Sorry Kids! Wir haben es versaut.: Die 69er möchten sich entschuldigen ...
Von Thomas Meik
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Thomas Meik
Thomas Meik, Jahrgang 1949, Studium der Mathematik und der Philosophie, lebt als Rentner in Hamburg
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Buchvorschau
Sorry Kids! Wir haben es versaut. - Thomas Meik
Für Angelika
Inhaltsverzeichnis
Sorry, Kids, wir haben es versaut!
Und was wir alles versaut haben
Haben wir nichts gemerkt?
Alles gewusst, nix getan
Einleitung
Das Jahr 69
Der Marsch durch die Instanzen
Der Sündenfall
Das Öffnen der Büchse der Pandora
Arbeitslosigkeit
Unser Umgang mit Wirtschaftskrisen, wahrlich keine Meisterleistung
Börsencasino
Tulpen statt Hirse - Ein Blumenmeer als Rettung vor dem Hungertod
Der Untergang der Gemeinwirtschaftsidee
Outsourcing
Lohndumping oder der Ruin der Löhne und Gehälter
Apropos Soziale Gerechtigkeit, was haben wir ihr bloß angetan?
Aber was ist denn eigentlich „soziale Gerechtigkeit"?
Zum Beispiel grundsätzlich in einer arbeitsteiligen Gesellschaft
Soziale Gerechtigkeit in der sozialen Marktwirtschaft
Soziale Gerechtigkeit heute
Abschaffung der Vollbeschäftigung
Zeitarbeit statt Kündigungsschutz
Von der Volksvertretung zum bürgerlichen Feudalsystem
Vernachlässigung der Sozialsysteme
Die staatliche Rentenversicherung und ihre kleinen aber gemeinen Webfehler
Niedergang der gesetzlichen Krankenversicherung
Jobcenter – vom Arbeitslosen zum Sozialhilfeempfänger
Erfolgreiche Steigerung von Unzufriedenheit und Politikverdrossenheit
Propaganda statt Informationen
Der Niedergang der Wahlbeteiligungen
Anonymes Kapital als Totengräber der sozialen Marktwirtschaft
Die Mär vom Fachkräftemangel
Umverteilung durch Inflation
Steuern, die Hälfte des Einkommens benötigt der Staat
Steuern: 10% auf alles müsste doch eigentlich genügen
Wiederbewaffnung Deutschlands
Wiedervereinigung, eine weitere vergebene Chance
Unsere Rechtsgrundlagen, Rom lässt grüßen
Das Märchen vom Segen der Privatisierung
Heiligsprechung des hemmungslosen Egoismus
Staatsverschuldung zumindest konnten wir deutlich steigern
Globalisierung hilft immer und aus jeder Krise
Wirtschaftswachstum, das Zauberwort einer ganzen Generation
Der BünaBe kriegt keine Wurst mehr
Adieu Kapitallebensversicherung
Ausweitung der terroristischen Anschläge
Nachhaltige Beschädigung der Gewerkschaftsidee
Aussetzung der Wehrpflicht
Unser Trauma heißt Vietnam und Kambodscha
Vom Lobbyismus zur Diktatur der wirtschaftliche Interessen
Wiedereinführung der Folter
Machtübernahme durch Controller und Berater
Von der Langeweile zum Stress pur: Schule und Ausbildung
Deutsche Entwicklungshilfe: Vom Bestechen der Lokalpolitiker zum Garantiegeber für private Investoren
Maschinen statt Menschen, gute Idee, leider nicht sozial verträglich umgesetzt
Hemmungslose Bevorzugung der Kapitalseite
Technologischer Abstieg: Ade Transrapid; Willkommen ICE
Framing und Nudging statt objektiver Berichterstattung
Wir haben uns dem nach Zinsen jammernden Kapital ausgeliefert
Totalversagen beim Abrüsten
Unvollständige Aussöhnung mit Polen und Russland
Aber was nun? Was soll man anders machen?
Sorry, Kids, wir haben es versaut!
