Die Hand im Moor: Historischer Kriminalroman
Von Hubert vom Venn
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Über dieses E-Book
Plötzlich hallt ein markerschütternder Schrei über das nächtlliche Moor. Peter L allemagne, der Wirt einer einsamen Gastwirtschaft und sein jüdischer Freund Moyses kommen zu spät. Sie sehen nur noch eine Hand, die im Moor versinkt.
Bald darauf finden fremde Soldaten in das einsam gelegene Kloster, mit ihnen eine geheimnisvolle Kutsche. Mit der Ruhe ist es auf dem Venn zunächst vorbei. Es wird noch mehr Tote geben und eine erschütternde Wahrheit.
Hubert vom Venn
Hubert vom Venn arbeitet als künstlerischer Leiter des "Stadttheater Monschau" und des "Theater am Venn" in Roetgen. Seit 1992 ist er mit Jupp Hammerschmidt auf Kabarett-Tournee. Im Jahr 2000 wurde Hubert vom Venn für den rheinischen Literaturpreis nominiert und in das deutsche "Who's Who" aufgenommen. Mehrere Tageszeitungen und Zeitschriften drucken regelmäßig seine Kolumnen.
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Buchvorschau
Die Hand im Moor - Hubert vom Venn
© 1999
eBook-Ausgabe 2011
RHEIN-MOSEL-VERLAG
Zell/Mosel
Brandenburg 17 D-56856 Zell-Mosel
Tel. 06542/5151 Fax 06542/61158
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-89801-790-9
Lektorat: Udo Marx/Dr. Charlotte Houben
Umschlag: Alfred Nolden/Anne Mees
Hubert vom Venn
Die Hand im Moor
Ein historischer Kriminalroman
RHEIN-MOSEL-VERLAG
***
Der Autor:
Hubert vom Venn, geboren 1953 in Monschau. Journalist, Autor, Kabarettist und Theaterleiter. Lebt in der Nordeifel.
Veröffentlichte bisher drei Bände mit Kurzgeschichten, drei Romane, einen Comic, eine LP und zwei CDs.
***
Vorwort des Autors
Einen Dank vorweg! Vier Jahre bin ich mit Zetteln in der Tasche herumgezogen – habe gehörte Geschichten notiert, bei Ärzten und im Flugzeug grob Artikel aus Zeitungen gerissen, habe alte Baupläne kopiert, Forschungen von Heimat-Chronisten notiert, in Eifeler Kloster-Buchhandlungen gestöbert und sogar Darstellungen, die auf Käsedosen vom Mönchsleben erzählten, gesammelt. Alte Rezepte fanden sich in fettigen Büchern.
All’ diesen Autoren möchte ich an dieser Stelle danken. Sie halfen mir, ein Bild von der Zeit zu gewinnen, in der »Die Hand im Moor« spielt. Doch Puristen seien gewarnt! Geschichtliche Wahrheiten sollten sie nicht suchen – Unterhaltung war und ist mein Ziel.
Hubert vom Venn
***
Eine kleine Vorgeschichte
Ganz ruhig hing die riesige Stahlkugel an dem massigen Bagger, dann begann sie zu zittern. Die ovalen Figuren, die sie dabei kreisend zog, wurden größer und größer. Alle schauten gebannt auf die Kugel, die immer kräftiger ausschlug. Nur noch wenige Zentimeter trennten sie noch von der Hauswand – der Bagger zitterte merklich. Noch etwas Schwung, dann krachte die Kugel vor das alte Fachwerkhaus und schlug erste Löcher in den Giebel.
