstellungen Leute ihrem Leben Sinn zu geben versuchen, veranlasste ihn, nach Ursachen und Spuren des irrationalen menschlichen Verhaltens zu suchen.
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Buchvorschau
Irrwitz - Kurt J. Gebistorf
Das Leben als irrationales Märchen
Wenn von Irrwitz, Aberglaube, Übersinnlichem und Zauberhaftem die Rede sein soll, so gehören auch Märchen dazu. In uns allen schlummert ein wenig der Wunsch, unser Leben möge märchenhaft verlaufen. Wir spicken das Leben denn auch voll mit Märchen. Für mich haben die fettgedruckten Wörter in diesem Kapitel etwas Märchenhaftes an sich, für Sie vielleicht auch – oder auch nicht.
Wunderlich geht es angeblich schon lange vor unserer irdischen Geburt zu und her. Irgendwo „drüben" soll es eine Art wandernde Seele mit Kenntnissen aus all unseren früheren Leben auf uns abgesehen haben, unser Karma eben. Diese „Seele" wird, von der Hebamme oder vom Storch unbemerkt, bei der Niederkunft in uns eintreten, um fortan unser Wesen und unser Schicksal zu gestalten.
Wenig später schon werden wir sanft in den Schlaf gewiegt, worauf das Sandmännchen uns vorsichtig Sand in die Augen streut, wohl kaum in der Absicht, uns schon früh daran zu gewöhnen, falls uns später Geschäftemacher, Demagogen und Heilsversprecher Sand in die Augen streuen sollten.
Getrost schlafen lässt es sich auch, wenn man sich des Schutzes eines Geistes gewiss ist. Je nach Glaubensausrichtung bieten sich verschiedene Varianten an. Bei den alten Römern waren es die Laren oder die Penaten; bei mir war es: „Schutzengel mein, lass mich dir empfohlen sein. Tag und Nacht ich bitte dich, beschütz, regier und leite mich. Hilf mir leben recht und fromm, dass ich zu dir in den Himmel komm." Wehmütig blicke ich heute zurück: Zu schön, um wahr zu sein.
Beruhigend und schlafanregend wirken die wunderbaren Märchen, wobei nicht immer ein hundertjähriger Dornröschenschlaf erwünscht sein soll. Immerhin dürfen wir uns als Kinder, wenn auch nur für kurze Zeit, in einer heilen Welt fühlen. Die Brüder Grimm lassen immer das Gerechte und Gute obsiegen, zur Freude der Kleinen, die ja noch früh genug eines andern belehrt werden.
Taufe, Firmung, Konfirmation und ähnliche Rituale bestätigen die Aufnahme in die Glaubensgemeinschaft, verbunden mit einem Versprechen ewigen Heils – regelkonformes Verhalten vorausgesetzt! Um dies auch der gesamten Gesellschaft zu offenbaren, wurden diese kirchlichen Initiationsrituale zu öffentlich-festlichen Ereignissen.
Neben rein unterhaltsamen Bräuchen wie Fasnacht und Halloween folgen abergläubische Initiationsrituale aller Art. Oft hängen diese mit der sexuellen Entwicklung (etwa Mannbarkeitsriten) oder mit der beruflichen Ausbildung zusammen. Eigentliche Stammesrituale zur Initiation sind in unseren Breitengraden praktisch verschwunden. Dagegen verwenden neu-religiöse Bewegungen (Wicca und ähnliche) hierzulande mystisch-geheimnisvolle Rituale bei der Neuaufnahme ihrer Mitglieder. Berufsabschlüsse werden gehörig gefeiert. Aber nur noch wenige Drucker-Lehrlinge glauben wohl daran, es bringe ihnen Glück für das berufliche Leben, wenn sie nach Lehrabschluss von ihrem Lehrmeister mit seinen Gesellen in einen Brunnen geworfen werden. Gautschen nennt man diesen Brauch. Mehr einen mythisch-rituellen Eindruck erwecken die noch vor allem in deutschen Landen üblichen Jugendweihen.
Das Versprechen fürs Leben in Form einer märchenhaften Hochzeit wird gerne gegeben, so gerne, dass es viele in ihrem Leben mehrmals tun. Der Lackschuhprinz trägt seine in unbeflecktes Weiss gekleidete Prinzessin über die Schwelle des neuen Heims. Er verdrängt dabei sein Wissen, dass die Wahrscheinlichkeit einer Kampfscheidung grösser ist als eine lebenslange traute Zweisamkeit.
Mit dem Trott des Berufsalltags werden Sinnfragen unvermeidbar. Wozu alles? Warum so? Was soll das Ganze und wohin führt es? Da Antworten im realen Leben oft fehlen, ist der Schritt zu Esoterik und Aberglauben bald getan. Illusorische Bewusstseinserweiterung, wenn nicht mit Medikamenten oder Drogen, dann halt mit psychedelischer Esoterik.
