Wir lachen bis heute
Von Andi Herzog und Toni Polster
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Wir lachen bis heute - Andi Herzog
Zwei Lausbuben …
… beim Erwachsenwerden
Eine Ode an die Mütter
POLSTER: Mein Vater Anton hat auch in der Bundesliga gespielt, beim SVS Linz und bei der Admira. Natürlich nicht so erfolgreich wie Andis Papa Burli, aber er war ein richtig guter Kicker, ein Talent. Technisch hervorragend, sein linker Fuß …
HERZOG: Also ganz das Gegenteil von dir …
POLSTER: Er war aber mental nicht so stark. Ganz anders meine Mutter. Sie wäre für meine Schwester Karin und mich nicht durch ein, sondern durch drei Feuer gegangen. Wenn jemand zu uns etwas Ungerechtes gesagt hat, ist sie dem ordentlich ins Wort gefallen. Ein Orkan hat sich dagegen wie ein Lüfterl angefühlt.
HERZOG: Schön, wenn du als Kind weißt, dass deine Eltern so hinter dir stehen.
POLSTER: Kaum mit ihr allein, hat sie mich hergeholt. »Toni, anfangen brauchst nicht, aber gefallen lassen musst du dir auch nix. Dann fährst über den drüber wie ein Bulldozer.« Von der Mama habe ich mehr fürs Leben gelernt als vom Papsch.
HERZOG: Die Väter haben uns die Fußball-Gene mitgegeben: Spaß, Ehrgeiz, Leidenschaft. Wie so oft haben aber die Mütter im Hintergrund die wichtigen Entscheidungen getroffen.
POLSTER: Die Mama hat sich immer durchgesetzt. Shoppen beim TUREK auf der Favoritenstraße. Sie kauft mir eine Winterjacke. Um 1.000 Schilling. Aus Leder, gefüttert, blau. Wir raus aus dem Geschäft. Um die Ecke ist das TUREK-Outlet. Dort hängt dasselbe Modell in braun, um 800 Schilling. Sofort retour. Der Verkäufer rechtfertigt die Preisdifferenz: »Die Farbe ist der Unterschied!«
Mama war empört. »Der Bub zieht auch eine Braune an.«
HERZOG: Eine grüne Jacke hätte wohl 1.500 Schilling gekostet, eine violette hättest du geschenkt bekommen.
POLSTER: Von der Grünen hätte ich einen Ausschlag bekommen. Jedenfalls fragt der Verkäufer: »Geld oder Gutschrift?«
Mama: »Die Kohle natürlich!«
HERZOG: »Ich hatte auch ein Einkaufserlebnis mit der Mama. Sie wollte mir unbedingt weiße Schuhe kaufen. Ich wollte keine weißen. Sie sagte: »Das tragen die Jungen jetzt im Sommer.« Sie hat sich ebenfalls durchgesetzt. Ich war mit 14 Jahren noch total unselbstständig. Nicht umsonst als Mamakind verschrien.
Bei meinem Wechsel nach Bremen sagten meine Herren Kritiker sogar noch, das Muttersöhnchen ist in drei Monaten eh wieder daheim. Knapp daneben: Insgesamt war ich als Kicker fast elf Jahre im Ausland. Zurück zu meinen neuen, weißen Schuhen. Kaum aus dem Geschäft draußen, bin ich mir sofort mit dem linken auf den rechten Fuß gestiegen und umgekehrt. Solange, bis die Bock nicht mehr ganz so weiß aussahen. Meine ersten Schritte in die Selbstständigkeit.
POLSTER: Stichwort weiße Weste! Meine Mutter ist am Ostbahn-XI-Platz sogar einmal aufs Spielfeld gelaufen. Ich bin gefoult worden, es kam zu einem Tumult. Plötzlich meine Mama mittendrinnen, sie hat alle auf die Seite gestoßen. Das Kapitel wurde damit aber leider beendet. »Mama«, hab ich gesagt, »ab jetzt können wir dich nicht mehr auf den Fußballplatz mitnehmen.«
HERZOG: Mütter fiebern und leiden ja immer mehr mit als Väter. Kathi und ich haben unserem damals 17-jährigen Sohn Luca beim Meisterschaftsspiel in Retz zugesehen. Niederösterreichische Landesliga, er spielte bei Stockerau. Die Retzer Zwei-Meter-Prügel sind zu zweit auf ihn los und haben ihn fürchterlich zusammengeschnitten. Luca ist in hohem Bogen durch den Strafraum gesegelt. Das Foul war leider außerhalb. Kathi schreit entsetzt: »Jessas, jessas. Der arme Bub!« Ich habe gelacht.
