Über dieses E-Book
Trojans Werk umfasst Erzählungen, Reiseberichte und Artikel über die deutsche Pflanzenwelt.
Johannes Trojan
Johannes Trojan (14.8.1837 - 21.11.1915) war ein deutscher Schriftsteller. Trojans Werk umfasst Erzählungen, Reiseberichte und Artikel über die deutsche Pflanzenwelt.
Ähnlich wie Auf der anderen Seite
Ähnliche E-Books
Zwei Jahre in New-York: Schilderung einer Seereise von Havre nach New-York und Charakteristik des New-Yorker politischen und socialen Lebens Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGesammelte Schriften zu Kunst, Geschichte und Literatur: Essays zu Realismus, Kunst und Musik: Malerei in Italien, Rossini, Madame de Staël, Napoleon Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGesammelte Essays Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWanderbilder aus Central-Amerika: Skizzen eines deutschen Malers Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenVon Haparanda bis San Francisco Reise-Erinnerungen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenRichter und Dichter: Autobiografie Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenSchiffsreisen damals - Band 123 in der maritimen gelben Buchreihe bei Jürgen Ruszkowski Teil 1: Band 123 in der maritimen gelben Buchreihe Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenReise nach dem skandinavischen Norden und der Insel Island im Jahre 1845 Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Spielhölle in Baden-Baden Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWanderungen durch die Mark Brandenburg (Alle 5 Bände) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Feuerinsel im Nordmeer Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenSüdamerika Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGesammelte Werke Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenNeuseeland Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen62 Tage unter den Yankees: oder Das Land der freien Ellenbogen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenBrandung hinter Tahiti Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Scout Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Rose Feuerzauber Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenTagebücher von Kaiser Franz Josef Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAusflug an den Niederrhein und nach Belgien im Jahr 1828 Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenNach Amerika! Bd. 1: Ein Volksbuch Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGesammelte Werke: Romane, Philosophische Werke, Autobiografische Schriften und mehr Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenIni: Roman aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenStreifzüge durch Celebes Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenKubinke Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenErinnerungen an Ernst von Bibra: Ein Forscher und Erzähler aus Schwebheim Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGesammelte Expeditionsberichte der Grönlandreisen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAmerika! ... und zurück: Eine Geschichte für Simón Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenTokio - Berlin: Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Essays & Reiseberichte für Sie
Überall Nachbarn: Wie ich auf dem Mauerweg das alte West-Berlin umrundete Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenEin Jahr in Wien: Reise in den Alltag Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenStefan Zweig: Sternstunden der Menschheit Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenEin Jahr in Tokio Bewertung: 1 von 5 Sternen1/5Impossible India - Indien: Unmöglich!: Das Andere Buch über Indien, weil Indien Anders ist. Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenEin Jahr in Norwegen: Reise in den Alltag Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Berlin lieben lernen: Der perfekte Reiseführer für einen unvergesslichen Aufenthalt in Berlin inkl. Insider-Tipps, Tipps zum Geldsparen und Packliste Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenALS SIE VERSCHWANDEN: DAS VERGESSENE ERBE DER MENSCHHEIT Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Rezensionen für Auf der anderen Seite
0 Bewertungen0 Rezensionen
Buchvorschau
Auf der anderen Seite - Johannes Trojan
Inhaltsverzeichnis
Auf der anderen Seite
Überfahrt nach der Neuen Welt
Zwei Tage in New York
Fahrt von New York nach Toronto
Beschreibung der Stadt Toronto
Öffentliche Institute und Geschäftshäuser von Toronto
Der Lebensmittelmarkt von Toronto
Sitten und Gebräuche
Bevölkerungsverhältnisse
Floristisches
Auf dem Lorenzstrom
Montreal
In den wilden Wäldern
Auf den Seen von Kawartha
Lindsay
An den Niagarafällen
Die letzte Flasche Moselwein
Die Heimfahrt
Impressum
Auf der anderen Seite
Überfahrt nach der Neuen Welt
Wer die Neue Welt besuchen will, soll das nicht bis auf das Alter verschieben, denn das Alter neigt zur Bequemlichkeit, und mit bequemen Leuten ist drüben nichts Rechtes mehr anzufangen. Dieses ist meine Meinung gewesen lange Zeit. Als ich aber hinübergefahren und ein paar Tage drüben gewesen war, sah ich ein, dass ich mich in einem großen Irrtum befunden hatte. Ich erkannte, dass in allem, was die Bequemlichkeit und den Komfort des Lebens betrifft, die Neue Welt der Alten um vieles voraus ist, und da auch die Überfahrt selbst nur noch ein Katzensprung ist, wie man zu sagen pflegt, ohne Anstrengung sich ausführen lässt und dabei viel Vergnügen gewährt, so bin ich mir ganz klar darüber geworden, dass das Alter kein Hindernis mehr sein kann für einen, der Lust hat, die Neue Welt zu besuchen und ein bisschen Geld dafür auf die hohe Kante gelegt hat. Für meine Person habe ich das Alter überhaupt nicht als ein Hindernis betrachtet, weil bei mir die Lust zu Abenteuern und das Bestreben, den Anschauungskreis zu erweitern, mit den Jahren eher zugenommen als sich vermindert hat. Es lag aber bei mir noch ein besonderer Grund vor, die Fahrt über das große Wasser zu machen, und dieser besondere Grund hatte seine tieferen Wurzeln in der Liebe zweier Menschen zu einander.