Tja, da stehen wir nun dumm da und wissen nicht so recht, wie wir es den nachfolgenden Generationen erklären sollen. Natürlich können wir zu den üblichen Ausreden greifen, die wir uns dann allerdings erst einmal selbst glauben müssten, was - nebenbei bemerkt - unglaublich vielen Menschen überraschenderweise unglaublich leicht gelingt. Aber es ist einfach eine Tatsache: Keine Generation in der Geschichte – zumindest der Deutschen Geschichte - hatte so viele Chancen und Möglichkeiten, aus dieser Welt für alle Menschen für die kurze Zeit ihres irdischen Daseins einen angenehmen Aufenthaltsort zu machen wie wir. Und keine je hat eine derartige Chance dermaßen leichtsinnig versemmelt.
Heuschreckengeneration wird man uns einmal nennen. Und das auch noch zu Recht. Wir haben es nicht anders verdient. Wir haben alles abgegrast und hinterlassen kahl gefressene Gefilde. Wir, wenn ich uns mal kurz vorstellen darf, sind die Jungs und Mädels, die zwischen 1939 und 1959 geboren worden sind. Meine Wenigkeit übrigens ist Baujahr 1949. Man wird verstehen, dass ich mich selbst nur ungern als Heuschrecke bezeichnen mag. Ich denke 69er ist ein guter Name für uns. Einfach weil wir im Alter von etwa 20 Jahren im Jahre 1969 ins Leben getreten wurden.
Wir hatten eine tolle Kindheit (bis auf die üblichen Auseinandersetzungen mit den Altvorderen)
Wir hatten eine geile Jugend
Wir hatten perfekte Startchancen durch kostenfreie Ausbildungen
Wir konnten jeden Beruf ergreifen.
Wir hatten perfekte Gehälter
Und wir sind im Alter so gut versorgt wie niemand vor uns und wahrscheinlich auch nie jemand nach uns.
Wir müssen hoffen und beten, dass ihr, die ab 1960 Geborenen, uns nicht im Alter auf Fastenrationen setzt. Verdient hätten wir es. Wir hatten jede Möglichkeit der persönlichen und beruflichen Entwicklung und hinterlassen eine Welt, in der der Nachwuchs sich freuen darf, wenn er überhaupt einen Arbeitsplatz erhält. Den kann er dann in der Regel nicht leiden. Denn üblicherweise entspricht er in keiner Weise seinen Neigungen und Fähigkeiten. Aber dafür wird er schlecht bezahlt. Na immerhin. Witzigerweise – falls man darüber lachen kann – haben sich gerade die Pappnasen in meiner Generation, die sich in ihren jungen Jahren laut gegen eine jede derartig entwürdigende Behandlung gewehrt hätten, herrliche Auswahlprüfungen – neudeutsch Assessments – für Berufsanfänger ausgedacht. Mal ganz davon abgesehen, dass sie in der Regel heute noch durch jede der Prüfungen fallen würden, die sie jetzt anderen Leuten zumuten.
Wir hatten jede Möglichkeit, die Arbeitswelt zu gestalten, und zwar im Sinne der arbeitenden Menschen. Ist schon deswegen ganz großartig gelungen, weil sehr viele gar keine Arbeit finden oder gerade dabei sind, die ihrige zu verlieren. Aber immerhin haben wir unsere politische Chance genutzt. Wir hatten mal einen Außenminister, der früher lautstark auf der Straße protestiert hat. Und einen echten 69er als Kanzler. Na, wenn das nichts ist.
Also, sorry Kids, wir haben es versaut. Viel ist da für euch nicht mehr zu retten. Viel Spaß in der sich immer weiter ausbreitenden Apokalypse. Vielleicht hat ja auch eure Generation noch Glück und muss nicht den endzeitlichen Feuertod sterben, obwohl ihr unsere Fehler weiter kultiviert. Vielleicht nehmt ihr aber auch unsere Entschuldigung an, wenn ich euch kurz schildere, was wir falsch gemacht haben. Ihr zumindest könntet versuchen, Euch nicht bei euren Kindern entschuldigen zu müssen.