»Andi, bist du wahnsinnig? Hast du nicht aufgepasst, wie sie den Luca arg bedienen?«
Ich sagte zu ihr: »Willkommen im Männer-Fußball. Er steht ja eh schon wieder!«
Die Schulzeit
Herzog: Statt Schulauf die Ersatzbank
Polster: »Ich besitze die kleine Matura!«
POLSTER: Ich war ein ökonomischer Schüler. Ich habe versucht, mit wenig Aufwand viel zu erreichen.
HERZOG: Das ist dir geblieben, im Leben wie im Fußball!
POLSTER: So bin ich immer durchgekommen. Meine Mama hatte stets den Traum vom Gymnasium mit Matura, aber das war nicht zum Schaffen. Da habe ich schon fünf Mal in der Woche trainiert. Vier Mal mit der Mannschaft, einmal Spezialtraining.
HERZOG: Ach so, im Fußball! Ich dachte Nachhilfe in Mathe. Die ersten vier Jahre in der Singrienergasse im Gymnasium war ich kein schlechter Schüler. Es ist streng zugegangen und schwer gewesen, zum Beispiel in Mathe und Englisch. Allerdings habe ich dann vier Jahre lang in der Handelsakademie in Hetzendorf davon profitiert. Bis auf Buchhaltung und Betriebswirtschaftslehre, die neuen Gegenstände, ist es mir leichtgefallen.
POLSTER: Ich habe zwar permanent meine Hausaufgaben gemacht, aber für das Lernen hatte ich im Gymnasium keine Zeit. Ich bin vis à vis vom Horr-Stadion in die Neuland-Schule gegangen. Kein Fünfer, aber sieben Vierer.
HERZOG: In der vierten Klasse durfte ich schon öfter bei den Profis mittrainieren. Ohne Entscheidungsprüfung waren es von dreizehn Noten elf Vierer im Zeugnis. Meine Mutter hat immer gesagt, Hauptsache durch. In sieben Gegenständen stand ich zwischen 3 und 4. Der Lehrer hat mich gefragt, ob ich eine Prüfung machen möchte, habe ich gesagt: »Nein, danke, Hauptsache durch.« Dann kam ich mit dem Zeugnis heim und die Mama hat mir mein Ohrwaschl verdreht …
POLSTER: Ich verbrachte nur eineinhalb Jahre im Gymnasium, bin später in die Sporthauptschule Wendstattgasse gewechselt. Dort haben wir die Schülerliga gewonnen, mit dem Rapidler Poldi Rotter. Im Finale gegen die Roda-Roda-Schule mit Andi und Ernst Ogris. Sie wurden 4:2 abserviert. Ein oder zwei Polster-Tore. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern.
HERZOG: Dein Glück, dass du älter warst. Gegen meine Klasse hättest du nichts gewonnen. In der fünften Handelsakademie bin ich mit Rapid schon im Europacup unterwegs gewesen. Mittwoch Spiel, Donnerstag Schularbeit in Betriebswirtschaftslehre. Nach fünf Minuten war ich fertig. »Frau Professor, ich weiß überhaupt nix.«
»Das dachte ich mir schon«, hat sie geantwortet, »ich habe dich gestern im Fernsehen auf der Ersatzbank sitzen gesehen.« Im Halbjahreszeugnis vier Fünfer. Die Mama ist narrisch geworden.
POLSTER: Ich besitze die kleine Matura: Eine Volksschulklasse, eine Fahrstunde und sechzig Minuten Tanzschule. Im neunten Jahr habe ich die Schule für Elektrotechnik absolviert.