Vor längerer Zeit hatte sich etwas begeben, worüber in den ersten Versen eines alten niederdeutschen Volksliedes berichtet wird. Der Anfang dieses Liedes lautet:
»Et wassen twee Künigeskinner,
De hadden enanner so leef,
De kunnen to nanner nich kummen,
Dat Water was all to breed.«
Es war aber nicht die Breite des Wassers allein, die die beiden Liebenden verhinderte, zu einander zu kommen, sondern auch noch andere Hindernisse lagen vor. Zum Glück erging es dem Paar, von dem die Rede ist, besser als den anderen beiden, deren trauriges Schicksal im weiteren Verlauf des alten Liedes erzählt wird. Alle Hindernisse wurden durch die Liebe überwunden. Es kam ein Tag, an dem durch das Kabel zwischen Europa und Amerika das Wörtchen »Komm« lief, das im Englischen » Come« geschrieben wird, und so kamen sie »to nanner«. Die einst am Strande der Ostsee in dem kleinen Wustrow auf dem mecklenburgischen Fischlande zu einander »Du bist mein und ich bin Dein« gesagt und sich Treue für immer gelobt hatten, bauten sich nun ein Schloss oder Nest, wie man es nehmen will, am Ontariosee in Kanada und waren zufrieden. Als aber ein paar Jahre vergangen waren und drüben schon ein Prinzesschen angekommen war, dachten die Eltern des einen der beiden Königskinder daran, ob es nun nicht an der Zeit wäre, dem jungen Haushalt auf der anderen Halbkugel einen Besuch abzustatten, überlegten hin und her und wurden endlich eins in dem Entschluss, hinüberzufahren.
Nach dieser Einleitung gehe ich von der dritten auf die erste Person über. Nachdem wir beide, meine Ehefrau und ich, die wenigen Sachen, die wir zur Reise brauchten, zusammengepackt, unser kostbarstes Gut, die noch zum Hause gehörenden Kinder, sicher untergebracht und Anweisung gegeben hatten, die Blumen auf dem Balkon während unserer Abwesenheit regelmäßig zu begießen, traten wir am 4. Mai des Jahres 1900 die Reise nach Bremen an.
Unterwegs erfreuten sich meine Augen noch an dem jungen Maiengrün der schlichten heimatlichen Landschaft. Wie anmutig standen die Birken da mit ihren schneeweißen Stämmen und dem zarten Laube! Auf der Heide, die im ganzen noch winterlich braun war, glänzten hie und da die in goldigem Knospenschmuck stehenden Büsche der Myrika hervor. Diese kann ich drüben wiedersehen, dachte ich, nicht aber das Heidekraut, das nur an wenigen Orten in Kanada zu finden ist und nicht in den Gegenden, wohin ich komme.
In Bremen gaben wir unser großes Gepäck für das Schiff auf und meldeten uns auf dem Hauptbüro des Norddeutschen Lloyd. Dann nahm ich die Gelegenheit wahr, meiner Lebens- und Reisegefährtin die Sehenswürdigkeiten der prächtigen Stadt zu zeigen, die mir von früher her bekannt waren. Wir besuchten auch die Wallanlagen und erfreuten uns an den mannigfaltigen Farbentönen des jungen Laubes der schönen Bäume, an den vielen blühenden Magnolien und den reizenden Blumenbeeten. Für seine Anlagen und Schmuckplätze tut der Bremer viel, und die reichen Handelsherren der Stadt sehen es als eine Ehre an, für ihre Erhaltung, Verschönerung und Vermehrung Summen herzugeben, über die man anderwärts erschrecken würde. Das könnte sehr wohl für manche andere Stadt – im Augenblicke fällt mir keine ein – zum Vorbilde dienen. Nachdem wir uns das alles angesehen hatten, legten wir uns selbstverständlich im Ratskeller vor Anker.