Zwar hat kaum einer von uns die Gesetze selbst gemacht oder die Entscheidungen gefällt, aber wir haben tätig (durch Wahlen) akzeptiert und nicht protestiert. Höchstens lautstark vorm Fernseher, wenn sonst keiner im Raum war, oder die beste aller Ehefrauen sich in die Küche flüchtete, weil sie des ewigen Gemeckers leid war. Geliebte gelebte Gleichgültigkeit hat die heutigen Situationen herbeizuführen geholfen. Also Mindestanklage: tätige Beihilfe zum Systemruin, zwar nicht vorsätzlich aber billigend in Kauf nehmend (also grob fahrlässig).
Lasst mich von den Zuständen zu unserer Zeit – also 1969 - ausgehen und schildern, was daraus geworden ist. Ein kurzer Blick auf die Jahre zwischen 1960 und 1970, als ein Großteil von uns ins Arbeitsleben getreten wurde. Wir hatten in Deutschland:
Vollbeschäftigung
deutlich mehr Stellenangebote als Arbeitssuchende
die Möglichkeit, dass jeder seinen Traumberuf anstreben konnte
Lehrherren, die Jagd machten auf Lehrlinge. Gelegentlich boten sie sogar die Hand ihrer Tochter (Meldung der BILD aus der Zeit)
soziale Marktwirtschaft , wenn auch nur eingeschränkt
ausgeglichenen Staatshaushalt
riesige Überschüsse in den Sozialkassen
Das war nicht unser Verdienst. Dahinter standen zum einen meine speziellen Freunde Jahrgang 1911 und älter, die 1932 den Führer per Wahlzettel möglich gemacht haben. Dann die Jahrgänge 1912 bis 1921, die Mitmacher in der NS-Zeit; jene also, die sich nicht genug wehrten. Und schließlich 1921 bis 1938, die Generation, die alles ausbaden musste; den Krieg und den Wiederaufbau. Zusammen haben sie den Zustand in 1969 zu Wege gebracht bzw. zu verantworten.
Bevor ich mich der Frage widme, wie unsere Generation das politische System unserer Gesellschafft hat verkommen lassen, möchte ich einige Anmerkungen der grundsätzlichen Art fallen lassen.
Kein Mensch ist freiwillig auf dieser Welt. Zumindest gibt es niemanden, der sich erinnern könnte, gefragt worden zu sein. Ganz im Gegenteil. Man wird von Menschen, die sich schon auf der Welt befinden, ohne eigenes Einverständnis vermöge eines eher etwas lächerlich anmutenden Aktes gezeugt, der eigentlich nur wegen der persönlichen Befriedigung der Beteiligten stattfindet. Und schon wird man auf diese Welt gelockt. Häufig auch noch aus Versehen. Man kann selbst absolut nichts dagegen unternehmen, zumal man als frisch erzeugte Eizelle nicht ahnt, was daraus wird, wenn man sich von einer Meute um die Wette schwimmender Spermien für einen der schnelleren an der Spitze entscheidet und die völlig ahnungslose und unvorbereitet Spermazelle in sein Inneres saugt. Leider ist man zu dem Zeitpunkt auch noch nicht in der Lage, sich wenigsten zu merken, dass das Gewinnen eines Wettlaufs nicht unbedingt ein Vorteil sein muss. So startet man ins Leben: Man hat gewonnen und somit verloren.
Man könnte versuchen seine Erzeuger, weil sie zeugten, wegen groben Unfugs zu belangen. Aber das gilt als humorlos. Allerdings ergeben sich an die Erzeugergeneration und die Generationen vorher, die sich noch nicht wieder aus dem irdischen Leben verabschiedet haben, einige ernsthafte und grundsätzliche Forderungen der Kinder, die man leider in unserem Rechtssystem nicht einklagen kann. Diese Forderungen sind schlicht und werden dennoch nur für die wenigsten Kinder durchgesetzt:
Ein Platz zum Leben. Also zumindest ein Dach über den Kopf und Platz genug für eine Privatsphäre.
Gesundheit und Ernährung im Kindesalter bis man sich selbst versorgen kann
Eine gute Schulbildung und eine Ausbildung in einem Beruf, damit man als Erwachsener eine Möglichkeit hat, sich würdevoll ernähren zu können.
Eine gleiche Startchance wie alle anderen.