Lieblingsfächer
HERZOG: Mein Lieblingsfach: Spanisch, wegen der Lehrerin, die war sehr hübsch! Auf die bin ich gestanden. Chemie und Physik haben mich überhaupt nicht interessiert. Wenn ich das mit meinen Kindern lerne, beschleicht mich genau das gleiche Gefühl wie vor vierzig Jahren. Mich krampft es so richtig zusammen.
POLSTER: Ich hatte in Musik Probleme. Der Lehrer stand vorne mit der Geige und spielte etwas vor. Wir mussten dazu die Noten aufschreiben. Das konnte ich nicht. Ein hoher Ton, oben. Nicht so hoch, ein bisschen drunter. Für mich eine Katastrophe. Paradox, jetzt liegen meine Goldenen Schallplatten daheim!
HERZOG: Turnen hast du sicher nicht wollen …
POLSTER: In Turnen und Religion war ich Weltmeister! Sonst mit sieben Vierern überall gefährdet. Latein? Nicht meins. Eine tote Sprache. Nachher hatte ich davon allerdings in Italien und Spanien einen Nutzen. Das war ein Fundament, wo du sprachlich vieles ableiten konntest.
Stundenwiederholung
HERZOG: In Geographie und Geschichte bin ich gut gewesen, wenn mich das Thema interessiert hat. Wir haben unseren strengen Geschichte-Lehrer immer verarscht, weil er dauernd den gleichen Pullover anhatte. Ich wettete mit meinem Freund, dass er wieder den hellblauen trägt, so wie die letzten zwei Wochen. Er stand hinter uns und hat alles mit angehört. Schon musste ich zur Stundenwiederholung antreten. »Wer war der politische Gegenspieler von Mussolini?« Ein gewisser Matteotti, den hat er nur ganz beiläufig erwähnt. Ich habe ihn mir aber gemerkt, weil bei Inter Mailand hieß die Nummer 10 genauso.
POLSTER: Wären wir damals schon so gescheit gewesen wie heute, hätten wir vielleicht mehr gelernt. Natürlich ist die Schule wichtig. Trotzdem, es sind viel zu viel unnötige Sachen dabei. Ich war mit der Schule nie im Stephansdom. Das wäre doch besser gewesen als einen Zapfen auszurechnen.
HERZOG: Apropos wichtig. Ich komme von der Schule nach Hause und sage zu meiner Mutter: »Mama, Trainer Barić nimmt mich aufs Trainingslager nach Saudi-Arabien mit.«
Schon ist das Ohrwaschl wieder 360 Grad umgedreht gewesen. »Du kannst dem Herrn Barić ausrichten, mit diesen Noten fährst du nirgendwo hin. Die Mama hat es dir verboten!«
Barić hat nur den Kopf geschüttelt. »Wollen Sie die Schule machen oder Fußballprofi werden?« Ich habe zwar die Matura geschafft, aber dank dem Lernen war ich drei Monate in die Unter-21 versetzt. Das war’s mir im Nachhinein wert. Daher mein Rat an junge Spieler: nicht zu ungeduldig sein. Eine Ausbildung ist entscheidend. Wurscht ob Lehre oder Schulabschluss. Wer weiß, was nachher passiert?
POLSTER: Ich habe meine Lehre fertiggemacht als Industriekaufmann bei den Wiener Verkehrsbetrieben und am nächsten Tag einen Vertrag unterschrieben.
Allerdings: Beruf nie ausgeübt! Zurück zur Schule. Ich wiederhole mich: Eine Menge unnützes Zeug. Zum Beispiel Steno. Ich habe viel schneller geschrieben. Was ich brauche, kann ich: rechnen und schreiben.
HERZOG: In Maschinschreiben hat der Lehrer etwas diktiert. Wir mussten stenografieren und dann tippen. Ich habe normal mitgeschrieben, Steno so gut es ging nachgetragen. Also eigentlich von hinten nach vorne. Jeder hat Gegenstände, die ihm völlig egal sind. Wenn ich in Chemie und Physik schlecht bin, weiß ich doch sofort, darin werde ich nie einen Job ausüben. Viel effizienter wäre doch Persönlichkeitsentwicklung, Themen der Zukunft, wo die Schüler für das Leben etwas lernen.