Die Flutverhältnisse, die »Tiden«, brachten es mit sich, dass unser Schiff, der »Große Kurfürst«, erst am Nachmittag des anderen Tages abgehen konnte. Ich wandte den noch freien Morgen dazu an, einen Blick auf den Wochenmarkt zu werfen, der auf dem schönsten Platze der Stadt, vor dem Rathause und dem Dom, um das Denkmal Kaiser Wilhelms und des Roland herum, abgehalten wird. Im hellen Sonnenschein dieses Tages war das ein entzückender Anblick. Bei den Blumenhändlern fiel mir auf, dass sie fast alle Kästen mit schon bewurzelten Ablegern von Hortensien, Fuchsien und Pelargonien hatten, die einzeln verkauft wurden. Das verdient Nachahmung. Eine solche junge Pflanze, die der Käufer selbst weiter aufzieht, gewöhnt sich leichter an den Ort, an den sie gebracht wird, und erweist sich »dankbarer«, wie der eigennützige Mensch sagt, als diejenige, die in voller Blüte stehend vom Markt genommen wird und gewöhnlich die Ortsveränderung nicht gut verträgt.
An diesem Morgen und schon am Nachmittag vorher waren die Straßen in der Nähe des Bahnhofes voll von Leuten aus dem Osten. Männer und Frauen waren es, die Frauen trugen meist farbige Röcke und bunte Kopftücher. Wir fanden sie nachher als Passagiere des Zwischendecks wieder und erfuhren, dass es größtenteils Ungarn, Slowenen und Russen waren, die in der Neuen Welt das Glück suchen wollten, das ihnen die Heimat verweigert hatte. Nun waren sie noch damit beschäftigt, sich die nötigen Papiere für die Fahrt ausstellen zu lassen und kleine Einkäufe zu machen.
Um halb zwölf Uhr ging ein Extrazug des Lloyd mit uns nach Bremerhaven ab. Auf dem Bahnhof erhielten wir ein gedrucktes Verzeichnis der Passagiere der ersten und zweiten Kajüte, deren im ganzen etwas über hundert waren. Das erscheint als eine geringe Zahl, wenn man bedenkt, dass die erste Kajüte 270 und die zweite 170 Fahrgäste aufnehmen kann. Aber der »Große Kurfürst«, der in meiner Vaterstadt Danzig auf der Schichauschen Werft gebaut ist und eben erst vollendet worden war, machte seine erste Fahrt, und es gibt viele Leute, die sich vor der ersten Fahrt auf einem neuen Schiff wie vor der auf einer neuen Eisenbahn scheuen. Nun, die erste Fahrt ist so glücklich verlaufen, wie nur irgend gewünscht werden konnte, und dass die Zahl der Mitfahrenden nicht allzu groß war, trug entschieden zu den Annehmlichkeiten der Reise bei. Zwischendeckspassagiere waren gegen tausend an Bord, es ist aber Platz für die doppelte Zahl vorhanden, wenn alle Räumlichkeiten des Zwischendecks zur Benutzung kommen.
Als wir auf dem Lloydbahnhof in Bremerhaven ankamen, sahen wir dicht vor uns den »Großen Kurfürsten« mit seinen gewaltigen beiden Schornsteinen auf dem Wasser liegen. Rasch begaben wir uns mit unserm Handgepäck auf das Schiff und hatten bald die für uns bestimmte Kabine oder Kammer, wie es jetzt heißt, gefunden. Was für ein allerliebstes Bauer, nicht übermäßig geräumig, aber groß genug für zwei Wandervögel. Die Wände von weißlackiertem Holz und getäfelt, der Fußboden mit einem Teppich bedeckt. An der Innenwand zwei Betten, eins über dem andern, und seidene Bettvorhänge. Zur Ersteigung des oberen Bettes dient eine Leiter. In die Betten hineinzuturnen erscheint zuerst etwas schwierig, lernt sich aber leicht und wird dann mühelos bewerkstelligt. Das übrige Mobiliar besteht aus einem Kleiderschrank, zwei Waschschränken mit einigen Schubladen, einem Sofa und einem Klappstuhl. Vom Bett aus lässt sich eine elektrische Lampe durch einen Griff anzünden und löschen. Am Tage gibt ein rundes Fenster Licht genug und gestattet die Aussicht auf das Wasser. Alles glänzt von Neuheit.