Nun ja. Bei uns in Deutschland mag das gewährleistet sein. Aber im Rest der Welt? Wer das Pech hat, in ein indisches Dorf als Kind eines Tagelöhners geboren zu werden, der kann eigentlich gleich um seine nachträgliche Abtreibung bitten. Und so schaut es fast überall auf der Welt aus. Aber überall gibt es auch eine kleinere Gruppe von Menschen, denen es ausgezeichnet geht, und die gar nicht verstehen können, was einem an dieser Welt missfallen könnte.
Und dann kommt man mit dieser Anfangserfahrung eines sich wahrscheinlich bescheiden entwickelnden Lebens unter Umständen tatsächlich an eine Schule. Und was muss man sich anhören? Basis für unser Zusammenleben, seit wir uns zivilisiert nennen, wäre der Contract Social. Was ist denn das schon wieder? mag man denken.
Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes (Contract Social) heißt das Werk von Jean Jaques Rousseau. Es enthält drei Grundannahmen:
Die Voraussetzung der menschlichen Gemeinschaft oder auch Gesellschaft ist ein Vertrag untereinander. Das unterscheidet uns von den Sippen der Menschen im Naturzustand.
Grundlage dieses Vertrages ist der 'Gemeinwille', der nicht der Summe der Einzelinteressen entspricht, sondern absolut ist. Er geht von allen aus und zielt auf das Wohl aller. Gemeinwille und Gerechtigkeit fallen bei Rousseau zusammen. Sie haben ihren gemeinsamen Ursprung in der Vernunft und beruhen auf Gegenseitigkeit.
Alle ordnen sich diesem Vertrag freiwillig unter. Da der Gemeinwille unfehlbar ist, ist die freiwillige Zustimmung aller selbstverständlich.
Der dritte Punkt enthält die Nichtkündigungsklausel. Man kann sich also dieser Gesellschaft auch nicht einfach mit dem Hinweis verweigern, man hätte nicht unterschrieben.
Unglücklicherweise kann auch ein Einzelner behaupten, den Allgemeinwillen als einziger zu kennen und alle anderen unter seinen Willen zwingen. Das passt nicht recht in unsere Gesellschaft, die wir so gern demokratisch nennen.
Geht es bei Rousseau um den allgemeinen Willen, hinter dem sich die Vorstellung verbirgt, dass es ein Gemeinwohl gäbe, was allen Mitgliedern der Gesellschaft gleichermaßen dienlich sei, so ist die moderne Auffassung von Demokratie diesem Gedanken insofern entgegengesetzt, als es hier um ein Verständnis von Demokratie im Sinne konkurrierender Auffassungen und Interessen geht.
Die angelsächsische Konkurrenztheorie (auch als Elitentheorie bezeichnet) ist eine Demokratietheorie, die nicht von einem einheitlichen Willen, sondern von der Gespaltenheit der Gesellschaft vor dem Hintergrund unterschiedlicher wirtschaftlicher Interessen und weltanschaulich-politischer Willensrichtungen ausgeht. Sie steht damit im Gegensatz zur Identitätstheorie von Rousseau, denn nach der darf der gesellschaftliche Wille kein anderer sein als der des natürlich freien Menschen; es muss eine Identität von Einzelwillen und Gemeinwillen bestehen.
Die Konkurrenzdemokratie, teilweise auch als Mehrheitsdemokratie, Wettbewerbsdemokratie oder Alternanzdemokratie bezeichnet, beschreibt recht unterschiedliche politische Systeme innerhalb der Demokratie, die vorwiegend durch Parteienwettbewerb geprägt sind.
Grundvoraussetzungen für Konkurrenzdemokratie sind Pluralismus und das Mehrheitsprinzip. Der Pluralismus gewährleistet eine möglichst breite und differenzierte Parteienbildung, so dass die unterschiedlichen Meinungen innerhalb des Volkes wiedergegeben sind. Diese Parteien stehen im gegenseitigen Wettbewerb, zum Beispiel um die Regierungsmacht. Der Begriff Mehrheitsdemokratie, der häufig mit Konkurrenzdemokratie gleichgesetzt wird, hebt die Entscheidungsfindung durch den Mehrheitsentscheid hervor. In Folge dieses Mehrheitsentscheides besteht die Regierung eines Staates mit Konkurrenzdemokratie aus einer Partei, welche die Mehrheit im Parlament besitzt oder einer Koalition von wenigen Parteien, die zusammen meistens knapp die Mehrheit stellen. Die Parteien, die nicht in die Regierung eingebunden sind, werden als parlamentarische Opposition bezeichnet. Diese Opposition überwacht die Tätigkeit der Regierung, äußert sich kritisch und bietet Alternativen an. Sie kann außerdem versuchen, die Regierung mit Hilfe von Misstrauensanträgen zu stürzen, um selbst die Macht zu übernehmen.