Schummeln und Streiche
POLSTER: Herzerl, sei ehrlich: Hast du in der Schule geschummelt?
HERZOG: Klar habe ich in der Schule geschummelt. Fünf Stunden Mathe-Matura. Ich wusste, ein Beispiel kann ich gar nicht. Eine Gleichung aufstellen. Am Klo wurde eine Kachel rausgebrochen, mein Freund ist raus und hat die Lösung reingepickt. Danke, Genügend!
POLSTER: Ich musste auch manchmal schummeln. Ich hatte ein dunkelgrünes Federpenal. Da habe ich mir alles aufgeschrieben.
HERZOG: Es zeigt sich erneut, tief im Herzen drinnen warst du schon als Schüler ein Grüner!
POLSTER: Für etwas muss das Grüne ja gut sein …
HERZOG: Grün wie du ja hinter den Ohren bist. Welche Streiche hast du in der Schulzeit gespielt?
POLSTER: Ich habe mal einer Mitschülerin einen Liebesbrief von einem anderen hinterlegt. Zwar selbst geschrieben, aber nicht in meinem Namen. »Willst du mit mir gehen? Liebe Grüße, Rudi.« Die erste Fake-Nachricht!
Zweimal dem Tod ins Auge geblickt!
HERZOG: In meiner Kindheit und Jugend bin ich viel mit dem Radl herumgefahren. Damals noch ein richtiges Rennrad, mittlerweile fahre ich ein E-Bike. Ich habe mir im Fernsehen Motorradrennen angesehen, den Giacomo Agostini, so wollte ich auch durch die Gegend düsen. Im Gemeindebau auf engen Wegen. In den Kurven habe ich mich extrem reingelegt. Da waren mir in fünf Jahren schon drei bis vier Leute im Weg, die einfach niedergeschnitten wurden. Einmal, ich konnte gerade noch ausweichen, radierte mein Kopf nicht unerheblich an der Wand. Genau unter meinem Kinderzimmer.
POLSTER: Wir waren ja arme Leute. Das Radl habe ich daher von meiner Schwester übernommen. Ich bin völlig frustriert gewesen. Ein Damenfahrrad!
HERZOG: Wahrscheinlich noch mit Stützen.
POLSTER: Mit zehn Jahren blickte ich das erste Mal dem Tod entgegen. Wir tauschten. Ich habe meinen Ball hergeborgt. Im Gegenzug bekam ich ein Rennrad. Am Brunnweg ging’s ordentlich runter, ich habe noch fest reingetreten. Was ich nicht wusste: Dass die Bremsen vorne sind, mit dem Pedal gab’s keine Rückbremse. Die suchte ich vergeblich. Da trat ich ins Leere …
HERZOG: Wo bist dann angekommen? Am Schneeberg?
POLSTER: Ich bekam die Panik. Mein Plan: Ich streife seitlich an einer Mauer an, um stehenzubleiben. Das traute ich mich aber nicht. Augen zu und unten über die stark befahrene Straße drüber. Mein Glück: Genau in der Sekunde kam nichts. Auf der anderen Seite hat’s mich in hohem Bogen über die Gehsteigkante geworfen. Mit Karacho drüber. Ich lag in der Wiese, total zittrig, voller Angst. Wenn mich ein Auto erwischt hätte, wäre ich wohl tot gewesen.
HERZOG: Das sind so die Situationen im Leben, wo du tausend Schutzengel brauchst, sonst ist es schnell vorbei. Mein bester Freund bei der Admira ist mit 16 Jahren mit dem Motorrad tödlich verunglückt.
POLSTER: Auch mein Sohn hatte Riesenglück! Wir fuhren auf einen Gletscher zum Skifahren. Ich komme mit dem Auto nicht weiter, weil ich keine Schneeketten oben hatte. Rechts ran. Ich gehe mit meinem dreijährigen Buben ein paar Schneebälle schießen und rufe ihm zu: »Toni, dort
