Hörbuch1 Stunde
Johann Wolfgang von Goethe: Reineke Fuchs
Geschrieben von Johann Wolfgang von Goethe
Erzählt von Peter Fricke
Bewertung: 0 von 5 Sternen
()
Über dieses Hörbuch
Der Stoff des Goetheschen Versepos kommt von weit her, ob man nun Jacob Grimms Annahme eines allen Tiergeschichten und -fabeln zugrundeliegenden großen indo-europäischen Tierepos teilt oder nicht: schon im 11. und 12. Jahrhundert entstehen lateinisch-sprachige Bearbeitungen von hohem Niveau (Echasis Captivi und Ysengrimms) im 13. und 14. Jahrhundert begegnen mittelhochdeutsche und mittelniederländische Ausformungen, ehe 1498 in Lübeck die berühmte Version in niederdeutscher Sprache erscheint, die der große Sprach- und Literaturtheoretiker Professor Gottsched – der Student Goethe hörte ihn noch in Leipzig persönlich – 1752 teilweise neu ediert und gänzlich in einer hochdeutschen Prosaübersetzung vorlegt. Diese kannte und liebte Goethe nachweislich schon als Sechzehnjähriger. 1793 formte sie der vierundvierzig-jährige Dichter in sein Hexameter-Epos um, dessen versrhythmische Kunst und dessen sprachmächtige Gestalt man immer bewundert und genossen hat. Nicht zu Unrecht bezeichnet die Germanistik die Reineke-Hexameter als die besten, die Goethe je verfasst hat.
Die sprachliche und metrische Gestaltung gewinnt ihren Reiz natürlich auch stark aus dem der ehrwürdigen Homerischen Form eigentlich kontrastierenden Inhalt. Denn der Ton in dem sonst Götter, Helden und deren (angebliche Helden-) Taten besungen werden, ist hier humorvoll auf das ebenso burleske wie beängstigende Treiben der Tierwelt bezogen. In der Wahl solch spezifischer künstlerischer Form, gewinnt Goethe gegenüber der im Grunde bis zur Verzweiflung bedrückenden Beschreibung des Zustandes dieser Welt, eine nicht nur ironische, sondern sogar eine humorvolle Position. Mit dieser nach den schlimmen Erfahrungen des Feldzugs gegen die französischen Revolutionstruppen nur mühsam wieder gewonnenen Haltung schuf er Distanz zu seiner damals besonders pessimistischen Einschätzung der Weltlage: Deren humorvoll-ironische Auffassung war für ihn eine Art Befreiung. Goethe hatte schon immer ein Faible und ein Sensorium für die kräftigen Reize der derben Sprache der Lutherzeit. Diese und der unverstellte (gesellschafts-)politische Realismus seiner Quelle ließen ihn an dem alten Stoff solchen Gefallen finden, dass er sich fast jeder inhaltlichen Erweiterung oder Veränderung enthielt: lediglich ganze sechzehn Verse hat er in zwei Passagen des VIII. Gesangs eingefügt, in denen er zum einen in heftigen Worten den Dünkel und den irrigen Wahn der Menschen, die sich dem Taumel der Revolution hingeben, als das Schlimmste brandmarkt: „Aber wie sollte die Welt sich verbessern? Es lässt sich ein jeder / Alles zu und will mit Gewalt die andern bezwingen. / Und so sinken wir tiefer und immer tiefer ins Arge.“ Zum andern rügt er die scheinheilige Geistlichkeit: Freilich sollten die geistlichen Herren sich besser betragen!
