Dan Shocker's Macabros 34: Galeere des Grauens
Von Dan Shocker
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Über dieses E-Book
Die Kultserie MACABROS jetzt als E-Book. Natürlich ungekürzt und unverfälscht, mit alter Rechtschreibung und zeitlosem Grusel. Und vor allem: unglaublich spannend.
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Rezensionen für Dan Shocker's Macabros 34
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Buchvorschau
Dan Shocker's Macabros 34 - Dan Shocker
Wie die gespaltene Zunge einer Riesenechse sieht Fisherman’s Wharf aus, jener berühmte Fleck in San Francisco, wo die Feinschmecker hinkamen, um in den Fischrestaurants zu speisen. Es gab hier aber nicht nur die bekannten Restaurants, in denen man frische Krabben und Thunfische bekam. Wer hier promenierte, erfreute sich an dem bunten Bild der Hunderte von farbenprächtigen Fischerbooten, die hier in den rechteckigen Kaianlagen ankerten. Hier herrschte ein stetes Kommen und Gehen, und die Luft war erfüllt von fremden, aufgeregten Stimmen, vom Säuseln des Windes, dem Knattern der Segel und dem Duft der gegrillten, gebratenen und gekochten Fische. Am Kai entlang standen zahlreiche Imbißhallen, die gelieferte Fische und Krabben sofort zubereiteten.
Percy Jefferson, seines Zeichens Anwalt in San Francisco, kam gerne hierher.
Er stammte aus New York, hatte dort studiert und sich nach seiner Zulassung als Rechtsanwalt in San Francisco niedergelassen. Schon seit jeher interessierte ihn diese unamerikanischste aller Städte am meisten.
San Francisco bedeutete pulsierendes Leben, kosmopolitisches Leben. Diese Stadt war nicht so steril wie New York oder Chicago, und Jefferson gefielen die Großräumigkeit und die Geschichte der Stadt. Auch in New York gab es dieses bunte Völkergemisch und doch: hier in San Francisco waren die Menschen irgendwie anders.
Heiterer? Lebensfroher? Nahmen Sie nicht alles so ernst wie die New Yorker Geschäfteleute, die Manager und Bankiers?
Hing es damit zusammen, daß diese Stadt schon große Erdbeben erschütterten und die Menschen San Francisco trotzdem treu geblieben waren?
Er vermochte es nicht zu sagen.
Er lehnte sich auf eine Kaimauer. Nach See und Fisch roch die Luft, und der schlanke Mittvierziger atmete sie tief ein.
Er starrte auf das sich kräuselnde Wasser. Fischerboote und Jachten schaukelten in der abendlichen Dämmerung, und die Laternen am Kairand warfen ihren warmen Schein auf See und Boote.
Viele Menschen waren unterwegs und machten Spaziergänge. Jefferson sah sehr viele Familien.
Die Luft war warm und angenehm. Es wurde langsam Sommer.
Merkwürdig, wie sehr er auf diese Dinge achtete, wie intensiv er heute alles beobachtete, geradeso, als wäre es das letzte Mal…
*
Und genauso war es!
Der Tod lag in der Luft.
Percy Jefferson spürte ihn. Die anderen. Menschen nicht. Aber es war nicht deren Tod, es war sein eigener. Er war nicht krank und nicht lebensmüde, so daß er selbst möglicherweise Hand an sich gelegt hätte, um allem ein Ende zu bereiten. Er hatte das Schicksal herausgefordert und wußte, daß er diesem Schicksal nicht entging.
Es würde ihn treffen. Ob hier in San Francisco, ob in New York, Chicago oder Los Angeles. Der Ort blieb sich egal.
Der Anwalt atmete tief durch und griff nach der dezent gestreiften Krawatte, die er trug, lockerte sie und öffnete den oberen Kragenknopf, als ob ihm der Kragen plötzlich zu eng sei.
Jefferson wirkte bleicher als sonst, aber er machte einen ruhigen Eindruck.
Das Schicksal… was war das Schicksal? Eine unberechenbare Größe, etwas, dem man hilflos ausgeliefert war…? Nein, das war es nicht. Es war eine Kraft, die sich berechnen ließ, eine, die man rufen, mit der man umgehen konnte… wenn man wußte wie.
Aber es war müßig, sich jetzt noch darüber Gedanken zu machen.
Er löste sich von der flachen Mauer, die ihm bis zu den Hüften reichte und gegen die sanft und stetig das Wasser plätscherte. Nachdenklich lief er an der Mauer entlang, ließ seine Hand über die glatte, steinerne Oberfläche gleiten, und sein Blick war in eine imaginäre Ferne gerichtet.