Nachdem wir unser Quartier für die nächste Zeit uns angesehen hatten, begaben wir uns wieder auf Deck. Auf dem Pier fanden noch Abschiedsszenen statt, bald aber waren die letzten Gepäckstücke durch den Schiffskran an Bord gehoben und weggestaut, bald wurde hinter dem letzten Passagier die Landungsbrücke, mit ihr zugleich die Verbindung mit der Alten Welt, abgebrochen, und unter den Klängen eines flotten Marsches, den die Schiffskapelle spielte, setzte das stolze Fahrzeug sich in Bewegung. Es war ein bedeutender Augenblick für einen, der zum ersten Mal die Fahrt macht, und mancherlei ging mir dabei durch die Seele. Nun lebe wohl, Europa! Zunächst verlieren wir dich noch nicht ganz aus den Augen, aber unsere Füße werden dich erst nach zehn Wochen wieder betreten. Unterdessen wachse und reife dein Korn, wie der Landmann es hofft, habe der Weinstock eine gute Blüte und bleibe Friede im Lande!
Der »Große Kurfürst« ist nach dem »Kaiser Wilhelm« und dem »Kronprinzen Wilhelm«, wie jetzt hinzuzufügen ist, der größte Dampfer der Flotte des Norddeutschen Lloyd und der nach den neuesten Erfahrungen am vollkommensten gebaute. Er hat eine Länge von l77 Metern und wo er am breitesten ist, eine Breite von 18,9 Metern. Gebaut ist dieser Riesendampfer nach dem sogenannten Barbarossa-Typ und besitzt wie die Fahrzeuge dieser Art ein mittschiffs stehendes, zwei Etagen hohes Deckgebäude, das den größten Teil der Kabinen erster Kajüte, den großen Speisesaal, ein Gesellschaftszimmer und ein Rauchzimmer enthält. Die Räume sind mit höchster Eleganz ausgestattet. Den Speisesaal zieren zahlreiche Bollhagensche Gemälde, die auf den Großen Kurfürsten und seine Zeit Bezug haben. Längs des Deckgebäudes laufen auf jeder Seite zwei Promenadendecke, eins über dem anderen, und auch das obere ist mit einem Schutzdach versehen. Dort lustwandeln die Passagiere, sitzen auf den Bänken oder liegen – vornehmlich die Damen – hingegossen auf für diesen Zweck besonders konstruierten Stühlen. Auf diesen Promenaden kann man so weite Spaziergänge machen, wie man will. Auf dem hinteren Teil des Schiffes befindet sich die zweite Kajüte, die ebenfalls mit einem geräumigen Speisesaal, mit einem hübschen Gesellschafts- und Rauchzimmer versehen ist. Das Vorderdeck dient den Passagieren dritter Klasse zum Aufenthalt in freier Luft während des Tages. Ihre Schlafräume befinden sich in verschiedenen Abteilungen des Hauptdecks. Außer den großartig eingerichteten Küchen enthält das Schiff eine Bäckerei und Konditorei, Badeanstalten, eine Frisierstube, eine Apotheke und ein Hospital. Auch eine kleine Druckerei ist an Bord. Drei Lindesche Kühlmaschinen sind vorhanden und drei Dampfdynamomaschinen zur Speisung von etwa tausend Glühlampen. Das Schiff ist ausgerüstet mit wasserdichten Schotten und mit vorzüglichen Vorrichtungen zur Feuerlöschung. Für den Fall der Not sind zweiundzwanzig Rettungsboote an Bord, mit Proviant und Wasser und allem sonst Notwendigen versehen. Die Besatzung beträgt zweihundertundsechs Mann, worunter siebzig Stewards sind. Zwei Ärzte besorgen den Krankendienst.