Historisch ist das in seiner allegorischen Lehrhaftigkeit überzeitliche Geschehen des Reineke Fuchs im Spätmittelalter angesiedelt: Staatsverfassung, Rechtsbräuche spiegeln diese Zeit, in der die bisherige Herrschaft des Faustrechts zusehends der Diplomatie das Feld räumen muß: der grobschlächtige, starke Wolf wird durch den schwächeren, aber klügeren Fuchs glorreich besiegt. Das geschieht nicht ohne ein gerüttelt Maß an schlimmen und schlimmsten Schandtaten – dennoch vermag man dem so unglaublich listigen Reineke eine gewisse Sympathie nicht zu versagen. Wenn er auch zahllose andere Tiere betrügt, schädigt, verletzt und zu Tode bringt, so ist doch allzu offensichtlich, dass diese in erster Linie Opfer ihrer eigenen Begehrlichkeiten, Triebverfallenheit und vor allem ihrer Selbstüberschätzung sowie ihrer damit korrespondierenden – zuweilen wirksam grenzenlosen – Dummheit werden.
Die sprachliche und metrische Gestaltung gewinnt ihren Reiz natürlich auch stark aus dem der ehrwürdigen Homerischen Form eigentlich kontrastierenden Inhalt. Denn der Ton in dem sonst Götter, Helden und deren (angebliche Helden-) Taten besungen werden, ist hier humorvoll auf das ebenso burleske wie beängstigende Treiben der Tierwelt bezogen. In der Wahl solch spezifischer künstlerischer Form, gewinnt Goethe gegenüber der im Grunde bis zur Verzweiflung bedrückenden Beschreibung des Zustandes dieser Welt, eine nicht nur ironische, sondern sogar eine humorvolle Position. Mit dieser nach den schlimmen Erfahrungen des Feldzugs gegen die französischen Revolutionstruppen nur mühsam wieder gewonnenen Haltung schuf er Distanz zu seiner damals besonders pessimistischen Einschätzung der Weltlage: Deren humorvoll-ironische Auffassung war für ihn eine Art Befreiung. Goethe hatte schon immer ein Faible und ein Sensorium für die kräftigen Reize der derben Sprache der Lutherzeit. Diese und der unverstellte (gesellschafts-)politische Realismus seiner Quelle ließen ihn an dem alten Stoff solchen Gefallen finden, dass er sich fast jeder inhaltlichen Erweiterung oder Veränderung enthielt: lediglich ganze sechzehn Verse hat er in zwei Passagen des VIII. Gesangs eingefügt, in denen er zum einen in heftigen Worten den Dünkel und den irrigen Wahn der Menschen, die sich dem Taumel der Revolution hingeben, als das Schlimmste brandmarkt: „Aber wie sollte die Welt sich verbessern? Es lässt sich ein jeder / Alles zu und will mit Gewalt die andern bezwingen. / Und so sinken wir tiefer und immer tiefer ins Arge.“ Zum andern rügt er die scheinheilige Geistlichkeit: Freilich sollten die geistlichen Herren sich besser betragen!
Historisch ist das in seiner allegorischen Lehrhaftigkeit überzeitliche Geschehen des Reineke Fuchs im Spätmittelalter angesiedelt: Staatsverfassung, Rechtsbräuche spiegeln diese Zeit, in der die bisherige Herrschaft des Faustrechts zusehends der Diplomatie das Feld räumen muß: der grobschlächtige, starke Wolf wird durch den schwächeren, aber klügeren Fuchs glorreich besiegt. Das geschieht nicht ohne ein gerüttelt Maß an schlimmen und schlimmsten Schandtaten – dennoch vermag man dem so unglaublich listigen Reineke eine gewisse Sympathie nicht zu versagen. Wenn er auch zahllose andere Tiere betrügt, schädigt, verletzt und zu Tode bringt, so ist doch allzu offensichtlich, dass diese in erster Linie Opfer ihrer eigenen Begehrlichkeiten, Triebverfallenheit und vor allem ihrer Selbstüberschätzung sowie ihrer damit korrespondierenden – zuweilen wirksam grenzenlosen – Dummheit werden.
SpracheDeutsch
HerausgeberMonarda Arts
Erscheinungsdatum15. Nov. 2024
ISBN9783939513100
Autor
Johann Wolfgang von Goethe
Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) was a German statesman and writer. He first received acclaim at the age of twenty-five with the success of his first novel, The Sorrows of Young Werther. His works spearheaded Germany’s Sturm und Drang literary movement. The Sorrows of Young Werther had a profound cultural influence, inspiring young men to dress in the style of Werther.