Damit ein derartiges System nicht durch unglücklich verlaufende Wahlen und Abstimmungen zur Diktatur einer Partei oder gar einer Person verkommen kann, hat der kluge Herr Montesquieu die Gewaltenteilung erfunden, die viele Politiker gerade in der heutigen Zeit als äußerst störend empfinden und abzubauen trachten.
Die Grundlagen der Gewaltenteilung wurden bereits im 17. Jahrhundert erwähnt. Der Engländer John Locke, ein Rechtsphilosoph, erarbeitete die Basis der Gewaltenteilung. Nachdem später der Franzose Montesquieu die Dreiteilung der Gewalten beschrieb, fand die Gewaltenteilung ihren festen Platz in der Unabhängigkeitserklärung der USA. Darauf verweist deren politisches Programm aus dem Jahr 1776.
Gewalt ist Bestandteil von Staat und Gesellschaft. Wer Macht besitzt, ist immer fähig und in der Lage, diese zu missbrauchen. Den politischen Machtmissbrauch und die Konzentration der Macht soll die Gewaltenteilung verhindern. Die Verteilung staatlicher Gewalt spiegelt sich in drei Staatsgewalten wieder:
Die gesetzgebende Gewalt ist in Deutschland der Bundestag. Neben der Gesetzgebung, welche dessen Hauptaufgabe ist, übt er die Kontrolle über die Arbeit der Bundesregierung aus. Der Bundestag wird vom Volk gewählt. Zur gesetzgebenden Gewalt gehört auch der Bundesrat. Ohne seine Zustimmung kann kein Gesetz verabschiedet werden. Schließlich ist das Parlament ein wichtiger Faktor der gesetzgebenden Gewalt. Hier vertreten Parlamentarier ihre Bürger, von denen sie gewählt wurden, setzen sich mit politischen Schwerpunkten auseinander und erarbeiten Gesetze. Alles zusammen bezeichnet man als Legislative.
Die ausführende Gewalt wird geregelt von der Regierung und der Verwaltung. Zur ausführenden Gewalt gehören beispielsweise die Polizei, verschiedene Behörden und Ämter. Die Mitglieder der Bundesregierung zählen dazu und auch die Landesregierungen sind darin verankert. Zusammengefasst nennt man dies die Exekutive.
Die rechtsprechende Gewalt wird von Gerichten und deren Richtern durchgesetzt. Hier spricht man von Judikative.
Die Gewaltenteilung soll verhindern, dass eine der drei Staatsgewalten Herrschaft über die anderen Gewalten erlangt und diesen diktiert. Würde das passieren, wäre die demokratische Grundordnung in Gefahr und eine einzige Gewalt hätte das Monopol. Die Gewaltenteilung hätte versagt. Aus der Demokratie würde sich eine Diktatur entwickeln.
Der Franzose Montesquieu gilt als der erste, der die Idee der Dreiteilung der Gewalten schriftlich formuliert hat. Er kommt zu dem Schluss, dass eine strikte Trennung von gesetzgebender Gewalt, vollziehender Gewalt und richterlicher Gewalt größte Freiheit garantiert.
In der heutigen Zeit wirken die drei Staatsgewalten relativ ausgeglichen zusammen und sichern somit die bürgerliche Freiheit und die Demokratische Grundordnung. Es ist wichtig, dass die Gewalten nicht ganz und gar voneinander getrennt agieren, sondern dass eine gegenseitige Überwachung und Kontrolle geschieht. Diese sogenannte Gewaltenverschränkung macht das möglich, indem den Organen gewisse Eingriffsrechte in die einzelnen Gewalten zugesprochen wird. Auch im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland gehört Gewaltenteilung zu den obersten Prinzipien. Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Ohne Freiheit ist das nicht praktizierbar. Und Freiheit ist nur möglich, wenn Gewaltenteilung garantiert ist.