Landeskonservator Hermann Alberts, eigens aus seinem Bonner Amt in die Eifel geeilt, schüttelte verärgert den Kopf:
»Das wird noch ein Nachspiel haben«, schimpfte er, »mit Gefahr für die Öffentlichkeit kann auch Ihr Oberkreisdirektor den Abriß eines Baudenkmals nicht begründen.«
»Der Abriß ist mit Mehrheit vom Kreisausschuß abgesegnet, zumal das Haus überhaupt nicht unter Denkmalschutz steht.«
»Wie sollte es denn auch, wenn dieses wertvolle Fachwerk jahrelang unter Blech- oder Eternitplatten versteckt war? Ich sag’s Ihnen nochmal: Hätte ich einen Tag früher von dem Abriß erfahren, dann könnte der Bagger jetzt nach Hause fahren. Unverrichteter Dinge!«
»Ich kann Ihre Aufregung nicht verstehen! Was soll so besonders an diesem Fachwerk sein! Alleine hier in der Gemeinde Hellenthal gibt es zig Häuser mit so einem Fachwerk.«
»Von wegen! Soll ich Ihnen mal etwas sagen: Hierbei handelt es sich eindeutig um den Beweis, daß bereits im achtzehnten Jahrhundert Juden in Hellenthal lebten.«
»Für diese Erkenntnis brauch’ ich kein Fachwerk.«
»Sehen Sie doch das Giebelfachwerk – eindeutig: hebräische Buchstaben. Ich bin sogar sicher, daß es sich um Zeichen aus der Kabbala handelt.«
»Das ist doch völliger Quatsch! Ich habe mich zufälligerweise mit diesem Thema beschäftigt. Wenn überhaupt Zeichen, dann germanische Runen. Mit viel Phantasie, ich betone: mit viel Phantasie, könnte man eine Lebensbaum-Darstellung reinlesen, vielleicht auch ein Andreaskreuz oder Feuerböcke. Gut, ich gebe zu, daß es sich um Heilszeichen handeln kann. Vielleicht hat aber der Baumeister auch nur mit seinem Werkstoff gespielt oder gespart. Und jedes noch so kleine Holzstück verbraucht.«
»Aber ich bitte Sie! Schauen sie doch hin: Die zum Dach ansteigenden Zedern des Libanon. Dort der Apfelbaum aus dem Hohelied. Hier in der Eifel wird ein jüdisches Kulturdenkmal zerstört. Sind wir wieder einmal soweit!«
»Jetzt machen Sie aber mal einen Punkt. Hier wird ein zugegeben schönes Fachwerk eingerissen. Aber wenn spielenden Kindern die Wand auf den Kopf gefallen wäre, hätte man uns in der Luft zerrissen. Und von Ihnen, Herr Landeskonservator, wäre zur Rettung des Hauses doch wieder nur ein Betrag von ein paar Mark fünfzig genehmigt worden. Ich sage es Ihnen noch einmal: Ein ganz normales Fachwerk. Hier geht die Phantasie mit Ihnen durch.«
Die Kugel hatten inzwischen einen Großteil des Giebels zum Einsturz gebracht, das morsche Fachwerk gab knirschend den Schlägen nach.
»Wie gesagt«, schimpfte der Landeskonservator, »das wird noch ein Nachspiel haben.« Dann stieg er in seinen französischen Kleinwagen und fuhr davon.
»Der soll lieber seinen ›R 4‹ ins Museum stellen! Wußten Sie übrigens, daß der für die Grünen im Bonner Stadtrat sitzt?« fragte der Bauunternehmer Werner Heinen.
»Der will hier bei uns in der Eifel immer sein politisches Süppchen kochen. Der Vorgänger ließ wenigstens mit sich reden.«
»Vor allen Dingen in Ihrem Weinkeller«, lachte Walter Dorn.
Werner Heinen und Walter Dorn wollten gerade zu ihren Wagen gehen, da rief der Baggerführer die beiden zurück: »Da liegt was!« Und tatsächlich! Die Kugel hatten in der Giebelwand eine kleine Kammer freigelegt, in der gut sichtbar ein Tongefäß stand.
»Jetzt auch noch ein Goldschatz! Dann haben wir noch das Rheinische Landesmuseum hier stehen«, stöhnte Walter Dorn auf.
»Die legen uns den Bau für Wochen still und reißen das Haus mit der Nagelschere ab.«
Die beiden Männer rannten zu der Wandöffnung:
»Gott sei Dank! Nur Papiere«, rief Walter Dorn.
»Aber ganz schön alt.«
»Die schick’ ich morgen auf dem Dienstweg nach Bonn.«
»Bis die da ankommen, steht hier kein Stein mehr.«
Walter Dorn blätterte nur kurz in dem dicken Schriftstück:
»Bestimmt was wert. Aber damit sollen die sich im Landesmuseum beschäftigen.«
»Was steht denn drauf?«
»Was Lateinisches. Über ein Kloster Richwinstein von einem Stephan Horrichem.«
»Damit ist wohl Reichenstein bei Monschau gemeint. Schade, so ein Goldtopf hätte mir besser gefallen.«
»Sie werden sich an den Mietwohnungen, die hier gebaut werden, schon einen Goldtopf verdienen.«
Der Bauunternehmer ging auf diesen Einwurf nicht ein:
»Wir sollten den Tag in meinem Weinkeller beenden!«
***
Drei Tage später lagen die Aufzeichnungen des Stephan Horrichem dem Rheinischen Landesmuseum in Bonn vor. Dort wurde in halbjähriger Arbeit die nun folgende populäre Übertragung erstellt. Dabei legte man Wert darauf, daß gewisse Eigenheiten des Urtextes erhalten blieben.