Falls Ihnen der Talisman nicht das erhoffte Glück bringt, werden Krankheiten kaum ausbleiben und schlussendlich wird der Sensenmann vor der Tür stehen, was aber so schlimm auch wieder nicht ist, denn das Seelenheilversprechen des Glaubens ist ja immer noch gültig. Vielleicht gehören Sie zu den Auserwählten, die mit einem Nahtoderlebnis bereits einen Blick ins Jenseits werfen dürfen. Wie auch immer, Ihr Karma wird sich so oder so zur Seelenwanderung auf den Weg machen und bald werden Sie dank Reinkarnation wieder irgendwo auftauchen.
Der Lebensweg kann hart gepflastert oder unwegsam sein. Hie und da sind Stützen nötig, vielleicht Glaube an Märchen. Wahrscheinlich war es der römische Dichter Petronius (27–66 n. Chr.), welcher schrieb: „Die Welt will betrogen sein, also soll sie betrogen werden." Er hätte auch schreiben können: Der Mensch will betrogen sein, also betrügt er sich selbst. Alles also Lug und Trug? Nicht alles, aber vieles!
Ein bisschen Märchen darf und soll in uns Platz haben. Märchenglaube bewahrt einige sogar vor einem Absturz in ein depressives Loch. Allzu stark in eine Märchenwelt abheben hat aber auch seine Tücken. Kein Vogel fliegt so hoch, dass er nicht wieder runter kommt. Wer mit beiden Füssen auf dem Boden steht, stürzt weniger tief. Wer nicht immer wieder hart enttäuscht werden will, vergisst besser nicht die Realität, welche ja auch Schönes zu bieten hat. Die Realität verschleiern ist feige. Nachdenken – in einer normierten Gesellschaft eine der noch verbliebenen Freiheiten – ist alleweil erlaubt.
Intelligenz und Weisheit
Mehr als ein Drittel der Menschen glaubt beim Auffinden eines vierblättrigen Kleeblattes an bevorstehendes Glück. Wie halten Sie es mit dem Rinderfutter Klee? Ich meinerseits versuche in diesem Buch, das Kleeblattsuchen durch Nachdenken zu ersetzen. Das Ziel wäre dabei, dem schier unergründlichen Hang des Menschen nach Esoterik, Glauben und Aberglauben auf die Spur zu kommen, ein vielleicht utopisches Unterfangen. Da Rationales oder Irrationales immer irgendwie auch mit Hirnleistung und Weisheit zusammenhängen, drängen sich vorerst einige Gedanken zu Intelligenz und Weisheit auf.
Intelligenz technisch
Intelligenz ist die kognitive Leistungsfähigkeit. Kognitiv etwas leisten heisst, einen Sachverhalt mit dem Verstand wahrnehmen, erkennen, überdenken und beurteilen.
Intelligenz sei messbar, sagt man. Zur Messung bieten sich viele Tests an. Einen allumfassenden Test gibt es nicht, weil es verschiedene „Intelligenzen" gibt: logisch-mathematische, sprachliche, musische, emotionale und viele mehr. Was soll man nun genau messen? Oft will der Tester nur herausfinden, zu welcher höheren Bildung die Testperson fähig ist. Ein solcher Test erfasst nie und nimmer den ganzen Menschen.
Im allgemeinen Sprachgebrauch ist gerne vom Intelligenzquotienten, kurz IQ, die Rede, als ob es einen messbaren Wert im gleichen Sinne wie etwa das Körpergewicht, die Körpergrösse oder den Body-Mass-Index gäbe. Ein IQ ist von so vielen Faktoren abhängig, dass es ihn als allgemein verlässliches Mass gar nicht geben kann. Beeinflussende Faktoren sind, um nur einige zu nennen: schulisches Vorwissen, soziales Milieu, Selbstbewusstsein, Hemmungen, Angst. Ein erfahrener Psychologe wird den IQ als umfassenden Begriff nicht mehr verwenden, sondern eher von Teilbereichen der Intelligenz reden. Bevor er testet, wird er eine genaue Fragestellung fordern, um dann die gewünschte Fähigkeit zu testen. Obwohl es so viele wünschen, wird er keinen allgemeinen Intelligenztest, welcher alle Teilbereiche erfasst, anbieten.
Verwendet man den Intelligenztest und mit ihm den IQ, um unsere zukünftigen Eliten (Wirtschaftsführer, Manager, Lehrstuhlinhaber, Chefposteninhaber privater und staatlicher Art) bereits in der Ausbildung auszuwählen, so wird man vielleicht später ein böses Erwachen erleben. Irgendeinen Teilaspekt kann man mit einem Test erfassen; Charakterstärke, Glaubwürdigkeit und Weisheit entziehen sich aber leider den Testmethoden.