Weitere Hörbücher von Johann Wolfgang Von Goethe
Hörvergnügen mit Gert Westphal Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Italienische Reise Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenFaust I+II Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Wilhelm Meisters Lehrjahre (Ungekürzt) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDas Märchen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenFaust I (Ungekürzt) Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Die Leiden des jungen Werther Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGoethe: Die Leiden des jungen Werther Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Goethe & Schiller: Briefwechsel Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWilhelm Meisters Wanderjahre Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Leiden des jungen Werther (ungekuerzt) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens (Erster Teil) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Ähnlich wie Johann Wolfgang von Goethe
Ähnliche Hörbücher
Faust I (Ungekürzt) Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Deutsche Sagen und Legenden Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenIch bin so wild nach deinem Erdbeermund Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Schändung der Lucretia (Ungekürzte Lesung) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenFaust - Der Tragödie erster Teil Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungenschwarze Spinne Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenJeder Engel ist schrecklich - Freie Rezitation von Rainer Maria Rilkes "Duineser Elegien". Live-Mitschnitt (Ungekürzte Lesung) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAndreas Hartknopf: Allegorischer Roman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGebrüder Grimm, Bruder Lustig / Der alte Sultan / Die Scholle / Die ungleichen Kinder Evas Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Leiden des jungen Werther Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGebrüder Grimm, Der Eisenhans / Des Teufels rußiger Bruder Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Blonde Eckbert / Die Elfen / Der Runenberg Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGötterspiel – Verserzählung Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenNovelle / Das Märchen (Ungekürzte Lesung) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungenschwarze See Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDuineser Elegien / Sonette an Orpheus (Ungekürzte Lesung) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAndreas Hartknopfs Predigerjahre Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGeschichten vom lieben Gott (Ungekürzte Lesung) Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Lenz Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenErlesene Erzählungen 1 Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGeister-Schocker, Folge 112: Ritter, Tod und Teufel Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Allgemeine Belletristik für Sie
Die Mitternachtsbibliothek (Ungekürzte Lesung) Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Der Tod in Venedig (Ungekürzte Lesung) Bewertung: 3 von 5 Sternen3/5Was man von hier aus sehen kann Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Die Vermessung der Welt (Ungekürzte Lesung) Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Ein anderes Land, Band (Ungekürzt) Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Weiß (ungekürzte Lesung) Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Die Vegetarierin (Ungekürzte Lesung) Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Atmosphere: Roman | Starautorin Taylor Jenkins Reid erzählt von einer Liebe, die alles übersteigt Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Tschick (Ungekürzte Lesung) Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Not in Love - Die trügerische Abwesenheit von Liebe Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Miroloi (Ungekürzt) Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Menschenwerk (Ungekürzt) Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5The Stranger Times - The Stranger Times, Teil 1 (Ungekürzt) Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Moby-Dick oder Der Wal (Ungekürzte Lesung) Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Erste Hilfe Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Das Flüstern der Feigenbäume (Ungekürzt) Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Eine Billion Dollar Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5The Man in the High Castle - Das Orakel vom Berge (Ungekürzte Lesung) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenThe Girls Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Short Stories in German For Intermediate Learners: Learn and Grow Your Vocabulary with 20 Fun And Engaging Narrations Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenZauberberg 2 (ungekürzt) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Schneesturm (Ungekürzt) Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Wolkenschloss (Ungekürzte Lesung) Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Der letzte Satz (ungekürzt) Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Deine kalten Hände (Ungekürzte Lesung) Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Iphigenie auf Tauris Bewertung: 3 von 5 Sternen3/5Das Jahr des Dugong - Eine Geschichte für unsere Zeit (Ungekürzt) Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5
Verwandte Kategorien
Rezensionen für Johann Wolfgang von Goethe
Bewertung: 0 von 5 Sternen
0 Bewertungen
0 Bewertungen0 Rezensionen