Er wurde beobachtet. Von nichtmenschlichen Augen. Das wußte er.
Aber da war noch jemand, der ihn beobachtete und in diesen Minuten nur eine Steinwurfweite von ihm entfernt auf der anderen Seite des Kais stand, scheinbar nachlässig eine Zigarette rauchte und ein harmloser Spaziergänger war wie er.
In Wirklichkeit beobachtete ihn der schlaksige junge Mann sehr intensiv, und auch er löste sich von der Mauer, um Jefferson nicht aus den Augen zu verlieren.
Der Kai machte einen Knick nach links, wo die flachen Häuser mit den roten Dächern standen. Die Neonlichtreklamen leuchteten, und die Hotel- und Barbesitzer hier am Rande der Stadt schienen sich in Ausstattung und Form ihrer Reklame gegenseitig überbieten zu wollen.
Antonio’s leuchtete der in klaren Lettern geschriebene Name im Bauch eines grünen Glasfisches auf.
Hier war Jefferson während seiner Zeit, die er in San Francisco verbrachte, des öfteren gewesen. Anfangs immer mit seiner hübschen und reizenden Frau May.
Wenn er an sie dachte, erfüllte ihn Trauer, und ein schmerzliches Gefühl breitete sich um sein Herz herum aus.
Er hatte sich ihr gegenüber in der letzten Zeit nicht gerade zuvorkommend erwiesen.
»Verzeih«, murmelte er unbewußt, als liefe sie neben ihm her und könne ihn hören.
Er lenkte seine Schritte zu ›Antonio’s‹ und dachte daran, einen Krabben-Cocktail zu essen. Die schmeckten dort besonders gut.
Unwillkürlich beschleunigte er seinen Schritt, geradeso, als fehle ihm die Zeit.
Da schalt er sich im stillen einen Narren.
Wer sagte, daß alles so sein mußte, wie er befürchtete? Er konnte sich auch ebensogut täuschen.
Und noch mehr! All das, was er glaubte, erkannt und gemacht zu haben, konnte ein Traum sein. Vielleicht wachte er im nächsten Augenblick im Bett in seinem Haus auf und entdeckte, daß alles gar nicht stimmte?
Fast sehnte er sich danach, daß es so sein möge, und er merkte, wie wenig real seine Gedanken schon waren, wie absonderlich er sich verhielt, daß er nach solchen Möglichkeiten Ausschau hielt.
Was er erwartete, von dem er hoffte, es würde vielleicht doch nicht geschehen, passierte in einem Augenblick, als er am wenigsten daran dachte.
Er erreichte ›Antonio’s‹ nicht mehr.
Ein alles verzehrender Schmerz raste durch seinen Körper. Percy Jefferson stand wie vom Blitz gerührt und brach wie gefällt zu Boden.
Ohne einen Laut von sich zu geben, schlug er der Länge nach hin.
Da begann der schlaksige junge Mann zu rennen und lief auf ihn zu, noch ehe die meisten Passanten begriffen, was eigentlich los war.
*
Mord? Selbstmord?
Diese Gedanken beschäftigten Ed Gilmore, während er sich in langen Sätzen dem Zusammengebrochenen näherte.
Niemand war bei Jefferson. Kein Schuß war gefallen…
Ein Schwäche- oder Herzanfall? Auch das war möglich.
Die Passanten, die erschrocken und neugierig stehen blieben, dachten noch etwas anderes: ein Betrunkener, der gestürzt ist.
Ehe ein Passant auf den Reglosen zulief, um zu sehen, was wirklich los war, hatte Ed Gilmore das Ziel schon erreicht.
»Was ist los mit Ihnen…?« fragte er, sich bückend und Jeffersons Schulter vorsichtig umfassend. Beinahe hätte er sich dazu hinreißen lassen, den Namen des Anwalts auszusprechen. Jefferson – wär er noch am Leben – wäre mehr als erstaunt gewesen, aus dem Mund eines ihm Fremden seinen Namen zu vernehmen. Er wußte nichts davon, daß er beschattet wurde. Und er sollte es auch nie erfahren.
Er atmete nicht mehr. Er war tot!
Langsam drehte Ed Gilmore ihn herum, und da war es ihm, als ob eine unsichtbare Hand ein Rasiermesser über seinen Schädel und seine Wirbelsäule führe. Seine Kopfhaut zog sich zusammen, und ein Eisblock statt eines Herzens schien plötzlich in seiner Brust zu pochen. Er riß seine Hand zurück, als wäre er mit der Pest in Berührung gekommen.