***
Vorwort des Stephan Horrichem
Lasset mich Euch eine gar schaurige Geschichte um das Kloster Richwinstein erzählen. Eine Geschichte, die mir selbst berichtet wurde und die ich Euch, im Angesicht meines nahen Ablebens, weitergeben will.
Als Stephan Horrichem wurde ich am 21. Dezember 1607 in Erp[1] geboren. Nach meiner Profeß 1620 ging ich weiteren Studien in Colonia nach, war Bakkalaurus der Künste. Meine Primiz war am 25. März 1622. Ende dieses Jahres zog es mich wieder nach Colonia, ich wurde Lizenziat, später Magister der Künste, um dann auch noch theologische Studien zu beginnen.
Während meines Studiums suchte ich Ruhe – eine Ruhe, die ich im regen Treiben der Dom-Stadt, aber auch bei meinen Brüdern im Kloster Steinfeld nicht finden konnte. Mein Abt gab mir daher den Rat, einige Wochen bei den Benediktinern im Kloster Richwinstein zu verweilen. Ausgestattet mit einem Schreiben für den dortigen Prior machte ich mich auf den Weg durch die Wälder der Eifel. Da sich damals überall im Lande Horden von mordender Soldateska herumtrieben, kleidete ich mich im Gewande der armen Bauern. Zwar hatte der große Krieg seine Fühler bis dahin kaum in diesen Landstrich ausgestreckt, doch ich wollte mich keiner unnötigen Gefahr aussetzen.
Zwei Tage dauerte meine Wanderschaft, ich ließ mir viel Zeit, da ich auf den noch leicht verschneiten Wegen zahlreichen Gedanken nachgehen konnte.
Vieles ging mir durch den Kopf. Sollte ich in das klösterliche Leben eintreten? Sollte ich Lehrender werden? Nach der Primiz meine theologischen Studien vertiefen, um mein Wissen später an meine Mitbrüder weitergeben zu können? Aber ich kannte auch die Not der Menschen in dieser Gegend. Hier meine Aufgabe zu sehen und zu suchen, erschien mir ein mögliches Lebensziel. Denn ich wollte immer schon den Menschen helfen, ihre Not mit meinem ganz bescheidenen Beitrag lindern. Der Magister, so fürchtete ich, würde mich zwar satt, aber zum Stubenhocker machen.
All’ diesen Gedanken ging ich bei meiner Wanderung nach. Gott, so hoffte ich, würde mir in Richwinstein eine Antwort geben.
Herberge für die Nacht fand ich bei einem Landmann auf den Anhöhen weit vor Montjoie. Am nächsten Tag erreichte ich gegen Abend das Kloster Richwinstein. Seit einigen Stunden hatte es erneut geschneit, dicke Wolken gaben nur hin und wieder dem Mond die Möglichkeit, meinen Weg zu bescheinen. Wenn der Mond kurze Zeit durch die Wolken brach, tauchte er die Landschaft in ein blaues Licht. Als ich den schmalen Pfad von der Roer zum Kloster hochging, sah ich, daß das Kirchenschiff hell erleuchtet war, die Fenster strahlten Wärme aus, ich fühlte, daß ich den Hort der Ruhe gefunden hatte. Hier erfuhr ich in den nächsten Wochen eine Geschichte, die ich Euch im folgenden zu Gehör bringen möchte.
[1] Das heutige Erftstadt
(1. Teil)
Im Hohen Venn
Im Gasthaus auf Hattlich[2], das einsam mitten im Moor lag, brannte nur noch eine Kerze. Der Wirt, Peter L’allemagne, der das Haus bewirtschaftete, war allein. Bei diesem Wetter – draußen regnete es schon seit dem Nachmittag – kam selten ein Gast in die gemütliche Stube.
L’allemagne schob den Riegel vor die schwere Tür, warf noch einen Scheit Buchenholz in den Kamin und zog seinen Holzsessel näher an das knisternde Feuer. Lange schaute der kräftige, narbengesichtige Mann in die Flammen und nahm dabei immer wieder einen kleinen Schluck aus einem winzigen Ton-Becher, in dem sich Absinth-Schnaps befand, ein Getränk, das die Nonnen des nahen Klosters Richwinstein seit Jahrhunderten brannten.
Doch mit der Ruhe auf Hattlich war es plötzlich vorbei!
Draußen hörte er die Glocke eines Pferdegespanns, das sich schnell dem Gasthaus näherte. Er griff zu seinem Degen, der lose über dem Kamin hing, entriegelte die Tür und riß sie weit auf, so daß mögliche Fremde sofort seine respektable Figur sehen konnten.