Und was wir alles versaut haben
Wir hier in Deutschland hatten eine wunderbare Chance, unsere Gesellschaft und unseren Staat völlig neu zu organisieren. Lernend aus den Fehlern, die weltweit in den Jahrtausenden davor schon einmal gemacht worden waren, hätten wir den „idealen" Staat, von dem schon der alte Platon geträumt hatte, auf die Beine stellen können. Hätten wir, haben wir aber leider nicht gemacht.
Beginnen wir am 8. Mai 1945. Deutschland war platt im wahrsten Sinne des Wortes. Die Städte zerstört, die politischen Strukturen verschwunden und die Gesellschaft völlig durcheinandergewürfelt. Russen, Amerikaner, Engländer und Franzosen herrschten über das Land. Leider nicht gemeinsam – und hier schleichen sich dann auch schon wieder die ersten Schwierigkeiten ein für das Ziel, einen perfekten Staat zu basteln – sondern in getrennten Zonen mit unterschiedlichen ideologischen Vorstellungen der Herrscher, die vor allen Dingen die wirtschaftliche Basis betrafen. Da unsere Generation keine Chance der Einflussnahme auf den sowjetisch besetzten Teil Deutschlands hatte, beschränke ich mich bei der Betrachtung, „Was wir alles versaut haben" fast zwangsläufig auf den Westteil, also den Teil, den sich Amerikaner, Engländer und Franzosen teilten. Selbstverständlich ergibt sich daraus sofort, dass wir keine Chance hatten, irgendwelche Ideen zu verwirklichen, die nicht den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Vorstellungen unserer Besatzer entsprachen.
Klar war dann natürlich auch, dass wir somit die grundsätzlichen Probleme dieser Vorstellungen erst einmal übernehmen mussten. Also all die Probleme, die seit der Einführung der parlamentarischen Demokratien in Amerika, Frankreich und England auf der Basis eines Kapital und Eigentum bevorzugenden Systems den dann tatsächlich realisierten Systemen von Anfang an (a priori) innewohnten, um es einmal vorsichtig auszudrücken.
Andererseits hatten wir eine ausgezeichnet Chance zur eigenen Ausgestaltungen auf dieser Basis. Zumindest am Anfang. Denn die Amerikaner, Franzosen und Engländer hatten und hätten fast jeder individueller Ausprägung zugestimmt, wenn dadurch nur noch mehr sichergestellt hätte werden können, dass Deutschland nie wieder in der Lage sein würde, einen Krieg zu beginnen. Daher durften wir zwar die Basis nicht in Frage stellen, aber konnten – und haben das auch getan – eigene Wege gehen, sowohl für das parlamentarische System, als auch für gesellschaftliche und sogar für wirtschaftliche Grundlagen.
Also bekamen wir das Grundgesetz, die soziale Marktwirtschaft und die eher britische Form der demokratischen Staatsorganisation. Und niemand war interessiert daran, dass Deutschland eine bewaffnete Armee haben sollte. Ganz im Gegenteil. Die Schrecken des zweiten Weltkrieges saßen tief bei den Siegermächten. Eine Wiederbewaffnung Deutschlands sollte auf jeden Fall vermieden werden. Deswegen starteten wir die Bundesrepublik lediglich mit Polizei und Bundesgrenzschutz. War auch nicht so schlimm. Von Soldaten und Uniformen hatte die Bevölkerung mehr als genug, und keine Armee zu haben erspart eine ganze Menge an Staatsausgaben.
Auf dieser Basis ging es rasch aufwärts mit Deutschland – wenn auch nur mit dem Westteil Deutschlands, der von Amerikanern, Franzosen und Engländern verwaltet wurde. Wesentlicher Grund dafür – und man sollte das nicht vergessen – bestand im Verzicht der drei Westmächte auf sogenannte Reparationen, also Leistungen der Deutschen als Wiedergutmachung für den im zweiten Weltkrieg angerichteten Schaden.