Ein vielstimmiger Aufschrei! Mehrere Menschen wandten erschrocken ihre Köpfe. Frauen nahmen ihre Kinder beiseite.
Percy Jefferson sah furchtbar aus.
Sein Gesicht, seine Hände – waren schwarz wie Kohle und glänzten, als wären sie lackiert. Darüber hinaus waren seine Stirn und seine Wangen und die Oberlippe aufgeplatzt. Aber kein Blutstropfen quoll aus den Wunden hervor, die an tiefe Kerben erinnerten und von einem schartigen Messer ihm zugefügt schienen. Die Risse und Kerben in seinem Gesicht schimmerten weißrot.
Jeffersons Augen waren weit aufgerissen, und das Weiß seiner Augäpfel leuchtete aus dem pechschwarzen, lackierten Gesicht.
Der Anwalt, erst eben auf rätselhafte Weise gestorben, war eiskalt und steif wie ein Brett.
*
Einige Menschen wichen zurück. Andere kamen näher, scheu, ängstlich aber neugierig.
Im Nu bildete sich eine dichte Menschentraube um den Toten.
»Einen Arzt, schnell… jemand soll einen Arzt rufen… die Polizei.« Ed Gilmore konnte sich nicht daran erinnern, jemals so kopflos gewesen zu sein und ebensowenig daran, daß seine Stimme mal so belegt geklungen hatte wie in diesem Moment. Er hatte schon viele Tote gesehen – aber noch nie einen, der Jefferson glich.
Ein Passant lief davon, in ›Antonio’s‹, um zu telefonieren.
Gilmore hatte Mühe, die Neugierigen fernzuhalten, die den ersten Schock überwunden hatten.
»Das ist doch kein Mensch«, murmelte jemand.
Eine andere Stimme wurde laut. »Ich habe diesen Mann doch eben noch Spazierengehen seh’n. Er sah ganz normal aus.«
»Was kann das nur sein? Die Pest?«
Der Name verbreitete sich wie ein Lauffeuer.
Keiner dieser Menschen, die Jeffersons Anblick ertragen mußten oder wollten, hatte jemals einen Pestkranken gesehen. Die tollsten Vermutungen wurden sofort laut, und Ed Gilmore mußte feststellen, daß der Kreis der Neugierigen sich auflöste und sich kleine diskutierende Gruppen weiter abseits bildeten.
Die Polizei kam schnell. Fast zur gleichen Zeit tauchte auch ein Krankenfahrzeug in Fisherman’s Wharf auf.
Captain Santville, ein etwas korpulenter Mann mit ausgeprägter Stirnglatze, wurde von zwei Uniformierten und zwei Männern in Zivil begleitet. Die Cops machten sich sofort daran, die Neugierigen noch weiter zurückzudrängen.
Der fünfzigjährige Santville hatte ein rundes Gesicht, in dem zwei dunkle Augen listig funkelten. Diese Augen befanden sich in ständiger Bewegung, und nichts schien ihnen zu entgehen.
Das Verhalten der Menschen… der Ausdruck in ihren Gesichtern… der Tote… und der hagere, schlaksige Mann in dem hellen Leinenanzug…
»Ed Gilmore!« Santville schüttelte den Kopf. »Sie hätte ich am wendigsten, hier erwartet. Aber man ist ja nie vor Überraschungen sicher. Sie haben ihm gefunden?«
»Gefunden ist zuviel gesagt. Ich habe gesehen, wie er stürzte. Da bin ich hergerannt.«
»Sie – kennen ihn nicht zufällig?« Bin kurzes Leuchten erfolgte in Santvilles Augen.
»Natürlich nicht.«
»Natürlich nicht. Ich habe es mir beinahe gedacht. Sie sind – rein zufällig hier, Gilmore, wenn ich das richtig verstanden habe.«
»Genau, Captain.«
Santville nickte und ging um den Toten herum.
»Nicht anfassen«, sagte er knapp, als ein Begleiter sich bückte, um Jeffersons Jackettasche nach Ausweispapieren zu untersuchen. »Haben Sie ihn angefaßt, Gilmore?« fragte der Captain im gleichen Atemzug.
»Ja. Mir blieb nichts anderes übrig.«
»Wieso blieb Ihnen nichts anderes übrig?«
»Er lag mit dem Gesicht zur Erde. Ich habe ihn herumgedreht, um zu sehen, ob er tot war.«
»Hm…« Dyan Santville musterte den jungen Mann. »Hoffentlich haben