»No, laßt Euren Degen stecken, mein Freund«, rief eine Stimme aus der einspännigen Kutsche, »ich bin’s nur, Moyses. Mir war noch der Sinn nach einem Retsteener[3].«
»Sackerment, Ihr seid es«, rief der Wirt in die Dunkelheit, »bringt Euer Pferd in den Stall. Ich denke, Ihr wollt heute doch bestimmt nicht mehr nach Montjoie zurück.«
Der späte Gast war der Jude Johan Moyses, Maler aus Montjoie. Dieser entsprach so gar nicht der Vorstellung, die man sich damals von einem Juden machte. Nur selten sah man ihn in schwarzer Kleidung. Die Leute in der Stadt kannten den bartlosen Mann eher in seinem weißen, viel zu großen Umhang. So schritt er durch die Stadt, um Plätze und Eindrücke zu suchen, die er auf Holz malte. Die Menschen nannten ihn »de Mohler«, waren sie unter sich, nannten sie ihn »der Jüd«.
Nachdem die beiden Männer das Pferd im Stall versorgt und die kleine Kutsche in den Schuppen geschoben hatte, betraten sie die Gaststube, in der L’allemagne für seinen späten Gast einen Sessel an das Feuer zog:
»Hier, Euer Retsteener!«
»Habt Dank, L’allemagne!«
In einem Zug trank der Maler den kleinen Becher aus und sagte auch nicht ›Nein‹, als ihm der Wirt noch einmal nachschenkte:
»Ihr wollt mir doch nicht erzählen, Moyses, daß Ihr bei diesem Wetter nur des Absinthschnapses wegen von Montjoie hochgekommen seid?«
»No, da sollt Ihr wohl recht haben. Ich wollte Euch vielmehr um einen großen Gefallen bitten. Ihr habt doch noch die kleine Kammer, die für eine Magd gedacht war …«
»Ja, die steht leer. Ich verspüre auch keine Lust, mir so schnell ein Weibsbild ins Haus zu holen. Höchstens einmal in meine Kammer, wenn Ihr versteht, Moyses. Es gibt da so eine in Oepen, die könnte mir schon gefallen.
Der Maler ging über den letzten Satz hinweg:
»No, ich sage Euch auch ganz offen, warum ich eine Zeit hier oben im Venn leben möchte: Ihr wißt, ich bin Jude. Zwar läßt sich in Montjoie kaum einer etwas anmerken, aber die Kinder rufen mir auf der Straße oft unschöne Worte hinterher.«
»Sackerment! Was schert Ihr Euch um Gassengebrüll, da würde ich mir keine Sorgen machen.«
»No, Ihr habt ja recht, aber ich denke mir, daß die Kinder zu Hause gehört haben, wie die Eltern über mich sprechen. Nicht gut über mich sprechen.«
»Meiner Treu, solange Ihr kein Lutherischer seid«, lachte L’allemagne, »besteht hier auf dem Venn keine Gefahr. Aber ich will Euch nicht beunruhigen, indem ich Euch die Kammer verweigere. Ich schätze Euch, Moyses, seit ich aus Frankreich nach Hattlich kam. Und etwas Geselligkeit könnte ich hier oben sicher auch gebrauchen. Machen wir doch einen Handel. Ihr malt mir das Bild eines Uhrhanen[4] für meine Wirtsstube – dafür könnt Ihr die nächste Zeit hier wohnen.
»Nebbith, und Ihr gebt uns noch einen Retsteener. Abgemacht?«
»Abgemacht! Die Kammer ist Euer.«
Mit zwei kräftigen Handschlägen besiegelten die Männer das Geschäft.
»No, morgen werde ich meine Sachen holen. Ihr wißt, ich besitze nicht viel.«
»Und heute könnt Ihr schon einmal in der Kammer schlafen.«
* * *
Im Kloster Richwinstein schaute derweil Prior Berthold von Laon aus seiner Klosterzelle lange in die dunkle Nacht. Mehrmals klopfte er gedankenversunken auf den Fensterrahmen, stieß dabei Luft durch die Nase aus und starrte dann wieder ins dunkle Nichts. Kein Zweifel, der Prior erwartete jemanden. Jemanden, der noch da draußen auf dem dunklen Venn sein mußte. Doch es war kein Laut zu hören. Berthold von Laon trommelte ungeduldig mit den Fingern auf den Rahmen, und schloß dann das Fenster. Draußen schrie ein Käuzchen auf. Wenig später ging das Licht in der