Gegen eine Testung von Schülern und Studenten in Ausbildung sprechen die Gefahren des Intelligenztests: Ein hoher IQ könnte die Test-person überheblich stimmen, obwohl vielleicht nur einer der Teilbereiche der Intelligenz zum hohen Resultat führte und deshalb die Überheblichkeit nicht nur unanständig, sondern auch schädlich wäre. Andererseits könnte ein tiefer IQ zu Mutlosigkeit führen und als schicksalshafte Entschuldigung für eine Fehlentwicklung dienen, obwohl gewisse Teilbereiche der Intelligenz sehr wohl zuliessen, ein zufriedenes berufliches und persönliches Leben zu erreichen. Bei der Ausbildung junger Leute darf man mehr Vertrauen in den gesunden Menschenverstand der Lehrpersonen haben als in abstrakte Testverfahren.
Die ganze Intelligenzprüftechnik hinterlässt ein mulmiges Gefühl. Wollen wir unseren IQ überhaupt kennen? Ich jedenfalls bin froh, dass ich mich noch nie auf meine Intelligenz testen lassen musste. Trügerischer Stolz oder unberechtigte Scham blieb mir dadurch erspart. Insgeheim meinen wir ja eh alle, wir seien nicht dumm. Christian Morgenstern, der deutsche Dichter (1871–1914) sah es eher skeptisch, attestierte den Dummen aber immerhin ein fröhliches Leben, was er in seinem Gedicht „Die beiden Esel" ausdrückte:
„Ein finstrer Esel sprach einmal
zu seinem ehlichen Gemahl:
‚Ich bin so dumm, du bist so dumm,
wir wollen sterben gehen, kumm!‘
Doch wie es kommt so öfter eben:
Die beiden blieben fröhlich leben."
Dumm, intelligent, schlau oder weise
Oft ist der spottende Narr, der scheinbare Tor, schlauer als seine Zuhörer.
Dummheit genau abzugrenzen, ist kaum möglich und selten sinnvoll. Vermindertes Denkvermögen in Grade einzuteilen, mag für die Invalidenversicherung und für Konzepte des Beratens und der Behandlung hilfreich sein. Meistens zeigt einem Menschen erst der Rückblick auf vergangenes Leben die eigene Dummheit auf – vorausgesetzt, er ist noch fähig und willens zur Selbstkritik. Uns allen fällt auf, wie oft sich „Intelligente dumm verhalten. Intelligenz schützt vor Torheit nicht. Was „dumm
wirklich bedeutet, können wir eher fühlen als genau beschreiben. Schlimm wird es für uns dann, wenn sich Intelligente (Elite, Leader, Vorreiter) nicht nur dumm, sondern auch perfid und bösartig verhalten. Charakter lässt sich leider nur schwerlich testen.
Schläue kann ein Zeichen von Intelligenz sein. Glücklicherweise gelingt es aber auch dem „Dummen", sich schlau durch die Welt zu schlängeln, besonders dann, wenn er Nischenfähigkeiten, die man im Intelligenztest nicht erfassen würde, zu nutzen weiss.
Ein Intelligenter oder Kluger wird gelegentlich zum Klugscheisser; ein Weiser wird dies nie.
Weise sein – ein wahrer Traum, im Rampenlicht vordergründig weniger gefragt als brillante Intelligenz, hervorragend aber geeignet für das Selbstwertgefühl. Weisheit, was heisst das schon? Die Definition im Lexikon ist unbefriedigend: tiefes Verständnis von Zusammenhängen der Natur, des Lebens und des menschlichen Verhaltens. Im Alten Testament der Bibel wird im ersten Kapitel des Buches „Die Weisheit Salomos, auch „Buch der Weisheit
genannt, die Weisheit als Lohn der Tugend bezeichnet. Hier bleibt die Frage, wer die Grundsätze der Tugend festlegt: ein Gott? eine Religion? der Staat? oder vielleicht am besten Jeder und Jede für sich selbst?
Die eigene Weisheit hängt stark von der Lebenserfahrung ab. Sie zeichnet sich aus durch Geringschätzung der vordergründigen Fragen des Zeitgeistes, durch Unvoreingenommenheit und durch eine vornehme Distanz zu den „Dingen". Die Meisten halten sich für weise. Ob man andere für weise hält, entscheidet man nicht rational mit Definitionen, sondern intuitiv aufgrund von Empfindungen. Objektive Weisheit gibt es nicht; Sie und ich erachten vielleicht komplett verschiedene Menschentypen als weise.
Fazit
Intelligenz und Weisheit sind nicht genau fassbar. Wissen kann man sich besorgen, Intelligenz und Weisheit nicht. Einen Klugen erstaunt es deshalb wenig, wenn im menschlichen Verhalten neben Rationalem auch Irrationales, Wirres oder Wahnhaftes auftritt.
Irrationales und Evolution
Tatsachen
Seit Menschengedenken halten Leute Übernatürliches für wahr. Sie versprechen sich Glück vom vierblättrigen Kleeblatt, befestigen Hufeisen am