Es soll hier jetzt nicht die wirklich großartige Erfolgsstory des Wirtschaftswunders dargelegt werden, um letztendlich nicht zu weit auszuholen. Nur so viel sei festgestellt: Etwa um 1960 gab es die sogenannte Vollbeschäftigung in dem Sinne, dass jeder der arbeiten wollte, auch eine volle Arbeitsstelle zum tariflich vereinbarten Lohn erhalten konnte. Der Staat hatte keine Schulden, und das trotz des „Sündenfalls", sich auf Drängen der ehemaligen Sieger und anschließenden Verbündeten eine Armee mit enormer Belastung für den Staatshaushalt angeschafft zu haben. Ganz im Gegenteil, Staatsverschuldung war ein Fremdwort, und die Sozialsysteme für Renten- und Arbeitslosenversicherung warfen enorme Überschüsse ab.
Und dann ging es bergab. Erst langsam und dann immer rascher. Bis zum heutigen Zeitpunkt gab es nie wieder eine Erholungsphase. Warum? Nun die Politiker haben natürlich immer Antworten und finden die Schuld sehr schnell, nämlich beim politischen Gegner. Aber lassen wir die Politiker einmal einfach nicht zu Wort kommen und ganz kurz den Ablauf des Geschehens beleuchten, der zu der augenblicklichen Situation geführt hat. Woher kommen bloß die ganzen Arbeitslosen, soll hier zuerst beantwortet werden. Und was haben wir falsch gemacht? Was sollten wir zukünftig vermeiden oder grundsätzlich anders machen? Was können wir tun, um aus dem augenblicklichen Schlamassel herauszukommen?
Wie haben wir es geschafft, den Arbeitsmarkt so gründlich zu versauen?
Im Grunde genommen ist das Geschehen mit wenigen Schlagworten beschrieben. Outsourcing, Offshoring und Automatisierung haben die Arbeitsplätze entweder als eigenständige Aufgaben ganz oder zumindest teilweise aus unserem Land verschwinden lassen. Nährboden für diese Vorgehensweisen war unser wachsender Wohlstand basierend auf mit der Zeit recht hoch gewordenen Arbeitskosten.
Im Klartext: Wer nur alt genug ist, und das sind letztendlich inzwischen alle meine Generationsgenossen, wird sich noch gut an die Zeiten zwischen 1955 und 1965 erinnern. Da gab es wochenlang keine Zeitungen, weil die Drucker und Setzer ihren mächtigen Arm zum Protest reckten und für nicht ganz unerhebliche Lohnerhöhungen oder andere Verbesserungen ihrer Einkommensverhältnisse (zusätzliche Urlaubstage, kürzere Arbeitszeit, Weihnachtsgeld, zusätzliches Urlaubsgeld etc.) stritten. Sie waren die absoluten Spitzenreiter im jährlichen Wettbewerb um Verbesserungen. Heute gibt es den Beruf nicht mehr. Redakteure erstellen die Zeitungen mit Hilfe von Computerprogrammen und vollautomatischen Druckanlagen, die nur noch Hilfs- und Überwachungspersonal benötigen. Diese Entwicklung ging derartig rasch, weil die hohen Arbeitskosten enorme Investitionen lohnend machten. Oder etwas schlichter: Es lohnte sich für Unternehmen, die teure neue Technik einzuführen, weil sie nach deren Einführung sehr hohe Arbeitskosten einsparen konnten, so dass das investierte Geld innerhalb weniger Jahren mit prachtvoller Verzinsung wieder hereinkam.
Oder der heimische Bergbau. Auch hier wurde innerhalb kürzester Zeit eine Kostensituation erreicht, die zum einen ebensolchen Modernisierungsdruck aufbaute und aber zusätzlich das heimische Produkt so teuer machte, dass man besser im Ausland einkaufte.
Oder der Beruf der Näherin. Wer erinnert sich nicht noch an die Heerscharen von Frauen, die entweder in kleinen oder großen Fabriken oder als sogenannte Heimarbeiterinnen ihr Geld verdienten. Die haben allerdings nie allzu viel verdient. Sie hatten auch nie eine richtige Chance, für eine Verbesserung von Gehältern zu streiken. Sie waren die ersten Opfer von Modernisierung – man stellte von Fußschwung auf elektrische Maschinen um, und man erfand