Der »Große Kurfürst« ist kein Schnelldampfer, er braucht für die Überfahrt zehn Tage, und etwas kommt noch dazu, wovon bald die Rede sein wird. Bei dem Rotesander Leuchtturm kamen wir in die Nordsee, bis dahin wird das Wasser noch als Weser gerechnet. Wir bekamen dann zur linken Hand die kleinen nordfriesischen Inseln und passierten, als es dunkel wurde, das Borkumer Feuerschiff. Am anderen Tage kam um Mittag auf der rechten Seite die hohe englische Kreideküste in Sicht mit dem grauen Heideland darüber, das ich mir in Gedanken mit goldenen Ginsterblumen ausschmückte, und auf dem linken die niedrigere französische Küste. Wir fuhren zwischen Dover und Calais hindurch und kamen in den Kanal. Die französische Küste verschwand bald wieder, die englische blieb weiterhin sichtbar. Wir kamen vorüber an Dungerness und Eastbourne. Von der schönen Insel Wight, auf die wir uns gefreut hatten, war leider wenig zu sehen, denn der Himmel war trübe geworden und es hatte sich Sprühregen eingestellt. Vorübergehend aber klärte es sich doch ein wenig auf, und ich sah während einer kurzen Zeit die Küste in der Gegend von Osborne und Cowes deutlich vor mir mit ihren Landhäusern, Schlössern, Türmen und hohem Baumwuchs in den zartesten Tönen zwischen Weiß und Grau, wie mit Silberstift gezeichnet. Vor Southampton, das in einiger Entfernung sichtbar wurde, warfen wir Anker, setzten einige Passagiere aus und nahmen andere auf, auch eine Anzahl Kisten mit essbaren Dingen wurden an Bord genommen. Darunter befanden sich, wie ich schon erwartet und gehofft hatte, köstliche Hummer, die an den folgenden Tagen unsere Tafel zierten. Nach einer Stunde fuhren wir weiter und erreichten, als es schon dunkel geworden war, die Felsriffe, die Needles genannt sind und eine Fortsetzung der Insel Wight bilden. Viele weiße und rote Leuchtfeuer, die zum Teil weithin ihren Schein über die See warfen, sahen wir auf beiden Seiten; das letzte ging von dem auf der letzten der Needles stehenden Leuchtturm aus. Von den Needles an wird die Zeit der Überfahrt gerechnet, die Strecke von Bremerhaven bis zu den Needles zählt nicht mit, wie etwa bei den neuen Häusern im Westen Berlins die unterste Treppe, die doch auch ihre zwanzig Stufen hoch ist, nicht mitgerechnet wird. Von Bremerhaven bis zu den Needles sind es 479 Seemeilen, von dort bis New York 3103 im mittleren Kurs. Wir nahmen aber einen etwas südlichen Kurs, wie es in dieser Jahreszeit geschieht, um der Gefahr des Zusammenstoßens mit etwa von Norden kommenden Eisbergen zu entgehen.
Am folgenden Tage war das Bild, das sich uns darbot, wieder ein anderes. Der Himmel war hell, der Wind wehte wie von Anfang an aus Südwest, war aber stärker geworden. Die See war voll weißer Schaumkämme. Am frühen Morgen wurde der berühmte Leuchtturm von Eddystone passiert, dann kam die felsige Küste von Cornwall mit dem Kap Lizard in Sicht, dann kamen wir an den Scilly-Inseln vorbei, die sich als gelbliche zerklüftete Felsgruppen und einzelne Felsen aus dem Meer erheben. Man konnte sehen, wie die weiße Brandung hoch an ihnen emporstieg. Der letzte Felsen, dessen man ansichtig wird, ist der Bishop Rock, auf dem ein Leuchtturm steht. Damit ging es in das offene Weltmeer hinein. Nun konnte unser Schiff fahren wie ein Wagen auf der Heide, wo, soweit man sehen kann, rechts und links alles Fahrweg ist.
Wir wurden nicht müde, uns am Anblick der See zu erfreuen. So ein großer Schraubendampfer durchpflügt recht eigentlich das Wasser, indem er, auch wenn es nur wenig bewegt ist, nach beiden Seiten hin hohe Wellen aufwirft, wie durch den Pflug der Boden aufgeworfen wird. In dem von der Höhe der Wellen aber durch den Wind zurückgewehten Wasserstaub erscheinen im Sonnenlichte dem Blick zahllose rasch vorübergleitende Regenbogen.
Der Tag, an dem wir in den Ozean einfuhren, war Montag, der 7. Mai. Am Dienstag blieben die Möwen aus, die uns bis dahin schreiend umflogen hatten, nicht ohne Grund darauf rechnend, dass für sie vom Schiff etwas abfallen würde. Es fiel manches für sie ab, denn alles, was von den Mahlzeiten auf dem Schiff übrig bleibt, wird in die See geworfen. Von diesem Dienstag an bis zum vorletzten Tage unserer Fahrt habe ich keine Vögel wieder gesehen, weder Möwen noch Seeschwalben noch Mutter Careys Hühnchen, von denen ich als Kind so viel in Campes Reisebeschreibungen gelesen hatte. Das hing mit der Jahreszeit zusammen. Alle diese Vögel brüten auf dem Lande und können sich dauernd erst auf der hohen See aufhalten, wenn ihre Jungen flügge geworden sind.
Am Mittwoch nahm der Wind sich gegen Abend stark auf und
